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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 32 (1861) · p. Seite 127

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
32 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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i 27 Majestät hatte die Gnade, mir das Versprechen zu geben. Euch väterlich und schonung-voll zu behandeln. Au meinem größten Leidwesen aber mußte ich auS dem Munde Sr. Majestät auch Klagen gegen Euch hören. Ec führte an: Ihr seid Müssigganger, vernachlässigte Nicht-thuer, scheuet jede Arbeit und wollt das Land nicht bebauen. Se. Majestät habe Euch, mit großem Kostenaufwand», im Cherson'schen Gouvernement aus den Krondomänen Ländereien anzeigen zu lassen die Güte gehabt; Ihr aber habt die Aecker brach liegen lassen, die Lastthier« verkauft und mit dem Geld« Handel zerrieben. Er beschuldigte Euch ferner des Schleichhandels und des Unterfchlages aller Steuern- Leider zvußte ich darauf keine Antwort und mußte schweigen." vr. Lowe legre nun der Versammlung auch die übrigen Fragen vor, die von hohen Staatsbeamten dem Sir Moses im Betreff der Juden gestellt wurdenmit der Weisung, dieselben schriftlich zu erörtern und ihre Meinung abzugeden, was den hohen Fragestellern zu erwidern sei. AlSdann mißbilligte hr. Löwe aus eigenem Antriebe den Widerwillen der russischen Juden gegen den Ackerbau, der allein im Stande ist, eine Nation für die Dauer reich und glücklich zu machen, ihre ausschließliche Beschäftigung mit dem Handel, wodurch nolhgedtüngen verschiedene Bettügereien erzeugt werden müssen, sowie auch ihre starrköpfige Entgegenstemmung gegen jede Bildung und Wissenschaft, die zu dieser Zeit deS Fortschrittes und der immer zunehmenden geistigen Entwickelung, jedem einzelnen Menschen al» Mitglied der Gesellschaft, geschweige denn einer ganzen durch ihre Geistesanlagen berühmten Nation, wie die Juden, unerläßlich sind. Er bewies ihnen unumstößlich, daß die Unkennrniß der arabischen Sprache die Hauptursache zu den traurigen Vorgängen in Damaskus gewesen und zum^ Unglück jener Schuldlosverfolgten bekgettagen habe, indem viele Juden in Damaskus die Kenntniß der beiden Talmude mit allen ihren Sattelitenwerken, kein einziger aber die Kenntniß der Landessprache besitzt, um nöthigenfallvor" die Regierung zu treten und die Grundlosigkeit jener lächerlichen Beschuldigung darthun zu können. Schließlich führte der Redner viele große Männer Israels namentlich an, die in jedem Zeitalter nur durch ihre jedesmalige zeitgemäße Bildung und Kenntniß der betreffeyben Landessprache, ihren GlaubenSgenosstn wesentliche Dienste geleistet haben. Nach diesen brüderlichen aber ernsten Ermahnungen, denen die Zuhörer keine Einsprache thaten noch zu thun hatten, gab vr. Löwe der Unterhaltung eine angenehmere Wendung, indem er, en Gegenwart des Sir, allen Gästen Wein kredenzen ließ. Als sie sich darauf verabschiedeten, luden sie sogleich die jüdischen Gelehrten zur literarischen Arbeit «in. die von Sir MofeS vorgelegten Fragen kritisch zu beleuchten und ihre Meinung darüber abzugeden. Im Haufe de- Herrn ür. Klarschko fand die Versammlung *) Auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Nikolaus ließen die Minister der Bolksaufklarung, der Krondomänen uno wie es heißt, der ianern Angelegenheiten, ein jeder aus seinem BSreau dem Sir Montestore spezielle Berichte über das von Ihnen zur Hebung der Juden erfolglos Unternommene zustellrn. Der