Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 37 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt Zur Retehrung und Anterhattung auf jüdischem Gebiete. Herausgegebeu von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. Mo. 37. 1861.] Bo» vieler jeitfAriit erf&eint «öchrmlich eine Nummer. Preil des I«hrgang« i Thir. Siierleijahrig 7 w Ngr. Alle Buchbaurlungcu. Postämter und Zeilungsexvedinonen nehmen Bestemiugen an. — ■ . i [8. IsKrg. 3. Quartal] Das Testament. In der Stadt hatte die Kund« von dem sonderbaren Testamente viel Aufsehen gemacht, und da« Gerede dauerte darüber, bis ein anderer Gegenstand die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht so bei der Familie des Erblassers, die, wie Columdu« auf das goldreiche Indien, auf die grüne Insel der großen Hinterlassenschaft alle die Zahre hindurch blickte. Wenn aber der Erblasser durch seine Klausel den Frieden seiner Familie zu fördern gehofft, so hatte er sich arg getäuscht. Der Gedanke, saß daS große Vermögen nicht ihm, sondern einem Andern zufallen konnte, erweckte den Neid und Haß in jedem Gliede der Familie schon im Voraus an, und Jeder betrachtete den Andern als Räuber drS ihm gehörenden Gutes. Als sich daher die Angehörigen der drei Wollhändler kurze^Zeit darauf auf dem HochzeitSfeste eines Bekannten zusammentrafen, entstand unter ihnen ein so heftiger Zank, daß daS Fest dadurch gestört ward und nicht eher stinen Fortgang nehmen konnte, als bis sämmrliche KramerS, Markus und Joachims den Saal verlassen halten. Die Jahre vergingen und die Familienväter, von den oben bezeichneten Schlußfolgerungen ausgehend, führten ihre ErziehungSpläne konsequent auS, di« denn auch ihr« folgerichtigen Resultate boten. Die zwei Söhne deS Herrn Kramer wurden zu tüchtigen GefchäftSmännem und dabei nach den Grundsätzen der kleinlichsten Sparsamkeit erzogen. Allerdings wurden sie daS erste«, aber, in ihrer Jugend allem Besitz und Verbrauch von Geld entzogen, wurde der eine, als er in di« Welt hinausgetreten, ein Verschwender und Schuldenmacher, di« er die Kasse seine« Prinzipal« b»-- stahl, ihm anvertraute Gelder unterschlug, und sein Ziel in Amerika fand; sein Bruder hingegen wurde der lebendige Geiz, ein Pfennigfuchser, der, nachdem er Theilhaber de« väterlichen Geschäftgeworden, seine Eltern maltraitirte, über jede Ausgabe brummte, sich selbst da« Nothwendigste versagte, und fttilich in wenigen Jahren ein artige- Geld zusammenschlug, worüber sein Barer -u dem nahm Termine der abermaligen TestammtSeröffnung von feinem Banquier sich ein Certifikat au-stellm ließ, in der gewiffm Hoffnung, daß dadurch sein Sohn zum AuSerwählten feine« verstorbenen Schwagererklärt werden würde. Auch Herr Joachim hielt au feiner vorgefaßten Meinung fest. Seine d«i Söhne wuchst« unter der Zuchtruthe der strengstm Frömmelei auf; mit jedem Jahre wurde der „schlaue" Mann sauertöpfischer gegen sie, suchte nach anderen Satzungen und Bräuchen, deren Beodachtungeck'erfich und den Seinigm.auflegen könne, dmn am Ende könnte man doch firr ein solche« Vermögen nicht genug thun. So lange die Knaben zu Hause und unter dm Augen de« DaterS waren, beugten sie sich unter feinem ehem« Willen r aber auch schon damals blickten sie neidisch auf ihre Kameraden, die nicht so „fromm" gehalten wurden; sie sahen, wie der Blitz nicht auf'diejenigen fiel, die am Sabbath einen Regenschirm trugen, wie diejenigen nlcht erkranktM, die am Tage vor dem Neumonde nicht «men Halden Tag fasteten und sofort, und kamen dabei auf den wunderlichen Gedanken, daß der liebe Gott doch nicht soviel darnach fragen müsse. Eine« führte zum Anderm, und sobald sie den Rayon der Heimarh überfchrittm hatten, fand auch in kurzer Zeit kein religiöse« Gesetz sich mehr vor, da« sie nicht überschritten, und sie wurden bald die Irreligiösesten unter ihren AlterSgenossm. E« konnte auf di« Länge nicht auSbleiben, daß die« der Vater erfuhr und er deschloß daher seinen drittm Sohn bei sich zu dehaltm, und ihn Tag und Nacht zu bewachm; wenn dieser nur erst da» Vermögen seine« Oheim« erhaltm hätte, könnte er machen, wa« er wolle, er, Joachim, wäre dann der Sorge und der Verantwortlichkeit enthoben. Bevor der Termin gekommen, har« Joachim ein Certifikat de« Rabbinerin der Tasche, daß . sein Sohn der frömmste Jüngling der Gemeinde, ja weit und breit sei, und diese- Zmgniß schien ihm die sicherste Anweisung auf die Hunderttausend«, die de« Eigenlhümerharrten. Bei Markus ging e« natürlich ander« zu. Von Grundsätzen der Erziehung war nicht die Red«; man ließ die Kinder aufwachsen nach ihren Anlagen, nach der Gelegenheit zu Unterricht und Bildung, die sich dardot und nach dem guten Beispiel, da« ihnen die Elttra so gut wie sie e« vermochten, gaben, und überließ e« dem Herrgott, ob die Hinterlassenschaft ihnen zufalle oder nicht. ES kommt unhier nicht darauf an, waau« ihren fünf Kindern geworden, nur von einem Sohne, Albert, wollen wir sprechen, der frühzeitig ein große« technische« Talent bewies, und, wenn auch nach heftigem Kampfe, von feinem Vater die Erlaubniß erhielt, Eheaüe zu studirea. Zuerst in eine Apotheke in die Lehre getreten, einige Jahre Provisor, ging er auf eine Universität und nmßtt-bei den sä)malen Mitteln, die ihm widerwillig sein Väter zu Gebote stellte-, der eals ein Unrecht anfah, kein Geschäftsmann zu werden, sich karg behelfen. Desto größer waren dj« Fortschritte, die er machte, er legte die Prüftmge« mit großem Lobe zurück, und kehrte nunmehr in dem Vater»