Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 29 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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114 nock^einmal hinein, horch, die »Nachtigall hebt ihren Sang i an. und »brr süße Melodie enrzückr Dein «er;. — Mit j dem Herbste beginnt das Schaffen im Walde nock einmal, j Wenn der Sommer seine rubige, aber innerlich stacke Wirkung vollbracht Kar. laß' uns jenen Hügel besteigen und schau mit mir von da über die weite Fläche des Waide«, d. h. über die Flache, welche feine Wipfel zu bilden scheinen. Welche Mannifalrigteilen an Tinten, welche. Farbenpracht, in die der Herbst das Grün des Waldes gewandelt | bat! Hier siebst Du einen goldgelben, dort einen braunen, dann wieder einen pupurrorben Teppich, in welchen da« dunkle Im- > mergrün der Nadelhölzer eingewebt ist; Du kenntest wadnen, > der Wald habe sich in einen unermeßlichen Blumengarten ver- I wandelt voll der verschiedenartigsten Beere. Aber auch daS gebt! vorüber, der Herdststurm fahrt durch den Wald und schüttelt! jZ»mer mehr di« welken Blauer von den Baumen, und Schwermut!» erfüllt Dein Her^ wenn Drin Fuß raschelnd durch das abgestorbene Laub schreitet, daS noch vor Kurzem ' in der «öde von den Lüften sich kosen ließ, und jetzt mir dem Staub« der Erbe sich vermählt. - Doch auch jetzt dar der Wald sich noch nicht ganz aufgegeben. Er denkt: stiebe mich nur, gan; in der Einsamkeit werde ich mich nvch einmal mir Pracht bekleiden, bevor daS Jadr scheidet. Und er ball Wort. Die tiefgehenden Wolken haben ihren Vorrath von blendend weißem Schnee berabgeschünelr, der Frostbauch dal die »Nebel der Luft in Eis verwandelt — und nun steht der Wald da in einer Hü»<mir nie geahntem Glanze, in neuer vollendeter Schönheit. Jeder Baum, jeder Strauch ist von Eis und Schnee überzogen, jeder Zweig, f jede Nadel wie au« Krystall; da« schimmert und funkelt, ( und jeder Lichtstrahl fallt millionenfach zurück, wie au« geschliffenen Spiegelscheiben. Dabei erwachen neue nie gedö.rre Töne im Walde, e« raffelt und knittert von allen Zweigen : berat, krystailen« Nadeln fallen klingend in unzähliger Menge von jedem Zweige, und wenn ein Windstoß die Stamme erschüttert, regnet eS mit wundersamem Tonspiel EiS von allen Aesten herab. Es ist so; die Hand deS Schöpfer« dar durch alle Räume und Winkel seiner Schöpfung Schönheit und Majestät in unendlicher Fülle auSgestreut, wo da« Auge de« »Menschen ne stebt, und wo eS sie nicht sieht. Suchen wir sie auf, und baden wir Auge und Ohr daran gewöbnr. sie zu fassen und dem Geiste zu Derstanbniß und Enlscheidung-zuzuführen, so offenbaren sie sich in unerschöpflicher Weist. Dieist der Wald, wenn Du ihn eben nur so allgemein als Wald nimmst. Ader noch größer ist feine Mannigfaltigkeit, wenn wir auf die verschiedenen Baumarten sehfa, auS denen er besteht. Wir schreiten durch einen großen Eichenkamp, wo über den kurM aber dichten Rasen, der dem Fuße einen so angenehmen Teppich unterbreitet, die hoben Eichen ihre Kronen erheben; sie stehen getrennt von einander, m weiten Zwischenräumen, denn auf Erden verträgt sich daS Große und Starke in unmittelbarer »Nähe nicht, eS will einen weiten Raum für sich haben, da ist eS \ herrlich zu lustwandeln, unser Fuß und unser Auge sind! ungehemmt int 'Weite zu schweifta. Dann gelangen wir i in den schönste» der Wälder, »en Buchenhaia, wo