Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 37 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 Hause wieder eia. WaS aber nun beginnen? Er beabsichtigke eine Fabrik anzulegen, und halte mehrere chemische Entdeckungen in petto, die er auSzudeuten gedachte. Ader woher die bedeutenden Mittel dazu nehmen, da sein Barer sich in solche Dinge nicht einlassen wollte? Vorerst, verschaffte er sich einige Beschäftigung mit chemischen Untersuchungen und Analysen und stellte seine Hoffnung auf die Zukunft. Er war dabei ein schmucker Züngling und da sein Antlitz eben so sehr da« Gepräge de- Gerste« und GemütheS wie der Sittlichkeit trug, geffel ec überall, und wurde in seiner Vaterstadt ein gesuchter Gesellschafter. Hierbei traf esich, daß er öfter mit feiner schönen Cousine, der Tochter Joachims, zusammenkam. Die jungen Grmüther hakten von dem Gifte, dessen die Herzen der Eltern gegeneinander erfüllt waren, nichts in sich ausgenommen; sie lachten sogar herzlich miteinander, als sie sich einmal als Rivale hinsichtlich des Vermögens des OheimS, der ja die Mädchen gar nicht aaSgeschlossen hatte, einander vorstellr.n, und, da Lina, durch Umstände begünstigt, sich eine schone Geistesbildung erworben hatte^ konnte »S nicht auSbleiden, daß die beiden Verwandten sich immer näher kamen, und Liebe zu einander faßten. Ader Herr Joachim war ein schlauer Patron, und akS seine Tochter öfter.aoS Gesellschaften nach Hause kam. und harmlos von ihrem liebenswürdigen Vetter erzählte, täuschte er sich nicht lange über die Natur dieses Verhältnisses, und verbot fast mit Wueh seiner Tochter jeden Umgang mir feinem Neffen, ja jedes Gespräch, jedes Wort und jeden Blick. „Wie? rief er auS, mit dem Sohn meines ärgsten Feindes, der amerikanische Flüchtling hatte sich rechtzeitig eingefunden, so gering auch seine Aussichten waren, daß feine Laufbahn gerade den Herzenswünschen des Verstorbenen entsprochen harre. DaS Gerichlszimmer war noch dasselbe, aber der Richter im Lehnstuhle ein anderer, der den Platz seines Vorgängers, welcher weiß wohin versetzt worden, mit nicht geringerer Würde einnahm. Natürlich, daß die Versammelten alle um zehn Jahre älter geworden, was sich bei den Einen durch mehr Schnee auf den Häuptern, mehr Runzeln auf der Stirn und eine gebeugtere Gestalt, bei den Andern durch mehr Größe des "Körpers, mehr Frische der Jugend und größeres Gefühl der Persönlichkeit kund gab. Ader merkwürdiger Weife, Eines war de, den Alien und nun auch bei den Jungen sich gleich geblieben, die Blicke des Hasses, mir denen die orei Familien vor der Schranke sich maßen, wje denn auch die Gruppirung derselben, links Herr Kramer mir seiner Schaar, rechts Herr Joachim mir den Seinen, in der Mitte Herr Markus mit seiner zahlreichen Sippschaft, ganz wie vor zehn Jahren war. Nur zwei Herzen waren in dem ganzen Troß, die voll Liede einander entgegeaschlugen, uno sicher war eS der Zufall, daß Albert auf dem rechten Flügel, Lina auf dem linken Flügel ihrer Parteien Posto faßten und so einander sehr nahe standen. D-c schlaue Joachim merkte dies bald und roch vor Aergec — denn er vermulhele hinter diesem Zufall sofort eine ganze Welt heimltthen Verständnisses, ergriff er den Arm feiner Tochter, und stellte sie hinter seine ganz« Schlachtlinie. > Alle Formalitäten waren erfüllt. Der Richter hatte mich tausendmal beleidigt hat und nur darauf sinnt, mich^a« erste Testament noch