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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 28 (1861) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
28 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 Im gewöhnlichen Leben wird der Diener genannt, welcher den Befehlen eine- Anderen um des Lohnes willen gehorcht, den er dafür erhält, und der meisthin in Nahrung, Kleidung und einer gewissen Geldsumme besteht. Aber egiebt auch viele Zwecke, um derentwillen wir zum Dienen uns ■ bestimmen, ohne einen solchen Lohn erzielen zu wollen. ' Wir treten in den Dienst deS Vaterlands, um unsre Liede! zu ihm in verdienstvollen Handlungen zu derhätigen, in den Dienst eines Lchrherrn, um von ihm die Wissenschaft : seines Gewerbes oder einer Kunst zu erlangen. AntigonuS spricht eS also als Grunds-H aus, daß wir uns als Die-! nec Gottes betrachten, d.' h. in Gedanken, Worten und ( Thaten immerfort nur den Willen Gottes vor uns haben; und vollziehen sollen. Dieser Wille GotteS ist uns kund- : gegeben. rheilS indem ihn Gott durch Verstand und Gef wissen in unsre Seele gelegt, rheilS indem ec ihn durch ' das Wort der Schrift klar und bestimmt uns mirgerheilt! hat. Wenn wir nun unsre Gedanken darauf richten, den Willen Gottes immer mehr zu erkennen, zu erforschen! und als die Richtschnur unsres Lebens zu betrachten., wenn wir mir unsren Worten diesen göttlichen Willen nie an- . tasten, sondern die Ehrfurcht vor ihm bei Anderen noch 1 fordern, wenn wie endlichdurch all' unser Thun nach bestem Wissen den Willen Gottes zu vollziehen trachten: so sind wir wahrhaft Diener Gottes. .Allein die rechte Weise - eines solchen Lebens kommt erst durch das Motiv herein, aus welchem wir io handeln, durch die Triebfeder, die unS dabei leitet. Gehen wir dabei von dem Gedanken; aus, daß wir von etnem solchen Dienst von Gorr Lohn empfangen, mögen wir unS diesen in irdischen Gutem, wie Gesundheit, Reichthum, Macht, Ehre, oder in einer Art Seligkeit' und Verherrlichung nach dem Tode denkm, und daß im Gegentheil für: jede Verletzung des göttlichen Willens, für jedes Verlassen seines Dienstewir eine Strafe zu gewärtigen haben, die sich rheilS hienieden schon empfindlich macht und noch schneidender im Jenseits eintreten werde: so erklärt AntigonuS dies für ein falsche- Motiv, für eine unwürdige Triebfeder. Wir werden aus freien Dienem Gottes zu Knechten, die sich von der.Lockspeise des Lohnes und von der Bitterkeit der Straf« de-, stimmen lasses. Auch möchte solche Vorstellungnicht ' genügend ausreichen, denn das Heranrreten eines großen . zeitlichen Gewinnes oder der Schrecken einer Gefahr und Bedcängniß wird jene leicht verdrängen und uns wankend machen. Was anders hatte also Antigonus im Sinne, , als daß wir Diener Gottes seien, wie wir unsren Eltern, dem Varerlande, dem Lehrer, dem Freunde dienen, in freier j Entschließung, in ungebundenem Verhältnis«, auS Liehe und j Ehrfurcht, aus Hingebung und Dankba^eir, mir einem! Worte, auS den höchsten und edelsten Bewegungen unserer; Seele. Durchdrungen von der Erkennmiß, haß der allweis«! und allliedende Gott im Himmel unS nur vörfchreiben könne, was zu unsrem wahren Heile gereicht, in dem' hett ligen, Drange, durch die Erfüllung seines Willens ihm? selbst nachzueifern, näher zu kommen, ähnlicher zu werden, < unter der Herrschaft der Gefirhle des Dankes für die Fülle der Wohlthacen, die seine Hand stetauf uns nied,«rauft, so und nicht anders sollen wir dem Herrn zu' dienen unsren Beruf finden. Dann ist eS die höchste