daS I Laubwerk der hoben glatten Stämme heilige Hallen bildet, b»e von dem blauen Himmel überwölbt sind, und wo weitechin aus dichtem auftankendem Unterholz« di« alte» Bäume emporragen, wie Ellert» aus der Schaar ihrer größeren und kleineren Kinder; hier ist eS, wo der frischeste Wald/Sduft webt, wo die rothe Erd- und blaue Heidelbeere in unzähliger Menge auS dem grünen Kraute schimmert. Weiter hinauf trittst Du in den Föhrenwald ein; dcstebr er auS altem Schlage, so ist der Boden mit Nadeln bedeckt, daß Du auSgleilest und nur langsam vorwärts gelangst: aber der Schauer der Einsamkeit waltet in ihm am meisten vor, denn die Dögel nisten nicht in ihm, und das Wild flieht ihn, weil er ihnen wenig Nahrung bietet. Dazu da« eigenrhümliche Raffeln. wenn der Wind durch seine Wipfel zieht, und daS dem Klirren der Ketten nicht unähnlich ist; in keinem Theile deS Waldes ist die Hitze so brückend wie hier, denn sie ist zugleich von dem starken aromatischen Dufte des HarzeS geschwängert. Darum sehen wir es gern, wenn wir seinen Saum üderschreilen und in den Birkenwald treten, dessen schimmernd weiße Stämme, dessen kleine lispelnde, niemals ruhende Blatter an den schlanken Ruthen einen ganz entgegengesetzten Anblick bieley, eines freien, nimmer rastenden Lebens. . . O, ich wandelte einst auch in Deinen Lorbeerhainen, Italien, in Deinen Kastanien- und Pinienwäldern, wo das Laub so tief grün und gesättigt, und glänzend wie mit Firniß überzogen . . . und da steigt die alte Sehnsucht im Herzen nach Deinen^Palmenwaldern auf, o heiliges Land unserer Väter . . . welch' andere Welt! Darum, lieber Leser, mache dick auf. und ziehe nach dem Walde. Dorr sei wieder frisch und jung, lass' freine Stkmme in fröhlichen Weisen erschallen und sprich mit dem Pialmisten: ..Diese har die Hand des Ewigen gepflanzt, und sie rauschen ihrem Schöpfer Beifall zu. Misrellanea. Dialog auf der Rigaer Diinabrücke. Ein Ausländer, Herr G., besuchte neulich einen Freund in Riga, wohin ibn sein Geschäft führte. Da er zum ersten Male in Riga war und eS hier auch der dritte Psingstfeiertag war, führte ihn Herr »M. umher, ihm die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt zu zeigen. .Nachdem sie so eine Zeitlang umhergewandect waren, kamen sie endlich auch zur Dünabrücke, wo die »Menschenmenge, die in geschäftiger Rührigkeit hin und her wogte, ihnen Veranlassung zu verschiedenen Bemerkungen gab. So gelangten sie an das jenseitige Ende der Brücke. Da gewahrte Here G. eine in einer Ecke zusammengekauerre jämmerliche Gestalt, die, die »Mütze tief in die Stirn gedrückt. daS Haupt in beiden Händen hielt. Herr G., welcher ein mitleidige-Her; befaß/ersuchre seinen Freund M., sich mit ihm dem Unglücklichen zu nähern, um ihn über die Ursache seiner Traurigkeit zu beftagen. AlS sie zu ihm herantraten, hörten sie ihn leise ächzen. „Ein armer, fremder Jude!" bedeutete Herr M. seinen Freund. Darauf wandte er sich zum Juden, der, in dumpfes Hinbrüten versunken, ihre Anwesende»! noch nicht bemerkt hatte, und fragte ihn, was Schlimmes ihm wohl begegnet sei, daß er so erbärmlich greine. Dieser erhob sich sogleich und wiemir der traurigsten Miene von der Welt auf seinen bis zu den Knien reichenden Kaftan, von dem der übrige untere TheU gewaltsam adgettennr war, und auf seine qlattgeschoreue» Proth (Kopfenden), bi« da- Unglück hatten, das Miß-