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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 31 (1861) · p. Seite 123

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
31 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 N. Rosenrhal gebildet, welche drei früher schon mir Sir Moses in brieflichem Verkehr gestanden haben sollen. .Derselbe beschloß dem Reisenden di« nach Krigeanki. einer Poststation 17 Werst von Wilna, entgegen zu kommen. Die eigentlich, Organisation der Empfangsfeierlichkeiten wurde dem letztgej nannten Herrn Rosenthal, als einem Manne moderner Gestt- . tung und systematischen Geschmackes, anhkimgestellt, der auch die ehrende Pflicht bereitwillig übernahm. Auf seine Anregung wurde sogleich ein geräumiges Logis von mehreren prächtig möblirlen Zimmern in der Bell,tage des sogenannten Michal-Kozin'schen Hauses, dem Rathhause gegenüber, gemierhet, welches sofort gereinigt und in Bereitschaft gehalten wurde. Der berühmte Dichter Herr A. B. Lebenfvhn verfaßte ein schönes Carmen in sehr gelungenen hebräischen Hexametern, welches man auf Pergameffft schreiben und in der Gestalt zweier Gesetztafeln prachtvoll eindinde» ließ. Indessen beschäftigten sich die übrigen jüdischen Einwohner Wilna'S mir Zudereitunaen aller Art, um dem so sehnlich Erwarteten ein Jedernach seinem Stande anständig enrge» genkommen;u können. Alle jüdischen Lehranstalten wurden in EmpfangSjustand gebracht, die Bethäufer gereinigt und gesäubert, die große Synagoge *) neu gemalt und ein im Rufe stehender, meisterhafter "Vorsänger, wie deren in uaserm Lithauen viele auftauchen aber großentheilS verwahrlost und ungewürdigr spurlos dahinschwinden *), RamenS Jssroel Schkuder, aus dem zwanzig Meilen entlegenen Ponives; gebracht. Das Volk unterhielt sich auch' nur von dieser Tagesneuigkeit und alle brannten vor Begierde, ihren sie zu besuchen kommenden Glaudensbruder mir ungcheuchelter Liede und Ergebung willkommen zu heißen. Unter solchen Vorkehrungen und in rühriger Geschäftigkeit, der Hände und Zungen verging der Sadbath. . Sonntag gegen Abend begaben sich die Notadeln der Gemeinde zu Wagen dem erwarteten Gaste entgegen. Es war ein stattlicher Zug und eine unabsehbare Mmge Volkes strömte demselben über die grüne Brücke, durch die Vorstadt Schnippischok hin, zu Fuße nach. ES waren aber, außer der am Donnerstage eingelaufenen Nachricht, die sich jetzt als nicht gegründet genug herausstellte, keine anderen Nachrichten über den eigentlichen Tag des Eintreffens Monlefiores eingegangen und alle Anstalten und Vorkehrungen wurden größt,nlheils auf's Gerarhewohl getroffen und verursachten der Wklna'schen Judenheil keinen 0 Dieselbe ward um» Zahl 1610 ursprünglich im Bau beendigt und erhielt erst nach und nach, durch verschiedene Reparaturen und Umbauungen, ihre gegenwärtige Gestalt. (Siehe Hakarmel I. 46.) Au« der in Wileosky Wiestuick (1866 Rr 79) von Professor Muhlinski erschienenen Uebersetzung eines im 3ahre 1616 von einem Tatarischen Kaufmann aus der Krimm zu Wilna verfaßten türkischen Briefe« ist ferner den Umstand hervorzuhebrn, daß die Synagoge absichtlich in einer engen, unzugänglichen Gaffe gebaut wurde, um dadurch vor den zu jener Zeit in WUoa häufigen vüraerbeiehdungen einigermaßen gesichert zu fein. 2) Dir denken hierbei wehmürhig an eia emiueutes musikalisches Talent, das, kurze Zeit vor Montefiores Eintreffen in Wilna, in Folge einer Familienzwistigkeit auf die kläglichste Weise uuter»^ gegangen war. Wir sprechen nämlich von unserem allgemein bctomueit” uud anerkannte» Säuger, dem herrlichen Borbeier in der großen Synagoge