einmal verlesen, und faßte bereits meines rechtmäßigen EcbeS zu berauben, mir dem Lump, der wie ein Waschweib über Töpfen und Schüsseln hockt, mit diesem GarnichtS, der. gewiß keinen SchaddeS hält, und trrife ist, mit dem'willst du Umgang haben? Ich verbiete' eS Dir aufs Strengste und wehe Dir, wenn Du ungehorsam bist, ich könnte mich versucht fühlen, den Stock noch zu gebrauchen!" Dieseväterliche Verbot hatte die gewöhnliche, naturgemäße Folge. Lina mußte doch ihren geliebten Vetter von der WillenSmemung ihre- Vaterunterrichten; diese Mtttheilang entflammte den jungen Mann zum höchsten Zorne r er bewies ihr, und dieser Beweis wurde ihm gar nicht schwer, daß da- Verbot ihres VaterS das ungerechteste von der Welt sei, daS wirklich zu befolgen ein noch größeres Unrecht wäre; man müsse den Eltern keinen Anstoß geben, aber sich dann und wann zu begegnen und mit einander einige Worte zu wechseln könne selbst ein Barer nicht verhindern; *ak!eS dies käme von dem unseligen Familienzwist her, von dem Unfrieden, den die Eltern wider alle- Gesetz Gottes unter sich genährt, und den auSzugleichen, ein göttliche- Gesetz, also eine wahrhaft gute Thar fei. Die jungen Leute verständigten sich also, daß eS eine gute That fei, wenn sie sich treu liebten und dann und wann sich heimlich sähen. So waren die Beiden durch den Bann de- Vatererst -recht zu einer feurigen Liebe gekommen, und sahen uad sprachen sich zwar nicht öfter, aber mit desto größerer Befriedigung. So war endlich der große Tag der Entscheidung genährt; auch zehn Jahre find nur »in Tropfen am Eimer brt Ewigkeit, und am Sterbetag« de- Lerdlichenen versammelten sich alle Glieökr der drei Familien, selbst der nach dem verhängnrßvollen versieg,lttn Eobicill; Kramer uno Joachim griffen m ihre Taschen, um sich noch einmal von dem Dasein oer Cectiftkate zu Gunsten ihrer LieblingSsöhne zu Überzeugen; alle Herzen der Anwesenden pochten gewaltig an die Bcustwand. Da trat plötzlich Albert dicht an di« Schranke, uno ersuchte den Herrn JustiziariuS, ihm zu g/statten, ein Wort an die Anwesenden zu richten. Der Rtcheer fand kein Motiv, ihm dies zu verw.igern. Albert trat zurück, und redete die Versammlung an. In der Verwunvcung über diesen Vorgang hatten sich Alle umgedcehr und blickten begierig auf den Redner hin. „Liede Verwand»!" hob er an — «in Gemurmel ging oucch die Leute, utzd viele Köpfe schüttelten sich, denn sie wußten nicht» von Liede, und wären gern keine Verwandte gewesen. Albert ließ sich nicht stören, und fuhr fort: „Nichl« ist mehr zu beklagen, als daß zwischm unsren drei Familien ein so langjähriger Hader stallfiadet, der genau genommen durch Nicht« begründet ist, da sämmtliche drei Familien denselben, «hrenwerthen Charakter haben, «in« von der aavrr^n' unabhängig ist, und sich durch Liede und Anhänglichkeit nur nützen, durch Zwist uno Streit nur schaden konnten uad können. Wer da« Testament meines verewigten Oheim« sorgfältig durchlieft, gewahrt leicht, daß dieser Unfriede ihm während snneS Leben« zur größte« Kränkung gereichte, und daß er um drffentwillen nur na« durch den Wegfall der Erbschaft bestrafen wollte. Wohlan, mein« Freuno« l lasset uns, bevor wir, ober doch einer von uns, die Früchtt seine« Fleißes und seiner Sparsamkeit entgegeanchmm, und derselden würdig machen, und sein Andenken ehren durch «tnen herzlichen FriebenSfchlnß und durch eia« edle Thal der Famillealiebe. Derjenige