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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 36 (1861) · p. Seite 143

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
36 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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143 wird ihm daungeheure Vermögen deines Bruder» ein-! bringen." — Di« Ehehälfte hatte gegen dies« besonders Klugheit ihre- ManneS nichts einzuwenden, und sie de, sprachen sich daher,, wie sie in ihrem Haushalt nach frömmer und strenger als bisher fein könnten, und Here Joachim zeig» sich entschlossen, selbst den Stock zu gebrauchen, wenn seine Jungen nicht einschlagen wollten. Endlich kam auch über sie der Schlaf der Gerechten. So gut wie seinen beiden Schwägern ward eS dem HeriM Markus nicht. Erstens war feine Frau von der GemÜthSart, immer da- Gegentheil von dem zu behaupten^ was ihr Mann meinte, und eS bedurfte daher nur eines Ausspruches de» Letzteren, um von Frau Karoline dagerade^ Gegentheil als daS allein Wahre und Richtige erklärt zw sehen. Zweitens war allerdings Markus mit einem geringen Maße von Scharfblick versehen und je mehr er über eine Sache nachdachte, desto weniger wußte er, waer davon denken sollte. DaS Zwiegespräch war daher ein sehr belebtes, endigte aber damit, baß Herr Markus erklärte: da Alles, wa» er gesagt, von seiner Frau bestritten sei, so wolle er sich dabei beruhigen, feinen seligen Schwager nicht zu verstehen, und am Ende werde der liebe Gott eö schon demjenigen geben, den er am besten dazu fände. Wenn wir unsre fünf Kinder redlich und ordentlich erziehen, und sie brave Menschen werden, so würde sich schon einer darunter finden, der seinem verstorbenen' Onkel am meisten ähnelte. Karolina war hiermit nicht Zufrieden, und beklagte e» zum zehntausendsten Male, baß ihr Mann weniger Verstand besitz« als ihre Schwäger. „Die werden schon da» Rechte finden, brummte sie, und unsre Kinder werden sitzen bleiben." Hierauf antwortete Markus nicht-, sondern drehte sich herum und genoß von den Mohnkörnern de» Morpheus. (Schluß folgt.) Der Prager Judeueravall im Jahre 1848. (Die neulichst vorgefallenen Unruhen wider die Juden inPrag werden folgende Erzählung au» „M o r i tz H a r 1 - mann'S Bruchstücke revolutionairer Erinnerungen" interessant machen.) .... In Prag selbst wurde er Dichter. Dies« alte Hauptstadt, deren Volk in verschiedenen Epochen so groß« Eigenschaften gezeigt hat, besitzt heute einen Pöbel, wie ihn nur wenige Städte de» ContinentS auszuweisen haben. An Rohheit läßt er sich nur mit dem Londoner Mols vergleichen doch ist er nicht so muthig wie dieser, obwohl zu allen AuSfchweifilNgen leicht verführbar. Bier. Brantwein, materielle» Elend und die von dem alten österreichischem System und dem Kirchenregimente gepflegte Unbildung haben ihn zu dem gemacht, wa» ec ist — wenigsten» noch im Jahre 1848 war. Der Heldensinn de- Prager Pöbel-, sein Freiheitsdrang wandt« sich erst gegen einig« Bäckerläden und in Folge diese» Triumpheermuthigt, gegen die Juden. Vielleicht war ,da» nur eine Reminiscenz an die Zeiten König Wenzel» de- Faulen und hätte man sich erst recht hussttifch und böhmisch gefühlt, wenn man in Allem und Jedem wie damals, zu Anfang deL IS. Jahrhundert« aufgetreten wäre. Schon seit mehreren Tagen ging da» Gerücht, daß,eauf «ine Judenhetz« abgesehen sei; dl« Behörden trafen ihre Maßregeln, aber sie und die Narionalgarde waren ohnmächtig, die Ewanost (die flavische Partei), die etwahätte thun können, that nicht». Die Juden, bereitmehrere Male lm Tandolmarkte angegriffen, schlossen ihre Kramläden und zogen sich in die Jubenstodt zurück. Eine» Tage-, mit zwei Freunden in der Nähe de» Theater» spazierend, hörten wir vom Tandelmarkt her einen gewaltigen Lärm: Geschrei und Gepolter als ob Breter und Balkm übereinander stürzten. Wir eilten hin und sahen wie ein' wilder Haufe die Kramstellen der Jude« niederriß. Als diegeschehen, schrien sie: Auf die Juden! In die Judengasse! — Ich eilte nach Hause und holte meine Waffen, dann in'» Earolinum, das Prager UniversitätSgebäude. Ich fand eine Anzahl Studenten und unter diesen einige, die bereit waren, den armen Juden zu Hülfe' zu kommen. Wir bildeten eine kleine Rotte und der brave Schiller, Lieutenant dec'Studenren, stellt« sich al» Führer vor den Zag. Neben mir marschirte fr. Johanne» Spielmagn, der zweite Director de» Irrenhaus«». Auf dem altstädter Ringe angekommen, fanden wir den' ganzen Theil de» großen Platzes, der an die Judenstadt stößt, von einer ungeheuren Volksmaffe vollgedrangt. Sie schrie, sie schimpfte, sie erfand Anklagen gegen die Juden» um sich gegenseitig zum Angriff und zu Gewaltlhaten aufzumuntern. Unser braver Führer cvmmandirte vorwärts und wir marfchirten,' eng an einander geschlossen, durch die würhende Menge. Ihre ganze Wuth richtete sich'gegen uns, da sie erkannten, daß wir den Juden zu Hülfe eilten. Ader sie wagten e» nicht, unanzugreifea. Hätte nur einer den Murh gefunden, in unsre kleine Schaar hineinzugreifen, wie waren verloren. Sie begnügten sich in Worten und mit Geberden zu wüthea. Ich werde nie da» wuthdlasse Gesicht eine» Maurerpolier» vergessen, her. einer der Massenführer war, immer neben uns einherlief, un» schnaubend, beinahe schäumend wiederholte: Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber daß man Juden beschützt, daS habe ich nie gehört. Wir kamen glücklich an dem Marmorbrunnen vorbei und in die Näh« der alten NikolauSkirche, in die schmale Gasse, die in die Judengasse, auf den Drei-Di!unnenplah führt. E» war ein schwerer Gang gewesen.' Dort fanden wir schon einige Studenten und unter diesen mehrere, die zur czechischen Partei gehörten. Wir bildeten «ine Kette, fällten da» Bajonett und schlossen die in die Judenstadt führend« Gasse ab. Da» Volk mit-Schimpsen und Schreien, drängte so nahe heran, daß wir unsre Bajonette oft zurückziehe» mußten, um die vordersten nicht zu spießen. So standen wir stundenlang. E» ist auffallend, daß wir die Judenstadt nicht schon im Besitze .de» Pöbel» fanden und daß er jetzt noch nicht an den Angriff ging. Ader da» hatte sein« Ursache. Oie Haufen warm schon diesen Morgen zurückgeschlagen worden- und zwar auf die wunderbarste, auf eine wahrhaft biblische Weise. Sie drangen mit Wuthgeschrei und in der sichersten Hoffnung auf Beute dt» auf dm Orei-Brmwenplatz; der größte Theil der Juden flüchtet« sich, Weiber und Kinder hatten sich versteckt.. Es sah au», al» so Ulm sie ihre niedrigen Gelüste auf wohlfeile Weise büßen können. Aber ela einziger Mann wachte ihre Hofftmnge« zu Nichte und

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