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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 34 (1861) · p. Seite 134

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
34 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 klingen. Zuerst wird, wohl um die Sache pikant zu machen, auch vorausgeschickt, wie di, Verlobung zu Stande kommt, nämlich „meist" durch Kuppler, die Prozente erheben; bann wird gleich van der T ca uung berichtet, daß sie durch den Rabbiner auf offener Straße ober im Synagogenhofe vollzogen ,werde. wird deran sehr vielen Orten ganz verschwundene Gebrauch des MahnenS geschildert, wobei deS Bräutigams gar nicht erwähnt wird, dagegen alle anwesenden Männer ihre Hände auf das Haupt der Braut legen sollen, mit dem Rufe: „Werde zu kaufenden van Myriaden!" Und nun kehrt -er Verfasser wieder zur Trauung zurück, erzählt sehr ergötzlich, wie die Braut, von Mutter und Schwiegermutter begleitet, unter Anführung einer alten Frau mit einem langen brennenden Wachsstocke sMenururhen i) zur Chuppa gebracht wird, wo er nun aus dem früher genannten Rabbiner zwei Personen macht, einen Baal Kiduschin und einen Baal Leracha, welche Beide noch vor der Ansteckung, des Trauringe« verschiedene Segenssprüche sagen; und . endlich ist auch noch her Hochzeitsnarr als ein integrirender Theil des Festes aufgeführt, unter dessen Scherzen beim Hochzeirsknable Derascha-Schenk gereicht wird. Den Schluß macht ein Tanz, der oft mehrere Tage fortgesetzt wird. Wer erkennt-nun hierin die HochzeitSfeier der heutigen Zuden i Und doch wird Alles als namentlich in D e u t s ch * land üblich aufgcrischr. Zn Schudt, Eisenmenger mag solches mitgetbeilk sein; wer aber jetzt über jüdische Gebräuche schreibt, sollte erstens auch spätere Quellen und namentlich Werte von Juden benutzen, für den vorliegenden Gegenstand B. „die Agende" von br. Wolff in Kopenhagen S. 77—ÖO; „Goltesdienstordnunz für die Synagogen des Königreichs Würtemderg" S. 62—68; „ErdauungSbuch" rvon Prager 2. Auflage S. 1S7—192, auch „Grundlinien des mosaischralmudischen Eherechrs" von Z. Frankel S. 24—31, in welchen Werken ganz andere TrauungSritualien zu lesen sind; und zweitens sollte man das heutige Leben besser beobachten, um nicht mehr .Don der. Anführung alter Weiber und Hochzeitsnarren zu faseln. Doch giebt mir diese Betrachtung auch Veranlassung, über ein neues Anhängsel zu der gegenwärtigen Ho'chzeitsfeier, und zwar namentlich über die sogenannten Hochzeirs-' reisen mich auszusprechen, welche jetzt bald unter allen Ständen so gewöhnlich geworden sind, wie vormals das Hochzeitslanzen. Ich weiß, was diese zur Mode gewordene Sitte für sich har, doch nebst dem, daß auch dieses zum Theil nur auf einer Uedecfeinerüng der Begriffe von Scham- und Zartgefühl - beruht, verdient gewiß das, was gegen jene Reise spricht, keine geringere Beachtung und Berücksichtigung. Zunächst werden dadurch wirklich höchst zarte und edle Gefühle verletzt, indem durch das Verschwinden der Hauptpersonen des Festes dieses für alle Zurückdlcidenoen sehr gestört wird, namentlich aber ist eS gewiß den beiderseitigen Eltern eine recht wrhmürhige Empfindung, ihre Kinder, deren Beglückung sie soeben die größten Opfer gebracht haben, so ohne Umstande sich entfernen zu sehen, ihnen dm ersehnten Anblick ihres Glückes entziehend. Dann ' sind in der Regel Verwandte aus weiter Entfernung anwesend, sie haben sich große Opfer an