Würde und die Freiheit des Menschen zugleich, Gott zu dienen; - „ bann ist eS das erhebendste Verhältnis, in welchekk der staudgedorene Mensch vor dem unendlichen Wellgeiste, Gott, stehr und das Lichrband ist gewoben, welches jenen an diesen knüpft. Dann werden aber auch irdische Triebfedern, welcher Art sie auch seien, immer weniger die Macht gewinnen oder behalten, uns von diesem Wege adzuleiren und wider den.Willen GotteS unS handeln zu lassen. Man sieht leicht, daß wir hiermit die Worte deS AntigonuS nur umschrieben haben, und daß also sein Ausspruch auf der höchsten religiösen und sittlichen Anschauung beruht. Um so mehr werden wir in Erstaunen gesetzt, wenn wir von einem spateren Lehrender Mischnah, Rabbi, folgenden AuSspruch lesen: „Sei vorsichtig bei einemleichten Gebote, wie bei einem schweren, denn Du ckennst nicht den Lohn, der aus tue Gebote verliehen wird, und berechne den Nachtheil eines Gebotes gegen seinen Lohn, und den Lohn einer Sünve gegen ihren Nachtheil; erwäge drei Dinge und Du wirst nicht zur Sünde kommen: wisse was chder Dir ist, ein allsehenoes Auge und ein allhörendes Ohr und daß alle Deine Thalen m ein Buch eingeschrieben werden." Hören wir nicht hier das gerade Gegentheil i Wir sollen mit strengster Gewlssenhaftigkeir die leichtere und kleinere wie die schwierigere und größere Pflicht erfüllen, das geringste Gebot der Religion und Sittlichkeit so» uns so heilig sein wie bav' umfassenoste und dedeulungsvollfte. Sehr gut. Aber welcher Grund wird hierfür angegeben 1 Weil wrc den Lohn nicht kennen, der auf die Erfüllung der verschiedenen Pflichten und Gebote ertheilt wirb, weil also der Lohn auf ein leichtes Gebot vielleicht größer ist als auf irgmv ein schweres. Wir würden allerdings lieber sagen, baß es bei Erfüllung einer Pflicht überhaupt nicht auf den allgemeinen Schein, nicht auf den Grad von Schwierigkeit ankommr, den sie im Allgemeinen zu haben scheint, sondern auf die Anstrengung' und da- Opfer, welche sie für das Individuum unter den gerade obwaltenden Umständen mit sich führt. ES können so Pflichten schwer oder leicht zu erfüllen sein, welche unter anderen Verhältnissen das Gegenrheil sind. Davon spricht aber Rabbi nicht, sondern nur von der verschiedenen Größe deS Lohnes, der mit der Erfüllung jeder Pflicht verbunden sei; ja, er macht darum unser sittliche- Verhalten zu einem Rechcnexempel, tpocin der Nachtheil, den eine Pflichterfüllung für uns mit sich dringt, gegen den Vocrheil, den sie unS schafft, und den Gewinn, den wir aus einer Sünde ziehen, gegen den Schaden, der erwächst, wohl adwägen. Denn allerdings ist der Nachtheil au» einer guten Thal und der Vorrheil aus einem Vergehen nur sehr vorübergehend, während der Segen jener und der Fluch dieses immerwährende sind. Die Uederzeugung, daß Redlichkeit zugleich die größte Klugheit und Gottesfurcht die größte Weisheit ist, entzieht sich dem ernsten und erfahrenen Beobachter niemals. Die religiöse Grundanschauung, auf welcher daher der Ausspruch Rabdi'S beruht, ist: daS göttliche Gericht, welches über alle unsere Handlungen erfließt, die guten belohnt, die dosen bestraft, dem Alles bekannt ist, NichlS entgeht — waS er durch „das allsehende Auge, das allhörende Ohr und das Einschreiben all unserer Thaten th ein Buch," ausdrückt. Nach der obigen Auseinandersetzung kann es nicht zweifelhaft sein, daß diese Anschauung der des Antigonus entgegengesetzt ist und auf einer niederen religiösen Anschauung

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