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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 33 (1861) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
33 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Vornehmen der jüdischen Gemeinde beiderlei Geschlechter, offen. Sie wurden sammrlich freigiebig dewicther und die Freundlichkeit und unbefangene Unterhaltung der Hausherren würzten diesen Empfang. Die Lady trug an diesem Sabdath keinen Schmuck und kleidete sich schlicht, gleichsam als wollte sie den sich hetauSsiafsirenden, durch ihren Putz zu glanzen suchenden Jüdinnen bedeuten, daß nicht Flitter und Erdenschimmec, sondern GeifteSvSczügt und Lugend der wahre Schmuck der Frauen sei. Eine Lehre, di« unsre -GlaudenSschwestern bis jetzt noch nicht genug beherzigt haben. Viele vornehme Christen kamen am selben Lage, dem Sir MoseS ebenfalls ihre Aufwartung zu machen, wurden aber nicht angenommen. „Diesen mir h/ilig.n Tag habe ich für meine ReligionSdcüder bestimmt," war -die Antwort. Abends deschied der Lic zu sich einige der vornehmsten Juden und feierte mit ihnen den Anfang einer neuen Gesetzrolle '.-r-nrri rinnn, wobei der bereits gedachte Prediger eine kurze, dem Gegenstände der'Feierlichkeit entsprechende Rede hielt. — - Vf. Sonntag den 17. April mir dem vorschreitenden Morgen, begann das Menschenmeer wieder seine Fluih. Sir MoseS sollte nämlich in voller britischer LtaatSkleidung dem KriegS-Gouverneur eine Morgenvisite adstarren.. Wirklich sah man ihn um zehn Uhr in seiner rorhen Uniform mit golvnen EpaulencS, in einem Wagen zum Pallaste hinfahren. Der KriegSgouvecneur empfing ihn mit sichlvarlicher Bevorzugung und ging mit ihm. Arm in Arm, durch den Salon hin. Als der Sir unter denjenigen, die behufs dieses offiziellen Feiertage« dem General ihre Aufwartung zu machen kamen, auch den greisen Raddinen der israelitischen Gemeinde gewahrte, trat er auf ihn zu und drückte ihm herzlich die Hand. »Nach Hause zurückgekehrt, wechselte Sic MoseS seine Kleidung und ging, auch die jüdischen Gotteshäuser und Heiligthümec Wilna'S zu beschauen, nachdem er sich an der zertrümmerten Herrlichkeit der uralten Heiligthümec Zion» gelabt hatte. Ungemeldet besuchte er zuerst die sogenannte „SawelS- Schule" auf dem Pfecdemarkt, von da fuhr er nach der Klause jenseir Ostrodram (des scharfen LhoreS), von da nach der Synagoge der Vorstadt Za-Rerfchie (jenseit des Strome«), wo er auch das LehrhauS r**a Dirön besuchte. Daselbst traf er auch den derühnilen Talmudisten R. Jsfröel Shalantec, dem er durch Dr. Löwe bittre Vorwürfe dafür machen ließ, daß er nicht im brande sei, sich in der Landessprache verständlich zu machen, wodurch er gewiß bei seiner talmudifchen Gelehrsamkeit und dem großen Ansehen, das er bei seinen Glauben'Sbrüdern genoß, denseldew hätte wesentlichen Nutzen bringen tonnen. Eine volle halb« Stunde rügte Dr. Löwe diesen Talmudisten, der e« versuchte, den besprochenen Umstand zu vertheidigen, und bir MoseS kehrte von dort unwillig nach Hause zurück. An demseld. n Tage'besuchte er auch die von den Herren H. Klarschto und N. Rosenthal gegründete Knabenschule wo," außer den gewöhnlichen Schülern, auch, die jüdischen Schüler de« Gymnasiums, die wöchentlich zwei Mal in dieser Schule von M. A. Günzburg in der Bibel undvonS. Salkind in der Religion Unterricht echielten. versammelt waren. Nach