Zeit, Geld, Mühsal, Sorgen für die ferne Heimath und das dortige Geschäft aufgelegt, um die Freude ihrer Verwandten zu erhöhen, und auch zu theilen. Sie kommen nun am Tage vor der Hochzeit, oder auch erst am Hochzeitstage selbst an^ sie sind ermüdet, sie bedürfen der Erholung, sie können jetzt kaum mir denjenigen reden, welchen sie so große Aufopferung beweisen, sie wollen aber einige Tage da bleiben und sich für all das entschädigen. Doch halt! wenige Stunden nach ihrer Ankunft entfernt sich das holde Paar in aller Stille, und die guten Verwandten aus der Ferne können sich nun in aller Ruhe die Frage überlegen, wozu sie denn -eigentlich so weit hecgeceist sind. . Uno so sind noch verschiedene Erwägungen anzustellen. Das junge Paar hat sich lange nach der hohen Zeit der Hochzeit gesehnt, denn sie dringt die Erfüllung seiner heißesten Wunsche," seines höchsten Glückes. Dafür war es früher Sille in Israel, daß der erste Ausgang nach vollendeter Hochzeitsfeier Dem gewidmetlwac, von dem alles Gute kommt, am ersten Sadbath nfk) der Trauung wurde das > junge Ehepaar feierlich zum Tempel deS Herrn abgeholt,! um Ihm zu danken für erlangte Ziel, für bas erl reichte Glück. Wem gehM jetzt der erste Iusgang? Die glücklichen Leute wollen Ruhe haben vox Bekannten, Verwandten, Eltern, vor Gott selbst, ihr erster AuSgang soll nur. ihnen selbst gewidmet sein, ihrer Eigenliebe, ihrer Seldstvergöttsrung, sie reisen ab. Sehen wir noch weiter, wie dieses im Widerspruche mitder ganzen Feier der Hochzeit und mir dem Wesen der. Ehe ist. Nach der jüdischen Lehre ist der Hochzeitstag ein Versöhnungsrag, und wird daher bis nach der , Trauung von dem Bräutigam in Buße verbracht. Wer aber auch diese Anschauung nicht mehr ganz theilen möchte, wirb doch immerhin zugedcn, daß hoher Ernst den wich- tigen Schritt deS EhcschließenS zu degleitel» habe, und die Bebekzigung derverschiedenen Pflichten deS Ehestandes einen Hauptgegensiand des inneren Lebens des Brautpaares am ÄochzeilStage bilden solle. Bei allen Eheschließungen wird daher der Geistliche richtig verfahren, wenn er daS Familienglück, den häuslichen Wirkungskreis, die Zufriedenheit im Innern des HauseS mit beredten Worten zu schildern sucht; und es ist nun gewiß ein schriller Widerspruch, wenn diese Belehrung mit dem un-; verweilten Antritte einer Hochzeitsreise, da män sein Glück in der Außenwelt sucht, erwidert wird. ES ist. ferner in den meisten Fällen gewiß sehr ange- , messen, wenn bei der Trauung dem Brautpaare nahe ge- , legt wird, wie daS eheliche Glück nicht in der Ueppigkeit > und in der äußern Pracht des Hauses bestehe, sondern daß! eine weise Sparsamkeit eine Quelle des Wohlstandes und j der Zufriedenheit sei. Diese wichtige Lehre wird nun aber sogleich mir Füßen getreten, die Hochzeitsreise -verschlingt! eine Summe Geldes, das in gar vielen Fällen besser > innerhalb des Hauses verwendet würde; man giedt es denj noch hin, denn wer widersteht der Tyrannei „Mode?" i Hieraus entspringen noch andere Fehlgriffe. Heilig! rxac sonst die Sitte in Israel, den zehnten Theil der j Braulsteuer zu milden Zwecken zu verwenden, man lud j arme Leute zum Festmahle ein, anderen sandte man Labung inS Haus, man theilte einheimischen und fremden Armen Geld aus, man bestimmte ansehnliche Beträge für arme Bräute, arme Studenten u. s. w. So wie aber der überhandnehmende LuruS der Mildthätigkeit überhaupt

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