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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 32 (1861) · p. Seite 126

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
32 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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sich fetbtt fügte l>r. Lowe eine mißbilligende Bemerkung! über den Umstand hinzu, daß sie auch seinen Namen neben! dem des Sir im Carmen erwähnt und so das Verdienst > dieses um seine Nation so thäti'gen Mannes gewissermaßen ' verringert Kälten. Nach dielen Reden bestiegen die Gäste! ,ibr<n Wagen und fuhren nach der Städt; ihnen voraus I fuhren pfeilschnell die Herren Rosenrhal undJ. Jogiches, a um Alles in Bereitschaftf zu setzen und munterten im Vorbeieilen die auf der Landstraße und in der Dorstadt harrende | Menge zu enthusiastischer Begeisterung auf.! In einem brauenden Menschenmeere, unter dröhnenden,! lufterschücrernden Zurufen bewegte sich der Wagen der An-; kommenden der ihrer so lange harrenden Stadt langsam entgegen. Bei der Brücke wurde das Gedränge so groJ, daß der Wagen seinen Schritt noch mehr mäßigen mußte. #IM drängte sich herbei, viele stiegen auf den Wagentrin, um dem Reisenden, wenn auch flüchtig, näher ins Gesicht sehen zu kZnnen; diese offneren die Wägenfenster, um sich sehen zu lassen und nickten freundlichst rechts und links. So gelangten sie dir zur deutschen Straße, wo die Menschenmenge irr einen unabsehbaren Strom sich ergoß, in welchen lebendige Flutben aus den Quergäßchen, wie Nebenbächlein mündeten. Die Fenster der obersten Stockwerke. selbst die Dächer der Hamer waren mir Menschen stark besetzt, die unter sich rin seltsam buntwimmclndes Gedränge und ein sich langsam fortbewegendes Wagengr- > häufe gewahrten. Selbst die christliche Bevölkerung der Stadt, größtcnthells aus Polen bestehend, von der Neugierde ungezogen, war unter den Zuschauern stark vertreten und höhnender Neid ließ auf manchem Gesichte sich bemerken, selbst von mancher Lhpe vernehmen. Der gewöhnliche Hohnausdruck der chikanirenden Polen war „Zidowfky krsil" «'der Hudcntönig). Har der unverdiente und doch tief wurzelnde Daß ihrer polnischen Landsleute den lithauischen Juden schon sehr oft ihr trauriges Dasein vergällt, so verfehlten diese sichrdarlich vom Neid dicurren Neckereien gerade , jetzt ihren Zweck, indem sie den Juden den Trost ' des Augenblickes um so süßer schmecken ließen. Ihr« Sinne waren mit ihrem glücklicher« GlaubenSdruder und mir den durch ikn in ihrer Brust geweckten Hoffnungen und Erinnerungen beschäftigt. Die im Unglück verhärteten Gemü- .ther wurden sanfter, empfindsamer. Man sah reichliche Thränen vergießen Iwrit Andlike der auf Monrefioces Wagen, im Wappen befindlichen Namens „Jeruschalajim," dieseso viel bedeutenden Namens, der, vom Glanze einer sonnenhellen Vergangenheit und vom Zwielicht einer winkenden Hoffnung umschimmert, den Augen eines rechtgläubigen Juden, auf allen Schritten des Lebens, vorschwedi. Wir erinnern uns einer damals unter dem Volte coursirenden Anekdote, die wir hier mittheilen, ohne jedoch für deren Authencikät zu bürgen. Als die Herren Rosenrhal und JogicheS, wie erzählt, dem Wagen Monrefiores um eine bedeutende Strecke vorauseilken, stieß ihre Kalesche zufällig an die Droschke des seines Weges vordeietlenden PolizeimeisterS, der über die Ankunft MontcfioreS noch nichts Officielles erhalten, folglich darin nichts Besonderes