zu Wilna, dem seligen Ioöl David (vulgo: Balabeffei genannt), dessen Silberstimme so viele Herze» ergötzt, dessen trauriges Ende so wenig Thräueu entlockt hatte. B« uns wird mit Talenten so unwirthlich uwgegaogen, als wen» wir ihrer die große Menge hätten!! unbedeutenden Zeit- und Geldverlust. Montag des Morgens «aren-viele der in der Stadt Gebliebenen um das Haus Michal Kozins erwartungsvoll versammelt; als sie aber erfuhren- -daß der Gast noch nicht eingetroffen sei, strömten sie der Richtung der Stabt, woher er kommen sollte, zu. Rach Mittag war die Dorstadt jenseit der grünen Brücke ganz von Menschen überfüllt, von denen viele in ihrer Ungeduld bis nach Krigeanki vordrangen. Als sie auch dort nichts Bestimmtes über die Ankunft des Erwarteten erftthren, begaben sie sich rheilweise nach der Stadt zurück, während die S^dt stündlich neue Massen ausspie, die entweder alle Krüge von Wilna dis dem 5 Werst entlegenen Wichapki ausfüllren, Dder auf offner Straße sich gruppirren. So war in diesen sonst wenig besuchten Straßen dp» ganzen Tag hindurch ein^imendliches Gedränge und ein buntes Hin- und Herwogen unzähliger Menschentöpfe, wie es etwa auf dem Bazar« einer Weltstadt sein mag. Diele Tausende brachten jene Nacht unter freiem Himmel zu, denn es ging ein Gerücht um Sir Moses werde, um jedes Geräusch zu vermeiden, de« Nacht« in die Stadt einziehen. Die Polizei sah sich veranlaßt, eine Anzahl Soldaten auf gewisse Punkte statioairen zu lassen, um etwaiger Unordnung vorzubeugen, hauptsächlich da sie erführ, die Juden gehen mit dem Gedanken um, die Pferde von Montefiores Wage« loszuspaaaen und denselben auf ihren Händen nach der Stadt zu tragen. Aber gerade durch diese Vorsichtsmaßregeln entstand manch, Ruhestörung, da es zwischen diesen feindlichen Elementen zwischen dem ungestümen Volke und den über die Ordnung wachenden Polizeidienern zu Reibungen und bald zu handgreiflichen Zankereien kam. In Wichapki entstand eine ernstliche Raufexei, welche mir dem Fußverrenkm eines Juden endete. Indessen harten diese Intermezzos keine weiteren Folgen ukib neue Haufen kamen nach wie vor in den Krügen z» übernachten. Außer diesen Vorsichtsmaßregeln schick« die Polizei einen Beamten nach Krigeanki, um die Namen der dorr wartenden Personen zu noliren uno wieder ein Anderer wurde mit einigen Polizeidienern bei dem Haus« aufgestellt, wo der Erwartete adsteigen soll«. Aber sowohl^bie Nacht, als der darauf folgende Tag vergkngen in fruchtlosem Warten! Dienstag gegen Atzend kam sogar ein Bote nach der Stadt und bestellre*Abendbrot für die Reisenden und das ganze Volk kam wieder auf die Beine und harrt« dis Tagesanbruch .schlaflos aus. Als aber die Nacht verging und das Ziel ihrer Erwartung sich noch immer nicht blicken ließ, da war schon die. Entmuthigung nahe, sich der Harrenden zu bemächtige«, indem näkchich befürchtet wurde, Sir Mo. ses könnte von Wllkomir ans gerade die Straße über Kvwno nach Warschau tingeschlagen haben, als plötzlich Mittwoch des Morgens die nunmehr unbezweifelte Nachricht von seiner Ankunft um die Mittagsstunde eintief und sie neue Hoffnung und Kraft zue Ausdauer schöpften und sich von Neuem beeilten, ihn auf der Brücke und in der Dorstadt zu empfaugea. Diese unermüdliche, immer neues Lebe« schöpfende Beharrlichkeit einer in ihrer Erwartung mehrmals getäuschten Volksmenge ist an und für sich der größte Beweis, den die Juden Wilnas von ihrer wahren innigen Begeisterung über Mbntefiores Erscheinen adlegm konnten, hauptsächlich wenn mau auch den Umstand nicht außer Erwägung läßt,

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