Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 36 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 von Gott zu einem 'emtmchtigen Leben angewiesen, von gleichem Gewerbe und Besitzstand, haben sie doch nicht unterlassen, sich beständig zu befeinden, zu beschimpfen und zu verleumden, waS sie sogar verhindette, von ihrem Fleiße die rechten Früchte zu sammeln, da sie, statt sich zu verständigen, sich die schlimmste Concurrenz machten. Wenn ich in meinem Alter zu einer meiner Schwestern kam, und glaubte mich behaglich und gemüthlich erfreuen zu können, wurde ich mit Anklagen und Bitterkeiten gegen die beiden Anderen und den Ihrigen überhäuft, ja mit Vorwürfen, daß ich so schlechte Creaturen besuche, bis ich Hut und Stock nahm, und wieder davon eilte. Ich bin daher durchaus nicht Willen-, mein mit so vielen Anstrengungen erworbene- Dermögeu diesen zänkischen Menschen, die sich so wenig Verdienst um mich erworben haben, zu hinserlassen. Vielmehr bestimme ich, daß mein ganze- Vermögen, mir Au-nahme jenean wohlthätige Vereine und Arme vermachten Viertelzehn Jahre unberührt stehen bleibe, vie Zinsen;um Kapital geschlagen werden, an meinem Sterbetage aber üb« zehn Jahre, zu welcher Zeit auch meine jüngsten Neffen und Nichten ihr einundzwanzigste- Lebensjahr, also die Mündigkeit erreicht haben werden, sollen meine sammtlichen Neffen und Nichten sich versammeln, und derjenige oder diejenige unter ihnen, mein Universalerbe sein, welcher meinen Wünschen am nächsten gekommen ist. Worin diese meine Wünsche bestehen, daist in' dem versiegelten Schreiben ausgesprochen, welchein diese- Testament «ingeschlossen ist, und da- -on dem Herrn Richter an jenem Tage vor meinen versammelten Angehörigen geöffnet unk vorgelesen werden soll." Da» war freilich eine zweite Ueberraschung» die aber nicht mit ähnlichen Au-rufungen, Blicken und Worten wie die erste begleitet war; vielmehr standen dle sechs Personen starr und steif wie vor Entsetzen da, und selbst Joachim vergaß, daß er doch der schlaueste Mensch war und edoch eigentlich.voraus gewußt. Der Richter konnte daher bald fortfahren: „Um jedoch meinen Schwestern einigen Ersatz fürihre groß« Enttäuschung und einen kleinen Beweis meiner brüderlichen Liede, der sie zu ihrem eignen Nachrheil so wenig Nahrung bereitet haben, zu geben, sollen sie sofort folgende Geschenke erhalten." Und nun folgte die Angabe von sehr beträchtlichen und werlhvollen Geschenken, welche jeder Schwester und jedem Schwager zu Theil werden sollten. Dieverminderte jedoch die Unzufriedenheit nicht, bald machte sich diese zuerst in Gemurmel, dann in lauten Verwünschungen Luft, und zuletzt «rgoß sich der Aecgrr jede- Einzelnen über die Gegenstände, welche den Anderen zu Theil geworden, und die Diesen doch gar ' nicht zukämen; man drohte mit Umstoßen de- Testament-, mit Verweigerung, die vermachten Objecte anzunehmen, sowie denn auch der Erblasser nicht ohne einige ärgerliche Beiwörter und Benennungen blieb. Der Richter klopfte auf den Tisch, und beschloß die Vorlesung freilich vor einem lange nicht mehr so aufmerksamen Publikum mit den Worten: „Wer diese- Testament anficht, giebt alle seine Ansprüche für sich und seine Kinder auf. Eine Abschrift dieses meineletztm Willmsoll jedem meiner Neffen und Nichttn zugestellt werden." — Man kann sich denken, daß diese- Testament den größten Unwillen