vermulhete: „WaS sitzt Dich so außer Arhemi — fuhr er den Jogiches an — Ein Jude wie Du ist gekommen!" — Tags darauf schickte der Civil-Gouverneur denselben Polizeimeister zu Skr Montefiore, um zu fragen, ob er ihm feine Aufwartung machen könne. Dr. Löwe, wahrscheinlich auf Weisung deS Sic, dem der gestrige Vorfall zu Ohren gekommen war, ließ den hohen Polizeibeamren-mehr als eine halbe Stunde im Vorzimmer stehen, ohne ihn einer einzigen Sylbe zu würdigen, während er viele «Juden ein- und ausfühcte und mit ihnen sich freundlichst unterhielt. Endlich gab er ihm flüchtigen Bescheid und entließ ihn ohne Weiteres. Als nun die Reisenden sich endlich durch die hemmende Menschenwand bis zu ihrem Logis durchwanden, empfingen sie am Thore die Herren Rosenrhal, Jogiches und M. Nath.mson, hoben sie aus dem Wagen und führten sie in ihre Gemächer. Nun erst begann die Volksmenge sich zu zerstreuen, hauptsächlich da ein heftiger Regenguß plötzlich herumerstüczte. Gegen Abend waren aber die Straßen wieder voll:, die Gaste fuhren nämlich in's Badehaus. Nachdem also der Sir, 'die Lady und Nr. Lowe in einer gureingerichteten jüdischen Badeanstalt Badet eingenommen, wo, beiläufig ezzählt, der Bader sie nicht rücksichtsvoll genug behandelte, indem er hier eine nicht zu versäumende Gelegenheit zu seiner Bereicherung gefunden zu haben glaubte und seinen Badegästen eine enorme Summe adforderte. Dieser Fall steht übrigens in der gänzen Zeit der Verweilung MontesioreS in Wilna vereinzelt da. Dann begaben sie sich zurück nach ihrem Hotel, und überließen sich einer sanften ungestörten Ruhe unter dem nächtlichen Himmel Wilnas. IN. Tags darauf, Donnerstag den (4. Jjar) 14. April, um 10 Uhr Morgens, nachdem Sir Moses das Morgengeber mit einem bei sich zu Hause impcovisirten Minjan verrichtet harre, begab er sich in Begleitung seines Dolmetschers, Nr. Löwe, zum General-Gouverneur, bei dem unterdessen Depeschen aus St. Petersburg eingelaufen waren, Sir Moses jede mögliche Ehrenbezeugung die ganze Zeit seines Aufenthalts in Wilna hindurch angedeihen zu lassen und der ihn mit großer Achtung empfing und mit ihm eine anverhalbstundenlange Unterhaltung in seinem Salon pflog. Von dort begaben sie sich;um Curator des Lehrdezirkes General Gruber und kehrten alsdaNn, immer von einem unzähligen Volksschwarme umwogt, nach Hause zurück. Gegen Abend ließ er die Vornehmsten der Judengemeinde, deren Namen bei. ihm verzeichnet waren, zu sich laden. Nachdem er sie freundlich begrüßt und sie die angewiesenen Plätze eingenommen hatten, richtete Nr. Löwe, im Namen des Sir, an sie folgende Worte: „Meine Brüder! diese anstrengende, mit Gefahren verbundene Reise, diese weite Reise über Land und Meer, habe ich ausschließlich nur.Euretwegen unternommen. Diese leitende Hand Gottes, die mich immer auf meinen Reisen begleitet, verließ mich auch hier nicht und ließ mich zu gelegener Zeit in St. Petersburg ankommen, wo gerade auch Se. Majestät der Kaiser von einer Reise nach Moskau eben eingetroffen war. Ich hatte bas Glück von Sr. kaiserlichen Majestät in einer Privataubien; empfangen zu werden, wo Er mich huldvoll aufzunehmen geruhte und späterhin auch seine drei kaiserlichen Minister') zu mir schickte. Seine kaiserliche ') Uwarofs, Minister der Volttaufklärung, Nesselrode der Staatsminister und Kjsseleff, der Vorsitzende im Somit* zur Organifirung der Hebräer.

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