Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 27 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 OAime/ ergoß sich in die heißesten Danksagungen und erklirre, daß er mir diesem Gelve die Miethe bezahlen, seine FMnlie für eine Woche versorgen und die Reife nach Berlin machen könne. Er legre auf die Peitsche tausendfache Segnungen und hoffte,! daß sie sich dem Besitzer so bewähren würde, wie einst die Peitsche des Daniel Jtzig. Jener aber nahm ihm die Zusage ab, ihm über den Ausfall seiner Reise Kenntniß zu geben, „denn," sagte er, „daS mit dem Versprechen ist eitel Narrheit, und Daniel Ltzig denkt gewiß nicht mehr dararrff' ja, es wäre besser, er harre es ganz vergessen, sonst würde er dich vielleicht gar nicht einmal mehr kennen wollen. Denn andre MeiauS, andre Deiaus" (mit dem Vermögen ändert sich die Gesinnung). Jedenfalls wird er dich aber mit einer reichlichen Gabe versehen, dsnn ein guter Mensch und frommer Jude ist er gedlieben7 In seinem Comptoir, welches sich in seinem großen Hause „ Unter dett^Linden" zu Berlin befand, saß Daniel Jtzig, der Vorsteher der preußischen Judenschafr, einer der BanquierS des Königs Friedrich des Zweiten, ein Rothschild feiner Zeit, wenigsten« für Preußen. Und es war ein ele» 1 ganres Comptoir, denn man hatte dergleichen schon damals, und Daniel Jtzig, der reichgewordene Pfcrdejunge, liebtees, sich mit Luxus zu umgeben, und zeigte darin einen guten Geschmack. ES mochten wohl sehr wichtige Papiere fein, in denen er las und über welche er in Nachsinnen! versank. Ein Comptoicist trat ein und meldete ihm einen armen Juden, der ihn durchaus sprechen wolle. Dergleichen I kam stündlich vor, und der Banquier rief ihm zu:,. Fertigt! ihn ab, gebt ihm die Gabe, ich habe keine Zeit für alle! Schnorrer!" Bald darauf erschien er aber wieder vor dem j Herrn und sagte, der Mann bestehe durchaus, ihn selbst zu - sprechen, er scheine ein sehr ordentlicher Mann und habe Herrn Jtzig etwas Besonderes zu sagen. Dieser befahl, ihn eintreten zu lassen. Da standen denn die beiden Jugendfreunde vor einander. Der Erwerb großer Reichrhümer mußte doch nicht mit so viel Sorgen, Anstrengungen und Lasten verbunden gewesen fein, wie das Tragen schwerer Acmuth. Beide Männer, von ziemlich gleichem Alter, in der Mitte der Vierziger, wie verschieben war ihr Aussehen. Herr Jtzig war ein runder, wohlgenährter Mann, seine Wangen waren glatt, seine Augen glänzten, sein Haar war noch nicht durch das Grau des AlterS gefärbt; natürlich war er elegant gekleidet, und über dem ziemlichen Schmeerbauch hingen nach damaliger Sitte zwei schwere goldene Uhrketten mit Berloques und Edelsteinen, auS jeder Westentasche eine, herab. Wie eingeschrumpft, vorzeitig gebückt, Bart und Haar mehr grau als-schwarz, mit tiefliegenden, erloschenen Augen erschien die von Natur stattlich angelegte Gestalt deS Andern. „Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Jtzig?" hob er in bescheidener Weise an. — Dieser sah den armen Schlucker scharf an, schüttelte aber das Haupt und sprach: „Ich erinnere mich nicht, Euch jemals gesehen zu haben. — „Und doch haben wir unsere Jugend vielfach mit einander vollbracht und als rebliche Kameraden manchen kleinen Handel betrieben. Ich heiße Daniel Markus." „Wie? Du bist Daniel Markus, der gute Junge, der herzige Freund meiner Jugend? Wie geht