Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 33 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung unh Aiiterhallung aus jüdischem gebtese. Herausgegeben von . Rabbiner vr. Ludwig Phili-Psou in Magdeburg. ] lNo. 33. 1861.] Bon tiefer ZcilfLrisr eritteint woche^ulich eine U Jammer. Preis des Iabr» «>mgs 1 Tdtr.!8ierieljal-rig 7'X Pgr. Alle BuchhaLdlungen, Postämter nne Zeimngserpedilicnea nehmen BefteUungen an. [8. Jahrg. 3.j<QuartaL] Sir Moses Montefiores Aufenthalt in Wilna im Jahre 1846'). Von —ll in —11. . > ,\crtfe|fnn.4/. Um sechs Uhr Abends kvaren die Hauptstraßen Wilna's mit festlich gekleideten Haufen gefüllt; sie erwarteten den Sir und die Lady, welche sich zum Abendgebete nach der großen Synagoge begeben sollten. Wirklich sah man dieselben bald darauf zur Synagoge hin durch zwei bichlgeschlossene Menschenmauer» sich bewegen, die die hohe imposante Figur- MontestoreS um den Kopf überragte. In den engen Gaffen des Judenquartals, insbesondere ganz in der Rahe der Synagoge, war das Gedränge H dicht, daß, trotz allen Anstrengungen der Polizeidiener, der Zugang zur selben verrammelt war. Als Monlefiore dies gewahrte, beschloß er, umzukehren. Kaum aber machte er diese rückgängige Wendung, als, wie von einem elektrischen Schlage zerrissen, die dichtesten Maffen sich ihnen öffneten und freien Durchgang gewahrten. Die alte Synagoge in ihrer verjüngten Beputzung, von Tausenden von Kerzen beleuchtet und von einer andächtigen Menge gefüllt, bol einen großartigen Anblick dar. Lady Judith betete ebenfalls in der männlichen Abtheilung der Synagoge, auf dem Almrmoc. Rach dem Gottesdienste reichte Sir Moses seiner Gemahlin den Arm und sie kehrten nach ihrem Hotel zurück. Die Menge wurde von den Soldaten mir Gewalt zurückgehalten. j V. Dieselben Scenen wiederholten sich auch TagS darauf. Diejenigen die im Besitze von Billeten waren, eilten frühzeitig nach dem Gotte-Haufe; die Straßen und Plätze wimmelten von noch größerer Volksmenge, da, vermöge der Sabbarhfeier, viele Arbeiter aus den Vorstädten und entlegenen Theilen der Stadt, die an Werktagen sich doch von ihrem Gewerdfleiße hatten zurückhalten lassen, herbeigeströmt waren. Monrefiore gab edaher auf, diesmal nach der Synagoge zu gehen und verrichtete das Morgengebet bei sich zu Hause, allwo der gesangkundige Markus Mindelfon, zur höchsten Zufriedenheit des Hausherrn vordetete. Unterdessen ward eS auf den Straßen ruchbar, daß der Sir sich heute nicht nach der Synagoge begeben werde, und bas in seiner Erwartung getäuschte Volk begann allmählich sich unmuthig zu zerstreuen. Auch viele der im 1) „Bor Nachdruck wird gewarnt." Bethause Versammelten, alS sie sahen, daß brt Sir nicht erscheine und daß keine besondere Feierlichkeit beim GotteS- - dienst« vorgenommen werde, hegaben sich verdrießlich nach Hause. ' Sobald sich die Synagoge und die Straßen einigermaßen geleert, wurde der Prediger von dem Vorstände beordert, sich zum Sir zu d,geben und ihn zu ersuchen, auch diesmal das feii^ harrende Heiligthum nicht unbesucht zu lassen. Der Sir ließ sich bewegen und begab sich in Begleitung der Lady, des De. Lowe und der Personen, die in seinem Hause gebetet, nach der Synagoge und schlug,' um dem wieder aüflaufrnden Volk-Haufe». auSzuweichen, dm Weg durch den fo genannten Red-MaileS Hof ein. Auf diesem Gange hatte Monrefiore Gelegmheit, daö elende Bett des in den Wochentagen so kochenden Ghetto, dessen Hchmutzwellen jetzt, wie Sambation, ihrer sabdarhlichen Ruhe pflegten, in Augenschein zu nehmen. Kaum war der Sir und seine Begleiter irr ber Synagoge, so wurden die Thuren derselben geschlossen und Niemand mehr hereingelassen. Der Lady Judith 4« Liede beteten diesmal noch einige Frquen in der Männersynagoge. Auch viele vornehme Christen wohnten dem GorreSdimste bei. Rach dem Borlesen auS der Thora wurde von dem Vorbeter das gewobn- _ liche Geber D'öm tco b« für die Seelen der Hingeschiedenen Eltern de- Sir und der Lady und eine eigendazu von einem Wilna'fchen Gelehrten verfaßte Segen-formel "v für Sir und Lady Monrefiore selbst feierlich vorgetragen. Erst gegen 2 Uhr war der Gotte-dimst zu Ende und die Gefeierten kehrten nach ihrer Wohnung zurück. — Kaum waren sie di« Treppe zu ihrem LogiS hinaufgerretea, so traten ihnen IO junge, weiß gekleidet», mir Kränzen geschmückte Mädchen, auden vornehmsten jüdischen Familien, mit kunstvoll grflochtmen Blumenkorb» chen in der Hand, entgegen. Zwei von denselben traten hervor, wischten mir schneeweißen Battisttüchiein dem Sie den Staub von den Füßen und sprachen: „Willkommm edler Pilgrim audem gelobten Lande!, diese Füße betraten Zion- Bodm, dessen Staub uns theuer ist, dessen Steine ^svir liebkosen." Drei von ihnen: Rosa Trachtenderg, Jenny Tugendhold und Elod« Klarschko, empfingen sie mit einem deutschm, von Herrn W. Tugendhold, Ehrenbürger und Zensor zu Wilna,, gedichtete» Liede. ' Während sie da- Lieb im Wechselchore sprachen, streute» sie au» ihren Körbchen Blumen der Lady zu Füßen. Dieser poesieretche, idylleahafte Austritt «ntßpmch dem nnpfinhsamm edle» Herzen de- Sir und der Lady sehr und nmchlre auf biesetbeu einen tiefe» Eindrucks! An demselben Tag« wäre» fcfc Zimmer der-Gtt allen