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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 36 (1861) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
36 (1861)
Date
1861-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Z-r Relehruag und Unterhaltung auf jüdischem Hebiele. HerauSgegebeu von Rabbiner vr. Ludwig PhUiPPso» in Magdeburg. Mo. 36. 1861.1 Bon dieser Zeitschrist erscheint wöchentlich eine Nummer. Preis des Jahrgang« 1 Ldlr. Bieneljährig 7 % Ngr. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitaug«exprdilio»eu nehmen Bestellung«« an. «»' . —— l ii~i i — [8. Jahrg. 3. Quartal;]. Das Testament. Der Richter räusperte sich, und begann da- Testament zu verlesen. ES kann den geschätzten Leser wenig interessiren, wadafür ein Richter war. Jedermann kennt die Würde und Wichtigkeit, welche jeder Justizbeamte sich beizulegen und zu behaupten versteht, wie er in jeder Pro^ßsache, und handle esich um einen Ackereain oder eine Injurie, ein welthistorische- Erelgniß und in jedem Aktenstück ein heilige- Eigenthum der Menschheit erblickt, und daher von seinem auf dm erhöhten Estrade befindlichen Stuhl, wie ein Zeuvoiq^Olymp herab seinen Au-spruch thot. Ein solcher Richter war eauch, der sich-eben anfchickte, ein Testament zu verlesen. Seine Estrade war selbstverständlich von einer Barriere begrenzt, vor welcher sich mehrere Personen befanden, deren Blicke jetzt an den Lippen de- Richterhingen. Ewaren drei Ehepaare, wohl alle sech- Menschen nur wenig in ihrem Alter verfchkedm, einige derselben in Gestalt, Haltung und Gesichr-zügen einander ähnlich, so daß man sie für Geschwister erkennen konnte. Dennoch hieltm sie sich sorgfältig von einander getrennt, Io daß ein Paar am rechten, ein Paar am linken Ende der Schranke und dadritte in der Mitte sich befand. In ihrem Aeußeren waren die drei Damen ganz außerordentlich herau-geputzt, so recht in den bunten Farben und den vielen Ländemund Schleifen kleinstädtischen Geschmack-, während ihre drei Männer in ziemlich vernachlässigtem Aufzuge erschimm warm. Bor diesem Publikum also begann der Richter seine Vorlesung, und hatte sich einer Aufmerksamkeit zu erfreuen, wie kaum der gelehtteste Professor auf dem Katheder oder der beliebteste Prediger auf der Kanzel. Nachdem die nöthwendigen Eiagang-formeln einejedm Testamentvorüber warm, der Erblasser auch erklärt hatte, daß er keine anderen erbderechtigtm Verwandten habe, alseine drei Schwestern Henriette, Karolina und Mirjam, die erstere an den Wvllhändler Kramer, die zweite an dm Wollhändler Martu-, und die dritte an den Wollhäadler Joachim verheirathet, fuhr da- Testammr mit folgmden Wortm fort: „Dieser mein letzter Wille wird meine theuren Schwe« stem und ihre Männer in zwiefacher Hinsicht überraschen." Der Richter hielt einm Augmbllck inne und konnte bemerken, wie dir Augenbraum seiner sich- Zuhörer sich noch mehr in die Höhe zogm, und ihre Ohren sich noch mehr fpitztm; sie hieltm dm Athem an, und nur die unermüdlich pickende Gericht-uhr unterbrach davollständige Schweigen. „Zuerst durch die Große meine- Vermögen-, dasie zwar für beträchtlich haltm, dessen Umfang sie aber sicherlich nicht ahnzn. Ich habe niemals den Prunk geliebt, wollte für mein Geld keine Verehrung der Mmschm, dagegen aber Ruhe vor ihrm habgierigen Forderungen haben, glatrbe aber gegen dm leidenden Theil der Menschheit stet-" meine Pflicht gethan zu haben, wenn auch wenig davon bekannt wurde. Meine Geschwister hattm, Gott sei Dank, meine Unterstützung.nicht nothig, wozu sollte ich sie also mit der Kennmtß meine- Besitzthumbeunruhigen. Mein Dermögm besteht auS: „und nun folgte eine ziemliche Reihe von Hypotheken aufi Häuser und Aecker, sowie von Jnvenrarienstücken, didiese Auszählung von der Rubrik „Staat-papiere, Aktien und Prioritäten geschlossm ward und zwar mit der Summe von 148,500 Thalem, Summa Summarum 235,800 Thalern. . ." Hatten die Zuhoeer bidahin ängstlich gelauscht, so konnten sie sich nunmehr de- Au-drucksihrer sie über» wältigenden Ueberrafchung nicht enthalten. Ein allgemeine- Ha.' mtfuhr dem offnen Munde der sich- Menschen/bet einigm von khnm sogar mit Zusammmschlagm ihrer Hände begleitet; ja da- Erstaunen war so groß, daß die Blicke der Geschwister wie unbewacht sich zuwandtm, als ob sie au-drücken wollten, um den Preis einer solchen Erbschaft konnte ich mich sogar mit Euch versöhnm. „Wer hätte dageglaubt!" rief Kramer au-. „Dahätte ich nicht geglaubt," sprach Mark»-. „Ich Hab'- immer gesagt, er war ein schlauer Mensch, ich aber noch schlauer!" rief Joachim au-. Dabei warfm die Damen rrlumphirmde Blicke auf ihre Männer und ihre Gestalten Hoden sich noch höher auf, 4M ob sie sagen wollten: die.235,800 Thaler, dasind wir, habt also Respekt vor vnS. Alendlich der erste Tumult sich gelegt, und die Zuhörer ihr gespanntes. Gesicht dem Richter wieder zugewandt, räospette sich dieser abermal-, und ftihr in der Vorlesung de- Testamentefort. „Diese- Vermögen gehöttvon meinem Tode ab meiner Familie, d. h. meinen drei Schwestern, ihrm Männem und Kindem, mit Ausnahme eineganzm Bier». tel-, welcheich wohlthätigen Anstalten und einzelnen von mir unterstützten Armen vermache, wie diese in dem ange» hängten Verzeichniß aufgefühtt find. ^Jch muß aber beten« nen, daß meine Familie mir wenlg Freude gemacht hat. Die Glieder derselben sind sämmtlich ehrliche Leute, die an sich kelnm Tadel verdimm. Ader ihre Zanksucht, ihr ewiger Unfriede, ihre Eifersucht und Stteiligkeirm haben mir da- Leben ^verbittert. Durch so nahe Blut-vrrwandtschaft

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