es Dir? Aber was frage Ich, ich sehe es Dir an. armer Kerl, Du bist I» ijjSfc■— -E ■ nicht gut gefahren auf deinem Lebenswege. Nun, es soll besser werden. Warum habe ich niemals von Dir gehört? Warum hast Du Dich niemals an mich gewendet? Und mit diesen Worten ergriff der reiche Banquier di« Hände deS armen Freundes und drückte und schütteltece sie wie? verholt. „Aber wußte ich.denn, wo und wer Du bist? antwortete Markus. „Erst in diesen Tagen erfuhr ich, wo Du wohnst und wie glücklich es Dir gehe, und da zögerte ich keinen Augenblick, meine Zuflucht zu Dir zu nehmen. Denn ich setzte voraus, daß ein so gutes Herz, wie Du immer gehabt, auch im Glücke sich Nicht ändert." „Darin sollst Du Dich wahrlich nicht getäuscht haben. Komm, setze Dich, erzähl; mir von Deinem Leben, von Deiner Familie, vvn unserer Heimath und unseren Bekannten." Der Banquier schloß seine Bücher, seine Papiere und Briefschaften, nahm den Freund an die Hand und ließ ihn auf das Sopha neben ihn sich setzend Nun ging's an's Erzählen, Fragen und Antworten. Als Markus die Hauptsachen mitgerheilt, nahm Jtzig eine große Rolle von Goldstücken und legte sie jenen in die Hand. „Da hast Du vorläufig etwas, uns deine Jungen schickst Du mir Allerer, die lasse ich etwas lernen, nehme sie dann in mein Geschäft und versorge sie, wenn sie gut thun. Jetzt aber wollen wir hinausfahren auf meine Villa, ich will Dich meiner Frau vorstellen und Du sollst, die Fülle und die Herrlichkeit sehen, mit welcher Götti mich gesegnet -hat." Der Wagen fuhr vor, der Banquier ließ alle seine Geschäfte im Stich und widmete sich ganz feinem Freunde. Auch sein« Frau nahm den unglücklichen Jugendfreund ihres Mannes sehr wohlwollend auf, und der arme Landbewohner konnte vor Staunen nicht sprechey, als'er die köstlichen Zimmer, die vergoldeten Säle mit all' dm Schätzen, hie darin aufgehäust/ den Garten, den Park und und die Treibhäuser in AügensttzekN nahm. Da frug er, als ihm der Freunden kurzen Zügen erzählte, auf welche Weise ihm der Renhrhum gekommen und sich gemehrt hätte: „Hat Dir . die Peitsche, die ich Dir beim Abschied überließ, wirklich Glück gebracht, wie Du damals meintest?" — — Daniel Jtzig hau« längst jener Peitsche vergrssea, die wahrscheinlich gar keinen Einfluß auf sein Schicksal gehabt und sein vielbewegtes und zum Theil von den großartigsten Jviteressen eingenommenes Leben hatte ihm die Scene in der kleinen Schenke am Saume der Pferdewirse gänzlich auS der Erinnerung gebracht— Jetzt aber fiel eS wie ein'Blitz in seine Seele; Alles stand"ü»ieder vor keinem Gedächtnisse da und auch das Gelödmß, das er dem ehrlichen Kameraden damals gethan, klang in seiner Seele wieder. Markus erwähnte Nicht« von diesem, aber > mit der Erinnerung daran war der Banquier plötzlich verstimmt, führtet den Freund in das HauS zurück, sprach wenig und nur gezwungen,, und ließ sich bald unter dem^ Vorwände, ein wichtiges Geschäft abmachm zu müssen/ nach der Stadt fahren. Er fuhr zum damaligen Rabbiner von Berlin, Rabbi Hirfchel. Wohlaufgeaommm von dem ehrwürdigen Rabbi, der die fromme und biedere Gesinnung deSeinflußreichen Banquiett schon in taufend Thatsache» erprobt hatte, erzählte dieser ihm den ganzen Vorfall und rheilte ihm bas von ihm darüals gegebene Versprechen mit, feinem Kameraden Alles zu geben, was er dereinst über zehntausend Thaler ft i