bei allen Betheiligten hervorrief. Je unerwarteter di« Größe dehinrerlasseneu Vermögenwar. desto Heller flammte der Aerger auf, und Jeder glaubte in der That einewohlerworbenen EigenthumS beraubt zu sein. Schmähungen auf den Verstorbenen, Zankereien und Vorwürfe unter den verschiedenen Ehegatten füllten den übrigen Theil de- Tageau- und erst als di« Scharten der Nacht über die Erde gefallen, die Nachtmützen auf den Köpfen der betrübten und geärgerten Schwestern und 'Schwäger saßen, und diese sich behaglich M ihren Betten streckten, kam di« Besonnenheit und die ruhige Erwägung zurück. Herr Kramer redete seine rheure Ehehälfte ungefähr folgender Maßen an: „Was ist aber nun, liebe- Jettchen, zu thun? Wir müssen daran denken, daß, wenn auch erst nach zehn Jahren, doch dieseungeheure Glück einem unserer beiden Jungen, Gott erhalte sie, nicht entgehe."— „Jawohl," lautete die Antwort, „aber, werweiß denn in de- Himmel- Namen, wader verstorbene Kauz gemeint hat? Der soll da- Vermögen kriegen, der seinen Wünschen am nächsten kommt. Wahat er denn gewünscht^ Ich weiß eS nicht, mir hat er enicht gesagt, und ich bin doch seine älteste leidliche Schwester gewesen." — „Nun ich will dir sagen, waich darüber denke. Wahat der Mann Zeit feine» Lebengethanr Er war ein 1 tüchtiger Gefchäfl-mann und hat Geld gesammelt. Er war sparsam, hat sein Vermögen zusammengehalrea und Niemanden wissen lassen, wie viel er har. Er kann also nicht- Anderewünschen, aldaß derjenige, der davon ihm erworbene Vermögen erhalten soll,' Dasselbe rhue. Sorgen wir daher, daß unsre Jungen überaus tüchtige GefchäftSmänner, sparsam und solide werden und wenn wir, mir Gotte- Hülfe, nach zehn Jahren di,S schwarz auf weiß beweisen können, so wird esicherlich mit dem übereinstimmen, waS in dem kleinen versiegelten Brief steht, den der Richter zurückbehalten hat. Es soll daher meine ganz besondere Sorge sein, unsre Jungen zu dem zu erziehen, wadein Bruder gewünscht; laß mich nur weiter denken und machen, es soll schon gehen." — Die Frau, die eine große Meinung von der Klugheit ihres Mannehatte, stimmte ihm bei, sie beruhigten sich bei diesem Vorhaben, und entschliefen voll der besten Hofftmngen. Daß ein gleiche- Zwiegespräch in dem Schlafzimmer deschlauen Joachim stattfand, wird man vorau-setzen. Aber dieser war zu einer anderen Schlußfolgerung gekommen. Er sprach zu seiner Gattin: „Wenn ich es mir so recht überlege, so war dein verstorbener Bruder ein sehr frommer Bocher. Du weißt, daß er am Pessach bei keinem Anderen gegessen hat, albei uns, weil er wohl gewußt, daß wir e< am genauesten nehmen und unvor jeder Aweiroh gewaltig hüten. Du erinnerst dich, wie oft er auf Markus raisonnirte, «eil er nicht gehörig Schulen geht und auf Kramer, der sich nichtdaraus macht, in den Schabbehineiazufahren. Auch hast du gehört, was für ein schöne- Legat er Ner tomid und für ihn Kaddisch zu sagen, vermacht hat. Ich zweifle daher nicht, daß esein eifrigster Wunsch war, der Erbe seine- Vermögensoll ein frommer Jude sein. Ich bin daher entschloss, bei unseren drei Jungen ganz besonderdarauf zu sehen, daß sie au-nehmend gute Juden werden und Allewaunsre Chachomim vorgeschrieben, auf- Genaueste halttu. Und wenn ich nur einen von ihnen ^azu dringe, ein rechter Ehoszid zu werden, so wird ibm dies gegen eia gutes Hauorar zu jener Zeit der Rof gewiß attestiren und da-