Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 36 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
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144 rettete die bedrängten Juden. Dieser, ein ehemaliger Kunstreiter, der nach mannigfachen Fahrten in seine heimathliche Judenstadt zurückgekehrt war, stürzte sich allein und waffenlos dem hereinstürmmden Haufen entgegen, dort wo ehemals da- Thor der Judenstadr gewesen und wo noch heute nur eia schmaler Zugang offen ist. In dieser engen, hohen und Lüstern Gasse, faßte er einen großen Schrank, der vor dem Laden eines Alt-Mödelhaadlers stand, hob ihn r'n die Höhe, über seinen. Kopf und stürzte so, wie Simson mir den Thoren von Gaza, den Philistern entgegen^ Entsetzen ergriff die Anstürmer, als sie den gewaltigen Mann mit der noch gewaltigem Waffe, wie einem stürzenden Berg, mit großen Schritten auf sich zukommen sahen. ES muß ihnen gewesen sein alS sahen sie ein Wunder; die vordersten stürzten mit dem Schrei: Jesus Maria und Joseph auf die Knie, die andem ergriffm die Flucht. Die Erinnerung an dieses Ereigniß war es wahrscheinlich, welche die eben so feige als abergläubische Masse von einem entscheidenden Angriff abhielt und die unserer kleinen Anzahl zu Gute kam. Nach und nach vergrößerte sich unsere Schaar durch Studenten und Nationalgarde, die durch andere Zugänge zu unstießen. Unter den Studenten, die tapfer mir uns aushielten, p»ar auch der junge Fürst Rodan, damals ein Kind von 16—17 Jahren. Endlich nach langem Harren kamen auch einige Compagnien Grenadiere, vom General Serdelomi geführt, einem sehr -«^nehmenden alten Soldatengesichte, der sich lächelnd durch ^die Masse rummelte. Mit den Grenadieren vereinigt, säuberten wir den h)latz. Die Menge venheille sich in die an die Judenstadt stoßenden Straßen, in denen ausnahmsweise auch Juden wohnen durften, und warf Steine in die Fenster. Ader die Gefahr war noch nicht beschworen und wir parrouillirten noch die ganze Nacht durch die Straßen und zwar nicht vergebens, da wir um Mitternacht einen Kahn am Landen verhinderten, welcher im Rücken der Judenstadr) in der Nahe des „Ufers" Plünderer ans Land setzen sollte. Da an dirsm und an den folgenden. Tagm die Einnahme der Judmstadr so verhindert worden, versuchte man eine Judenverfolgung auf andre Weise^ einzuleiten. Ostem war da und plötzlich tauchte die alte Geschichte von einem verfchwundenm Christen-Kinde auf,, dagewiß die Juden als Osterlamm geschlachtet hatten. Die Juden zitterten. Ader nunmehr war man auf seiner Hut und das Gewitter mit Blulrezrn zog vorüber. Curiosa. Katska oder Ente? Eine wahre Äaekdete. In einer großen Gemeinde im Polenlande wurde ein Rabbiner auS einer benachbarten Provinz, ein Vollblut- Orthodoxe, installirt. Eine große Volksmenge auS allen Schichten der jüdischen Bevölkerung war um ihn versammelt, um ihn zu sehen, zu hören, kennen zu lernen, zu deurtheilen, zu tadeln oder zu.bewundern. — Er sprach viel und geistreich über Göttliches und Weltliches, wie es die Strömung der Unterhaltung mir sich brachte. Die Zuhörer waren ganz entzückt. Da entschlüpfte dem neuen Rabbi u. A. das Wort „Ente", ein im polnisch-jüdischen Jargon ungewöhnlicher Ausdruck. Die Versammlung stutzte. Einige, die Kühnsten unter 'den Versammelten, wagten sogar halblaut zu fragen: „Was hat der Rabbi gesagt?!" Da faßte Einer der Angesehensten der Gemeinde, ein resoluter Charakter und eifriger Verehrer des Neugewählten — fürchtend, dieses unglückselige deutsche Wort könnte vielleicht dazu beinagen, das blinde Vertrauen der Masse in die Felfenfestigkekt der Orthodoxie de« verehrten Mannes zu erschüttern — einen heroischen Entschluß, und — per, orirte die anwesende Schaar der Gläubigen in folgender, denkwürdiger Weife: „Meine Herren! Unser Redde, er soll leben! ist eben so wenig ein Deutscher, wie ich es bin und wie Ihr es seid; aber, Ihr müsset wissen: es gibt zweierlei „Jüdisch"; „Polnisch-Jüdisch" und „Deutsch- Jüdisch!" wir svrechen „Polnisch-Jüdisch," der Redde, er soll leben! spricht „Deutsch-Jüdisch." Nun sollt Ihr wissen: daß eine Katschka auf „Polnisch - Jüdisch" — „Katschka" heißt, aber auf „Deutsch-Jüdisch" heißt eine Katschka „Ente!"" — Diese Peroration ex abruplo machte auf die große Masse den gewünschten Eindruck. — Ob dies« Katschtageschichte eine Ente ist? Rolata refero! — Das „Fremden Blatt" in Wien macht folgende Mittheilung. „Die Nar. Listy" erzählen: In einem ErziehungSinstitot« in Prag wurde vor kurzem die öffentliche Prüfting abgehaltea, zu welcher nicht nur die Eltern der Kinder, sondern auch viele fremde Gäste sich einfanden. Es wurde aus der Religion geprüft, und bei dieser Gelegenheit machten die Kleinen auch das Zeichen deS heiligen Kreuzes, sie machten es gut, und darüber hatte eia anwesender katholischer Geistlicher, und zwar nicht aus der Classe des untern Klerus', eine solche Freude, daß er öffentlich folgende humane Worte sprach: „„So lernet nur das heilige Kreuz recht machm, sonst wäret Ihr ja, wie die — Schweine oder wie die Juden!"" — Derartige Sentenzen im Munde von Dolkserziehern können zur Illustration gewisser Straßenexzesse dienen." Allgemeine Zeitung des Judenthums. No. 35. 1861. Leitende Artikel: Die preußischen Juden in der Provinz Posen. — Zuständigkeit der Rabbiner, zu Gutachten in weltlichen oder StaatSzweckea. — Schulangelegenheiten. — Aufforderung an die Israeliten Ungarns. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Heidelberg, Stuttgart. Preußen: Magdeburg, Schwerin a,W., von der Oder. Oesterreichifcher Kaiserstaat: Oswieczim. Rußland: Thoru. Frankreich: Paris. JUT Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % THaler. f vcrantwottlicher Redakteur St, Näbe. Vertag »ca »a amgärtaer'« Dackhaadtuag i» Leipzig. — Druck »oa 3. Sreysisg ia Leipzig-