der allgemeinen Bewillkommnung stimmte ein Kaadenchor die Hymne für den Kaiser und ein eignes dazu abqefaßteS Lied für das Wohl Montefiore« an. Nach einer kurzen von fr. Löwx an die Schüler gerichteten Ermahnung zu Fleiß, Pünktlichkeit. Gottesfurcht und einträchtigem Benehmen, übergab er dem Lehrer im Namen des Sir, als Beleg seiner völligen Zufriedenheit mir seinem Leisten, eine Gcatrfication von hundert Rudeln. Gegen Abend kam der Polizeimeister und lud den Sic im Namen de« KriegSgouvecneur« in'« Theater. Sir Mose? lehnte anfangs die Einladung au« dem Beweggründe ab, daß er sich diese« Vergnügen« seil Lange enthalte, al« aber der Polizeimeister, der diese abschlägige Antwort dem General überbcacht hatte, auf dessen Befehl zum zweiten Male herkam und den Sic ersuchte, wenigsten« doch auf einige Augenblicke bas Schauspiel mir seiner Anwesenheit zu beehren, um so die dort seinekhalder heute in großer Anzahl versammelten Notablen und Edelleute nicht zu täuschen, ließ er sich endlich bewegen und ging hin in Begleitung de« Polizeimeisters, der einige 'pvlizeiofficiere vorausschickle, ihnen durchs Gedränge Platz zu machen. Der Sir dl«ed auch wirklich im Theater nur eine Viertelstunde. Nach Hause zurückgekehrt, legre ec feine Uniform und die Lady ihren Schmuck an, und sie begaben sich zum Balle. Da e« gerade zu jener Zeit Reichstag in Wilna war, so waren die Salon« des Gouverneur« gefüllt und eine Versammlung von einigen hundert Personen wimmelte bunt durch die glänzenden Gemächer. Di« Hauprunttrhaltung drehte sich um die erwarteten Fremdlinge und zwar war dar Urtheil anfänglich, theilü von Neid, theil« von Vorurrheil diclirt, nicht ganz zu deren Gunsten ausgefallen, al« plötzlich die Laoy, gefolgt von Sir Most«, erschien. Der General kam ihnen mit solcher Zuvorkommenheit entgegen, ihr Erscheinen war so überraschend, so würdevoll, daß unwillkürlich alle kleinlichen Krileleien verstummten. Die Lady überstrahlte die Frauen durch ihre Anmurh und ihr feines Benehmen. Diejenigen, die auf Kostbarkeiten Werth fetzten, fanden auch an den Juwelen der Frau Montefiore viel zu bewundern. Der Schmuck, den dieselbe an jenem Abend trug, soll weil über eine Halde Million S.-Rubel an Werth gehabt haben. Das.Interesse, die Aufmerksamkeit für die neuen Ankömmlinge war so allgemein, so ungetkeilt, daß Viele, von diesem Gefühle hingerissen, über die Schranken de« Anstande» sich an den Sir so nahe herandrangten, daß sie vom General darauf aufmerksam gemacht werden mußten. Der General eröffne» den Ball mit Lady Judith, Sic Mose» ranzte mit der Hausfrau. Er genoß aber den ganzen Abend, außer Thee und Früchte, Nichts, zumal keine Znckerdackwerke, eine Beimischung befürchtend. VII. Auch die übrigen Tage der Woche füllte Montefiore qrößtentheilS mit dem Besuche der vielen religiösen und wohlrhätigen jüdischen Anstalten Wilna'S' auS. Außer der bereits gedachten Knabenschule, besuchte er auch, immer in Begleitung deS fr. Löwe, mehrere andere Lehranstalten, worunter auch die Knabenschule Germaise'S. dem er, al« B-weiS seiner Zufriedenheit 50 Rubel verabfolgen ließ, di« Töchterschule Perle«, wo ihm die Mädchen mit einem deutschen Liede und dem I22ten Psalm im Wechselchore hebräisch und deutsch adsingend auf so befriedigende Weise empfingen, baß er sein Bedauern über die Adwesen-

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