Kaiser selbst empfahl dem Sir auf seiner Rückreise die größer« jüdischen Gemeinden zu besuchen, ihnen gedachte Berichte vorzulcsen und ihr« Rechtfertigung anzuhbren. einige Tage hindurch statt, dis sie, nach Mrtstimmung anderer Sachkenner, eine umfang-« und inhaltsreiche Broschüre abfaßren, die die gestellten Fragen specifisch behandelt« und über die bürgerlichen Zustände der russischen Juden vieles Histocifchinleressante enthielt. Außerdem wurden noch viele Schreiben über die damals aus den Dörfern und Krügen verjagten Judenfamilien, auf Veranlassung deS Sir, von dem vielseitig gekehrten Herm Eh. 8. Katzenellenbogen auS dem Russischen in- Französische übertragen'). IV. Unterdeß kam der Freitag. Oer Synagogenvorstand traf Anstalten, ihren Gast in der großen Synagoge anständig zu empfangen. Schon vor seiner Ankunft wurde, wie bereiterzählt, dieselbe neu gekalkt und gemalt, nun wusch man die hölzernen Sitze und scheuerte die messingenen Kronenleuchter blank. Am Sabbath de- Morgensollte der au- Poaewie-z gekommene Chasan vorbeten. Um aber dem großen Volksandrange in der Synagoge einigermaßen - zu steuern, ließ man zum sabbarhlichen Morgengottesdienst Bille« auStheilen. Dieselben wurden zwar ünenrgeltlich aber doch vorzüglich unter den vornehmem Juden vertheilt. Bei dem Synagogmportale wurden Soldaten zum Adfordecn der Billete und ^um Abhalten des sich herandrängendm Pöbels ausgestellt. Nun gerieth am Freitag Alles'ln Bewegung, um sich wo möglich^mit Billeten zu versehen; auch viele Christen sorgwn dafür, sich Billete zu verschaffen. Sir MoseS blieb ben ganzen Tag Freitag zu Haufe und empfing bei sich Besuche. Es besuchte ihn zuerst der General-Gouverneur, blieb bei ihm mehr als eine Stunde und lud ihn zu Sonntag, den 17. April, zu einem Balle, der behufs des Geburtstages Sr. Kaiserlichen Hoheit des Thronfolgers, unsregegenwärtigen Herrn und Kaiser-, in seinem Pallaste starrfindm sollte. Sir Mosewollte Anfangdie Einladung au» zweien Gründen ablehnen, ersten-, weil er al- Jude von den Speisen nicht genießen dürfe, zweiten-, weil er, einen solchen. Fall nicht vorau-setzend, seine StaatSkleidung in Wilkomir gelassen habe. Der General-Gouverneur wußte aber diese Bedenklichkeit durch die Gegenvorstellung zu beseitigen, daß er beim Balle nur Thee, Früchte, Confiturm u. ögl. genießen könne und daß ein express» Bott seine Uniform auS Wilkomir zur bestimmten Zeit holen werde. Sir MofeS willigte ein und kaum war der General-Gouvemeur nach seinem Pallaste zurückgekrhrt, N< ein Courier im gestrecktesten Galopp nach Willkomir sprmgte. Auch besuchte ihn am selben Tage der Curator, Gmeral Gruber, der Civil-Gouvemeur und viele andere hohe Persön. lichkeiten der Wilna'schm Aristokratie, worunter Fürst Wittgenstein und Graf Plater hervorzuheben sind. Auf Befehl deS Gouvemeur fuhr der Polizeimeister in alle jüdischen Anstalten, die der Sir zu besuchen Willens war und forderte die Vorsteher, auf dieselben möglichst rein zu haltm und zum.Empfange de- Sir in gehörigm Zustand zu setzen. Seitenseiner Glaubensgenossen wurdm Montefiore an diesem Tage Weine und Backwerke aller Art geschickt, vr. Löwe empfing die Ueberdringer, zahlte jedem 1, andern sogar 2 Rudel und ließ den Sender im Ramm de- Sir *) Die gedachte« drei Berichtt der Minister wurdm auf verlangen de« Sir von dem gelehrten Herm S. I. Kinn» jetzigem Redacteur de» Hakarmel, in'» Hebräische Abersetzt. A

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