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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 31 (1861) · p. Seite 122

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
31 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 auf allgemeine Menschenrechte aufgegeben, jeden Begriff von einer Besserstellung verloren zu haben schienen. Die Gebildeteren, die über den Zustand ihrer Glaubensgenossen im weiteren Sinne nachdachten und fich etwa in lichten Momenten an den Gedanken einer bürgerlichen Gleichberechtigung wagten, erblickten auch einmal einen Glaubensgenossen von ganz andern bürgerlichen Verhältnissen-, sahen nun mit eignen Augen,' baß es über Land und Meer Gegenden gäbe, wo den Juden mir allen übrigen Geschöpfen GorreS zugleich das Lickt der Sonne;u genießen, big Luft frei einzualbmen und den Boden mit sicherem Schritte zu betreten erlaubt fei, und überzeugten sich, daß auch ihre eigne Besserstellung,, unter bessern Umstanden, bei besserer Vorbereitung, nicht außerhalb aller Möglichkeit läge. Die Aermeren. sonnet sich im Lickte der neuen Erscheinung und auck diejenige'Partei, die nur um die Unverbrüchlichkeit deS orthodoxen EeremonielS einzig und allein mit der größten Aengsttichkeit besorgt ist, fand in seiner Person zeitgemäße, europäische Bildung und Anschauungsweise mir eckt jüdischer Rechtglaudigkeit friedlich vereinigt und söhnten sich einigermaßen mit dem Gedanken au», einst auck ihre Kinder zu bessern Bürgern erziehen lassen zu müssen. Seine Freigebigkeit an Geld und guten Worten trug auch ihren Theil dazu bei, die gebeugten Gemüther der armern Elasse aufzuricklen und in den der Verzweiflung nahen Her?n neues Hoffen anzufachen, und ganz dreist kann der Aufenthalt Monresiore« -n Wilna als ein Moment der Epoche markirt werben, von der der eiüstige Geschichtschreiber die Wiedergeburt der Juden Lithauens und idre noch zu erwartende Emaneiparion zu dalirrn haben werde. Diesen Moment behandeln folgende Blacrer, O>< Reife Sir MonlefioreS nach Rußland im Ja'hre 1846 haue natürlich die einzige Zudenqemeind« Wilna'S nicht zum Hauptzweck, sie galt vielmehr der sammrlichen jüdischen Völkerschaft des EzaarenreicheS. Außer den oben berührten Mißsianden in Wilna, die größrentheils entweder locale Uedel waren, oder nur einen Tdeil der russischen Juden betraf, waren noch zwei andere furchtbare Ukase der Vollziehung nahe, die für die sammrliche Judenbeik Rußlands die traurigsten Folgen haben mußte. Wir reden namentlich von den Ukafen: sämm Nicke Juden aus einem Distr-icre von 50 Werst der preußischen, »polnischen " und österreichischen Grenzlinie entlang t-erauS zu jagen und die Juden in RaSräden (Kasten) einzulheilen. Wer, mit der geographischen Lage Rußlands einigermaßen bekannt, die große Ausdehnung dieser Linie berechnet und dabei den Umstand bedenkt, daß dieselbe fast gänzlich durch Gegenden hinziehet, wo eS den Juden zu wohnen erlaubt ist und wo sie auch wirklich in dichtesten Massen ansaffig sind, der wird den großen Unglücksbetrag dieser Verfügung zu ermessen wissen und in einer Vergleichung dieser vorgehadten Ausweisung mit der spanischen nicht« UedertriedeneS finden. Noch mehr unheilbringend mußte für alle russischen Juden ohne Ausnahme die zweite Verfügung sein, der zu Folge all' die» jenigen, die nicht irgend eine legitimirte LebenSquelle aufzuweisen hatten, zu einer Elasse