Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 39 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 aufmerksam;u machen, daß es schlecht um bcn Menschen' und die Menschheit stünde, wenn er seinen natürlichen Anlagen; und Leidenschaften freien Lauf ließe, und seine Entwickelung; nur darin fände, die wilden Begierden seines Herzens zu entwickeln? Nein! der Beruf des Menschen ist cs, das! Wilde in seiner Natur.;u unterdrücken, das Gemeine zu überwinden, und das Edle und Erhabene an ihre Stelle zu bringen. 0o ist cs auch eine große Aufgabe des Menschen; ' geistes, die Rachgier in seinem Innern;u überwältigen, und die Gchßmulh dem Feinde die Hand zur Versöhnung, das Herz zum Verzeihen barbieren zu lassen. Du hast Recht, erwiderte mein Freund, aber hier liegt doch die Sache anders, als bei den übrigen Leidenschaften. Dieselben sollen nicht ausgerottcr, nicht gänzlich beseitigt, sondern nur geregelt, gezügelt, gemäßigt, und dann sogar für die Zwecke des Lebens verwendet werden. ' Die h. 'Schrift verbietet nirgends die Lust am Eigenthmne, und da sie die Arbeitsamkeit belobt, muß sie auch der?«"' Triebfeder und Erfolg zulassen; eines gewissen Ehrgeizes kann weder der Mensch noch die menschlich« Gesellschaft entbehren, um da» Leben zu vermannigfalligen, um Opfer und Anstrengungen ertragen zu lassen, vor denen der Mensch sonst zurückwiche, und unsre Weisen wissen die Ehre und das gute Anstben, die wir uns bei uni'ern Nebcnmen'chen; erwerben, so hoch zu schätzen, daß sie sie in ihrem Werrhe der Ehre und dem guten Ansehen, die wir uns bei Gott erwerben, gleichsiellen. Endlich har die Vermehrung der ' Familie das radbinuche Gesetz zur Pflicht gemacht. Hinsichtlich der Rache wird nun aber ein ganz andereverlangt, wir sollen sie völlig aus unserm 'Herzen beraüsreißen, wir sollen sie in keinerlei Weise befriedigen, sondern sie in das gerade Gegcnlhei>umwandeln, und Demjenigen Gutes rbun, der uns so großes Leid zugcfirgr, dem Brot und Wasser zulangen, der uns unsre Ernte^verbrannt und unfern Brunnen verschüttet bau Ist dies nicht ein Widerspruch gegen die göttliche Schöpfung selbst? Du hättest ganz Recht, entgegnete ich, wenn nicht auch der ' Edelmurh,die Dersöhnlichkeit,die SanftmurK/elbsi die Femdesliebe ihre tiefen Anklänge im Inneren der Menschenseel« hätten, so daß sie nicht minder als natürlich erscheinen, denn der Rachedurst selbst. Es kpmmt hierbei Alle« aufAnlage, Erziehung und Schicksale an. Wer von früher Jugend die Bitterkeit der. i Verfolgung, der Hintenansetzung, ia den Wermuth des! Hasses genießen mußte, wenn in dessen Seele sich Haß und , Rach« heimisch machen, wurzeln und wuchern, was ist; natürlicher? Aber denke Dir eine auf Sanfrmuth angelegte j Seele , welche von ihren ersten Athemzügen an von Liebe \ und Friedlichkeit umgeben, genährt und gepflegt worden, I wird die Versöhnlichkeit für dies« nicht in gleicher Weise I Natur sein? Ob nun in der Mehrzahl der Menschen der { dunkle Strom der Rachgier und nur in der Minderheit! der leuchtende Strom der Versöhnlichkeit durch di« Herzen fließt, macht nichts aus, das Gesetz der Religion stützt sich überall auf das, was den wenigen, aber edelsten Menschen recht und heilig ist. Dann giebt es ja auch andere Leidenschaften. die durchweg böse und darum aus uns auszurotten sind, Hinterlist und