Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 30 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026432--1943-4910399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V - 118 * jeden 3Bun£d) — das werden seltene Jünglinge und Junzfrauen! O. die Jahre vergehen, und nrcht zu viele, und wie haben sich die.Verhältnisse geändert — die Roth ist verschwunden, die, gealterte Wittwe roufr mit Wohlstand umgeben, und ihre letzten Blicke fallen auf «in zahlreiches Geschlecht, das Ehre und Gut. vor den Augen Gottes und der Menschen erworben. Eine Jungfrau wird verlassen von ihrem Verlobten, - der ihr Liede und Treue geschworen. Ihr Her; ist gebrochen, ihie Gestalt verfallt. Wie aber, wenn er eS nicht getban, Kreta er fein Wort gehalten * Welche Zukunft wäre ihr bereiter gewesen? Jetzt kann ihr Her; sich noch heilen und ihr« Gestalt sich noch aufrichten, jetzt kann ihr al- Sommerrose, noch erblühen, was ihr als Frühlingsblume abgepflückt worden . . . Du beklagst Dich bitter, Jüngling, daß all' Dein Mühen und Ringen vergebens sil, daß hinter jeder Anstrengung Dir eine ^rfosglosigkeit, hinter jeder Hoffnung eine Täuschung lauere, und daß, so viel Du auch ackerest und säest, jedwede Ernte versagt sei. Nur mhiq. Durch diesen Kampf mit. dem Leben wächst Deine Kraft, Du vermannigfaltigst Deine Einsicht und Geschicklichkeit, Du lernst mir einem geringen Erfolge zufrieden zu sein — mtr? nur sorgfältig auf, wann die rechte Stunde kommt, daß Du sie nicht vorüber lassest. Dann ergreifst Du es mit erprobter Manneskraft, und der Weg Deines ganzen Lebens gehr aufwärts. — Don tausendfältigen Erfahrungen dieser Art gemäß, legt daher unsre Religion ihrem Bekenner bei jedem Ereigniß seines Lebens das Wort in den Mund: ciatn su letoliih „Auch Diese-;um Guten!" lehkr sie ihn „für das Böse dem Herrn ebenso zu danken wie für das Gute," dieweil jenes nur zeitlich und unsrer Befangenheit als solches erscheine, wahrend es im Grunde zu unsrem Heile ist. Da drängt sich uns nun die Frage auf: Wenn wir also - auch das, was uns der größte Verlust, das schwerste Unglück zu sein scheint, was uns den tiefsten Kummer verursacht. als von Gott;u unsrem Besten angeordnetes Heil zu betrachten haben, warum schreibt uns die Religion eine immer erneuere Trauer, einen immer wiederaufgefrischten Scdmer; darod vor? Der Israelit soll, wenn er selbst das höchste Alter erreicht har, selbst am Rande des Grabes angelangt ist, den TodeSkag feiner Ellern noch immer in Trauer und Kasteiung verbringen, und den schon verwitterten Grabstein mit seinen Tbränen benetzen. Ist dies nicht eine Auflehnung gegen das Geschick des Herrn? Ein Murren wider das, was Seine Hand verhängt hat — uns zum Heile? Wie im Leben eines Einzelnen, so auch ,'m Geschicke der Völker. Hier gehen die Pläne der Vorsehung ins Große aus, aber -fü müssen bi,selben fein. Auch hier, und zwar in noch umfänglicherem Maße, müssen alle Geschehnisse;u,n Besten der Völker und d«S ganzen Menschengeschlechtes gereichen. Und wenn uns gelehrt wirb, daß ganz besonder« in dem Leben des israelitischen Stammes di, Vorsehung sich detdätigk, und in jevem Act dieser langen Geschichte .ein proviventieller zu erkennen ist: warum begehen wir noch heute den Tag, wo vor 18 Jahrhunderten Jerusalem und der Tempel in Trümmer sielen, in strenger grauer, kleidet sich an ihm die Synagoge in Sack und