gestoßen werden, die. aller noch so beschrankten Bürgerrecht, verlustig, auf einer Stufe 1) Bi« 1K>1 Hane das Königreich Polen eine selbstständige Grenze; al«vaua wurde es dem Kaiserreiche einverleidt. mit den indischen Parias oder den spartanischen Heloren gestellt, oder ohne Unterschied in die Kaserne gesteckt werden sollte. Man muß auch hier mit den damaligen Zuständen Rußland« bekannt sein,- um die Liefe dieses Abgrundes j ermessen zu können. Dieses furchtbare Ungewitter, dessen \ nahes Ausdrechen schon in der Luft sich verspüren ließ, , preßte den'unglücklichen Opfern ein Nolhgesckrei aus, das j dis zu Sir Monrcfiore drang. Der edle Mann eilte fo- , gleich auf diesen Ruf Herdei, kam nach Petersburg und , legte feine Fürsprache für seine unglücklichen GiaubenSdrüber bei dem Kaiser Nikolaus ein. Nach feiner eignen Aeußerung, wie sie uns der selige Jost mittdeilt, soll 'er sich de- | sonder« für die noch hartvedrücktern Juden in Polen : verwendet haben, welche Verwendung aber ohne wesent licken Erfolg geblieben ist.') Auf Anralhen des Kaisers Nikolaus selbst besuchte Montefiore auf seiner Rückreise die größer» Judengememden und kam auf diese Weise nach Wilna. — Un« ist eS aber leider unmöglich, all' die Beweggründe, dis Sir MofeS Monrefiore nach Rußland gerufen haben, einzeln hier namhaft zu machen, noch.die etwa; erzielten Resultate in ihren Details zu verfolgen; wir theilen hier ausschließlich nur die Vorgänge zu Wilna mir, die in lenevdenkwürdigen eilf Tagen sich zutrugen, und die, wenngleich sie sich nicht zur Höhe des Außerordentlichen und Hjstorischmerkwücdigen erheben, doch der jüdischen . Bevölkerung der Stadt stets denkwürdig und werthsein werden. Außer der trüben Quelle eigner Erinnerung, der Erinnerung eines damals kaum dem Knabenalter entwachsenen, am öffentlichen Leben keinen Anrheil nehmenden Jünglings; außer mehreren mündlichen und schriftlichen Mittheilungen vieler Augenzeugen, dient« un« al« Quelle bei dieser Arbeit ein unlängst über diesen Gegenstand in hebräischer Sprache im Drucke erschienener Bericht, welcher indeß für einen q.snz andern Leserkreis, als der für den wir schreiben, berechne« zu sein scheint und daher nur mit äußerster Vorsicht gebraucht werden mußte. Manche chronologische Norid bol uns auch da« unlängst zu Wilna erschienene Werk rofc«: welche treffliche Arbeit de« rühmlichst bekannten Herrn S. I. Finn reiche« Material zur Geschichte der Juden in Wilna und ihrer Großen enthält. Im Juni 1861. * 1. Es war am Donnerstag, den 26. Nissan 5606, 7. April; 1&J6’), al« die Nachricht nach Wrlna kam, Sir Mose« ' Montesiorowerde am Dienstag dem 2. Jjar, 12. April.; daselbst eintreffen. Sogleich gerieth die ganze Stabt in die lebhafteste Bewegung. Die Vornehmen der Gemeinde traten sofort zu einer Beralhung zusammen, wie man diesen > würdigen Gast auf eine seiner hohen Stellung und seiner viel-! fachen Verdienste um di« jüdisch« Nation gebührende Art i zu empfangen habe. E« wurde ein Ausschuß von drei j vornehmen Mitgliedern der Gemeinde: dem Herrn Eh. N. Parneß, dem Prediger der Gemeinde und dem Ehrenbürger i 1) Heb' Jost'« Bordemerknvg zu seiveo Mütbeilungev über! die polnischen Juden im Freitagabend" 1860. i 2) Die Daten der christlichen Zeitrechnung find hier nach dem . allen, in nnsrrm Lande üblichen Stvle angegeben-

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