Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 28 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur .Neiehruuq uni) Untergattung aus jüdischem Gebiete. Herausgegeben von Aabbink! vr. Ludwig Philippsou in 'Magdeburg. Mo. 28. 1861.] Von Hefa Zeincdriu endwu »«tnoJu» riu «mm»«». Preis >te4 SahrgaNgs 1 Ifctr. Viertelid^id 7 ’A Sigr. Alle tJuAbantümg««, Po-a«rcr unt ^rimn^*<jtrtiticnca artw« XkftcOBBftni «u. [8. ZaKrz. 3. Quartal.) Widersprüche in talmndischen Sittensprüchen. Nur jüdische und christliche Unwissenheit konnte den! Redactoren der Mischna uns der Gemaca die Absicht zuschreiden, als od sie sammrliche Aussprüche, die sie in ihre Sammlungen Aufnahmen, al- Ausflüsse der höchsten Wahr» heit, alun» auf immer verpflichtende Satzungen un» zur Richtschnur aussiellen gewollt. Nicht» lag ihnen ferner. Ihr Zweck vielmehr war, waö sich von überlieferten Satzungen, Meinungen, Auslegungen und Aussprüchen, die sich auf die Lehre, da» Gesetz und da» Wort der heiligen Schrift beziehen, irgend noch vorfand, zu sammeln und durch Niederschreibung vor dem Untergang zu retten. Ein j Blick in den Talmud zeigt un» daher über irgend einen > Gegenstand oder eme Schriftstelle eine Menge von überkommenen Meinungen und Auslegungen, die sich oft geradezu «ntgegenstehen, ober doch sehr auSeinandrrgehende Ansichten aufstellen. Die Abfasser de» Talmuds hüteten sich nun gar wohl, etwa hinzuzufügen, welche Meinung di« richtige und welche Gesetzauslegung die gültige sei, sondern erst später entschied der Gebrauch, wie er theil» au» den Verhältnissen, theil» au» dem Ansehen de» Urheber» einer Satzung sich bildete, welcher Meinung die! RechtSgültigkeit deigelegr ward. Man ersieht also, baß in ' der ungeheuren Masse von Ansichten und Aussprüchen, 1 welche im Talmud zusammengehäuft sind, die groß« Mehrheit eben nur <m«n gewissen geschichtlichen Werth hat, während j nur die geringe Zahl wirkliche Geltung erhielt. Dazu kommt, daß die Ges.rmmrheil der Aussprüche und Auslegungen im Talmud au» acht Jahrhunderten herrührt, abgesehen von dem allerdings kleineren Theile, der noch älteren Ursprung» ist. Daß in einer so langen Zeit der Geist sowohl der Zeit alS der Einzelnen vielfach ein anderer wirb, baß überhaupt bi« AuSlegungSweise in einem so lang«» Zeiträume sich erst entwickelte, sieht man leicht ein. Die» sind Ansichten vom Talmud, dieauch der Orthodoxeste - unterschreiben muß, und di« wir gerade zur Rechtfertigung de» Talmud'- aussiellen, um AuSst»rüche, welche von irgend »ine« Einzelnen auSgiagen, und, aus der Schroffheit der örtlichen und zeitlichen Verhältnisse entsprossen, dem wahren Geiste und der wahren Lehre de- Judeathams widersprechen, nicht der Gesawmrheit de- Talmudzur Latajm z» Uftm. G» ist bekannt, daß chzan inhaltlich den ganzen Umfang de» Talmudin Halacha (Gesetz) und Hagada (Lehee> einthrilr. Die in der ersteren vorhandenen Widersprüche sind nun, wie wir schon angedeuret, durch den Gebrauch behoben worden, indem biefik die allein gültige fanctionirte. Wadie bloßen Auslegung m von Schriftstellen betrifft, so bestehen sie ruhig neben «inandec, denn dir bloße Auslegung ist ihrer Natur nach mannigfaltig und frei. Ader auch in den ethischer» Grundsätzen und Anschauungen, daheißt also in den Sittmsprüwen und sittlichen- Regeln findet sich oft ein« solche Geg^nsetzlichkeit oder doch Verschiedenheit. die in ermgen Beispielen zu^beleuchten. wohl von Nutzen sein wirb. Zedermann weiß jetzt, welch' einen unerschöpfliche» Schatz von -ernspcüchen, Gleichaissm, Parabeln u: drgl. Talmud und “' * eine große Menge derselben Nutzen im Auge, sitlliche zu verbreiten, und zugleich urtheil-vollen Angreifer zu Midrasch enthalten. Man hat gesammelt, übersetzt und zum Gemeingut gemacht. Main hatte dabei den zwiefachen kehren in so anziehender Weise den Talmud gegen seine vorvertheidigen. ^So wichtig dies ist, so verblieb man dabei Vennoch nur in einer sehr oberflächlichen Betrachtungsweise; weder die tiefem sittlichen Grundanschauungen, noch dit allgemeinen Gesichtspunkte wur, dm erörtert und an'- Licht gebracht. Nachdem man daher d,S Materials schon so viel aufgehäuft, ist eS Zeit, sowohl zu sichten alS auch gründliche- Verständniß;ü bereiten. Wir zweifeln nicht, daß e^nicht gar zu lange dauem werbe, und man wirb auch bie^n eben angedeuteten Weg ein», schlagen und wir den besten Erfolgen b,schreiten. Hierzu' sollen arhch folgende Betrachtungen dienen, welche di» Widersprüche beleuchten, die in Sittmau-sprüchen sehr her» vorrätzmbee ralmudlscher Lehrer sich kundgebm. ' I. Rabbi Antigonu«!auS Socho, Schüler Schimeon« de- Gerechte«, also der Nßchälttste mischnifch« Lehrer sprach al- Grundsatz au-: „Seid nicht wie die! Diener, die dem Herm dienen, um Lohn zu empfangm,! sondern seid wie die Diener, die dem Herrn diene«, ni^ht um Lohn zu empfangen." „Die»««" heißt, den Wisten eines Andem vollziehen. So die«en wir unsre« Elte ml. unsren Freunden. Wie fragen el«en solchen: „womif'Dann ich Zhnm bienen?" Das Borhältniß eine» Dieners ist aber ein solche-, in welchem wir überall verpflichtet find, de« Willm eines Aaderea zu vollziehm, de» wir daher Herr nennen. Jrrdeffm wird nicht dadurch das Verhält«iß des Dienenden recht eigentlich gekennzeichnet, daß wir Mn Willm des Andren vollziehm. ats vielmehr durch das Motiv, auwelchem wir ethun.