Betrug, Verleumdung und Zank sind den Menschen gar zu natürlich, und tnüssen, weil sie gar nichts Gutes enthalten, ganz beseitigt werden. Endlich will ich Dir noch etwas gestehen, was Du immerhin al« ein Zugeständniß betrachten mögest, daß nämlich in dem Verzeihen und in dem WobltKun an einem Feinde auch eine Art Befriedigung des geheimen Rachegefühls liegt, alS ob die Seele spräche: siehst Du, Du hast mich vernichten wollen, und mußt jetzt Wohllhatcn von mir annehmen, Du warst so klein, mich zu hassen, und ich bin so groß, Dir dies mit Gutem zu vergelten! Es ist daher gar nicht so wundersam, wie es scheinen tonnte, daß sehr oft Feinde durch empfangene Wohlthalen nur noch erbittertere Gegner werden und uns noch tiefer hassen, denn zuvor. Sie empfinden , baß die Uedung jener Wohlthalen auch eine Art Rache ist, die. sie, unsre Gegner, noch mehr demüthigt, und schmerzt, als es wirtliche Rachekbakcn gethan hakten. — Das Schicksal, welches den jüdischen Stamm seil Jahrtausenden ereilte, und das wesentlich in einer endlosen Kette sich immer wiederholender Feindsiligkeiren gegen ihn, gegen Leben, Ergenchum und Ehre, gegen alle seine geistigen und materiellen Interessen bestand, konnte, noch dazu bei dem lebhaften Geiste und Gemüche dieser Nation, nicht ohne tufcn Einfluß auch auf feine Gesinnungen hinsichtlich der Rache bleiben. Das Wort „Nekomoh" spielt in dem jüdischen Leben eine große Rolle. Dennoch ist es merkwürdig, daß es bei den Juden zumeist bei dem Worte blred, und rhäclich das Gefühl und das Werk der Rache wenig in das Leben eingriff. Befragen wir die Geschichre, so finden wir nur sehr seltene und schwache Merkmale der Vergeltung und des Hasses, welche die Juden an ihren Verfolgern und Peinigern übten. Und fürwahr, wer die Natur occ Mittel kennt, die die Juden in Händen hallen, wird nicht sagen, daß es ihnen an Gelegenheit gefehlt habe. Und selbst da, wo sie eine Gehässigkeit geübt zu haben scheinen, wie sie z. B. die Mauren gegen die Ehristen in Spanien sehr unterstützt haben sollen, bleibt noch immer die Frage, ov sie cs nicht mehr gelban haben, um sich zu reccen, als um sich zu rächen. Sie riefen zwar in den Svnagogen Gott um Vergeltung per an ihnen verübten Grä'uelrhaten an, aber sie überließen auch diese wirklich Goct. In der Religion Israels ist es auch nicht bei dem bloßen Verbote der Rache verblieben, sondern sie hat sogar gewisse Tage im Jahre festgestellt, die Tage vom Neujahr dis zum Versöhnungsfeste, wo es heilige Pflicht jedes Juden sei, die Versöhnung Dessen zu verlangen, den er beleidigt oder beschädigt. Dennoch konnte und kann es nicht ausbleiben, daß die Nekomoh in gar mannigfaltigen Formen und Wirkungen ihre Rolle spielte und spielt, und wenn unsre geehrten Leser so nachsichtig waren, diese kleine Abhandlung über die' Nekomoh zu lesen, so werden sie um so eher die folgenden kleinen Erzählungen freundlich entgegennehmen, welche mancherlei Züge des menschlichen Herzens offenbaren sollen. Einige geschichtliche Notizen über dik Stellung der Juden in Zolkiew (Galizien) unter Le» verschiedenen Besitzern desselben bis zum Eins zuge der Oesterreicher 1772. Boa NehemiaS Lande» in Bolechow. . fForrsetz»»-.) Indessen war Zotkiewski den dortigen Juden weit mehr gewogen alS seine Gemahlin. Er wurde nämlich im Jahre 1618 vom Könige zum Kanzler ernannt.