Asche? ... Natürlich beachten wir diejenigen nicht, welche meinen, das wäre doch nun Alleso lange schon her, daß man es füglich vergessen könnte. Was ist lang für denjenigen, der ein warmes Her; in der Brust trägt? Am Grabe der Mutter wird dem Auge des empfindunzsvollen Greisenoch die Thräne der Erinnerung entfließen. Eine Nation, eine Glaubensgenossenschaft muß eine mächtige Erinnerung, ein tiefe« Gefühl für alle seine großen Tage, die des Glückes, wie des Unglückes, so lange hegen, wie sie selbst existirt; am Tage , wo sie dafür gleichgültig wird, wo sie die Fackel des Gcdäckmisses für ihre eigne Geschichte auölöscht, hat sie aufgrhörl zu existiren. Ader der erste Einwand ist gewichtiger. Der Fall Jerusalems war der erste Schritt zu unserer Erhaltung. Die nachhrrige Geschichte zeigt, baß bei dem ungeheuren Volkersturme, der bald darauf über Vorderasien heremdrach, und immer neue, wilde Horden aus dem Innern Asien» di» auf die Turkomanen und Mongolen über Syrien brachte, und die große hundertjährige Tragödie der Kreuzzüge gerade um die Mauern Jerusalems uitD auf den Boden Palästina» spielen ließ, das unbedeutende Völichen der Juden sich -niemals hatte retten und erhalten können.. Und was noch bewundrungswürbiger, c» war aus diesem Gesichtspunkte hie letzte günstige Zen, wo der Fall Jerusalems nicht auch die Vernichtung des ganzen Volkes mit sich führen konnte. Einige Jahrhundert später, und eS wäre anders gekommrn. Was man auch von den Römer» UedleS zu sprechen har, gegen die Völker gehalten, bre auf sie folgten, waren sie duldsam, human, billig; sie waren keine Barbaren; sie rotteten nicht Stumpf und Stiel auS; sie unterschieden zwischen den Feinden mit den Waffen in der Hand und denen, die sich unterwarfen; die Juden in Palästina machten sie unschädlich, aber duldeten sie, selbst in Palästina, sobald sie nicht mehr schaben konnten ober wollten; nur kurze Zeit, und sie erlheilken ihnen da» römische Bürgerrecht. DaS christliche Rom schon wäre, wenn eS den Krieg in Judäa zu führen gehabt, ganz anders verfahren und halte wahrlich nicht gelitten, baß schon vor den Thoren des gefallenen Jerusalems sich ein neues geistiges Zion erheben, «ine neue frische Entfaltung des Judenlhums vergehen konnte. — DieS von der realen Seile, wo die Zerstörung. Jerusalems als die Thatsache erscheint, durch welche gerade die göttliche Vorsehung die Juden und das Judenthum erhielt. Nicht minder laßt sich auch von ideeller Seite der große Plan erkennen, welchen die Vorsehung mir der Zerstreuung der Juden für diese und das Menschengeschlecht beabsichtigte, und der, weil noch lange nicht ganz erfüllt, auch noch nicht ganz erkannt werden kann. Ader'war denn nicht mit dem Entstehender Synagoge neben dem Tempel, mir dem Aufblühen zahlloser Synagogen in Syrien, Aegypten, Griechenland, auf bfÄ Inseln, in Rom, während der Tempel noch bestand, schon Zeugniß gegeben, daß das religiöse Leben der Inden in ein ganz neue- Stadium getreten, und wurden die Gebrauche und Gebete in der Synagoge schon vorüber Zerstörung so ernst genommen und so gesetzlich behandelt, al« ob der Opferdienst gar nicht mehr bestände? WaS unsre Religion vor Allem rmszeichnet, ist, daß sie rein menschlich ist, baß sie Alles was menschlich ist, hochachtet und berücksichtigt; sie verlangt viel, aber nicht .mehr als der Mensch leisten kann^ er soll nichtin sich