Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 24 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026425--1914-4910376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
95 4 riefen Schoße bergen. Mir glühender Stirn, mir zitternden Händen eilt« er durch die schwarze, wolkenverbüsterre Nacht, dort, dort leuchteten, flulheten sie, die Wogen des tiefen Kanals. Leise sickerte der Regen auf ihn herab, er fühlte enicht, der Sturm peitschte sein nasse- Haar, er empfand es nicht, er lehnte über da- Gelander, er schaute hinab in die schwarzen Fluthen, in denen kein Stern des Äimmels sich wiederspiegelte; komm, o komm, flüsterte ihr leise- Rauschen, wir kühlen deine brennende Stirn, komm, wir löschen dein glühende-, getauschte- Herz! Und immer dunklere Nebel umzogen ihn, und immer tiefer bückte er sich herab. - Da klang es in sanften Tönen durch die Luft wie ferner, wohlbekannter Ruf: Tp-ilN «2 ^2 ■»■ntonri ■nie* „Ermunlre dich, ermuntre dich, denn es kommt dein Licht!" Und weiter und weiter klang das hehre Lieb Israels, wie er den Sabbath begrüßet, geweiht wie eine Braut, und ihn -ingeführt in die Halle seine- Hause-. Theodor lauschte, fein Blick verlor da- Starre, aufeinem Haupte wich die Brandung. D wie oft hatte ec als Knabe an feines Later- Seiten in jenem Tempel gestanden, der dort emporragte, mit ihm jene alt ehrwürdigen Weisen vernommen, die sein junges Herz erzittern gemacht durch ihre erhabene Einfachheit, und dann waren sie heimgkeilk, wo die Mutter sie empfing mit holdem Sabbathgruß, wo die Lichter brannten auf dem weißgedeckren Tische, wo Alleso festlich, so froh und doch so einfach, so ärmlich aus sah! Wo Daker und Mutter mit heißem Segenswünsche ihre Hände auf sein lockiges, unschuldige- Haupt gelegt, wo er zwischen ihnen beim fröhlichen Mahle saß ] und mit dem Dater die Hymnen anstimmte zur Ehre Gottes ' und de- Sabdaths; o wie froh, wie glücklich war er; damals, und wie gut, wie kindlich froh, wie zufrieden!! Wie hatten die Eltern davon gesprochen, wenn er erst! groß sein würde, ein braver Sohn und ein frommer Jude,! wie er dann ihre Stütze werden sollte, oder auch, wennI Gott so wollte, ihre Grabhügel besuchen und ein frommes Kaddischgebet sprechen würde! Und ,^as war er geworden? Ihre Gräber besuchte er nickt, ihre frommen Lehren, ihre segensvollen Gewohnheiten befolgte er nicht, längst betrat er das Gotteshaus nicht mehr, er wahr ein Spekulant, ein Betrüger, ein — Selbstmörder! O Gott, wer zählt, die Schauer dieser Gedanken. Und wieder ertönte e-: rne^ nana p^j: „ Der Gerechte blüht wie die Palme." Ja vorüber ist es mir seinem Hoffen, ein blühender Baum wäre er jetzt, wenn er auf dem Pfade der Tugend geblieben, während ihm hier Schande, Gefängniß, dort der nasse Tod de- Sünders droht. Seine Augen blicken empor;um dunkeln Himmel, milder und milder fließt sein Blut bei den bekannten Melodien, und der getragene, kräftige Strrzm der im Chor singenden Glaubensbrüder dringt mit Andachtschauern in seine Seele. Dort oben har ein Stern sich Bahn gebrochen durch Wolkenaacht und grüßt ihn freupblich, drunter ertönen die Worte frommen Gebetes: ^N2Nr»i 0,*ö15teb *273« “nprv-bN „ Und deine Liebe möge nicht weichen von unin Ewigkeit." Wankenden Schrittes trat er in das Gotteshaus, wo eben dahochheilige Schmäh wie Posaunenruf an alle Herzen dröhnte, in glühendem Gebete stömte er seine Seele aus. Ja, er wollte sie tragen, die schweren Folgen feiner Mifferhatm, er wollte aufrecht bleiben unter der Schmach und den Borwür/en, den ihn treffen mußten, und den atzende« Schmerzen^ welche die öffentliche Verhandlung seiner strafbaren Handlungsweise der noch nicht in Sünden verstockten Seele auferlegen würde, er wollte in dunkle Kerkermauern treten, aber wollte mit hinneinnehmen den Glaube« der Bäter, da- Gebet und die Hoffnung auf bessere Tage. Und nun finden wir ihn nach langer Zeit auf dem blühenden Friedhof zu P., am überwucherten Grade der Eltern, sein Glauben ist erstarkt, seine Hoffnuyg erblüht, er zieht hinüber* in den fernen Weltheil und'holt sich nur noch den Segen der Verklärten. Möge er ihm werde« und ihn geleiten, I. L. Berichte und Urtheile . ' der Griechen und Römer über die Juden. (ivmicfuna jus aio. *u.) Wir kommen;um Tacitus. Dieser unübertreffliche Geschichtschreiber, lebend um 100 der gewöhnlichen Zeitrechnung, der nun schon die Zerstörung Jerusalems überlebt Hane, läßt sich bei Gelegenheit, als er das Heer des T i tu- LespafianuS geschildert,'welchedieser, der Sohn des Kaisers, nach Judäa'zur Belagerung Jerusalemführte —7 sieden Legionen, zwanzig Cohorren Bunde-truppen, acht Geschwader Reiter, außer den Hülf-tru-pen des König- Antiochus und der Araber, ein großes, versuchtes Heer gegen ein kleines, gesunkenes, von Parteien, deren etliche oen Römern zugethan waren, zerrissene- Völkchen — bei dieser Gelegenheit, sage ich, läßt er sich weitläufig über die Juden aus. Er °fagt nämlich flli>t«ri.ii-. L. V. <!. II.): „ Aber weil wir im Begriff sind, den Untergang einer so derühmlen Stadt zu erzählen, scheint es angemessen, ihren Ur, sprung zu eröffnen. Man erzählt, di, Juden seien Flüchtlinge auder I n se l 1§ r e ta *), und hauen die äußersten Grenzen von Libyen 2y in Besitz genommen, zu der Zeit, wo Saturn durch die Gewalt Jupiters seiner Herrschaft entsetzt warb 3). 1) Indem Tacirus die verschiedenen Meinungen der Schrift' steller über den Ursprung der Juden giebl, stellt er also zuerst die sonderbare Ansicht aus, die Juden seien aus Lreta gekommen, der Insel im ArchipelagnS, welche jetzt den Namen Candia führt. So sonderbar diescheint, so laßt sich doch Folgende« damit in Verbindung setzen. Die Philister v'rnvpv, wird gesagt, stammen aus der Insel 1ir>v!s Jerem. 47, 4. Amo« S, 7. (Bgl. 1 Mof. 10, 14; 5 Mos. 2. 23.) Was ist dies für eine Insel'? Lreta, nach der wahrscheinlichen Meinung Vieler, besonders deShalb, weil die Philister auch 'ms (Vgl. Steph. Byz.'sub. v. Gaza) genannt »erten. Jedoch kamen die Philister nach Eanaau au« Lreta nur erst, nachdem sie nach Ertta au« Aegypten gekommen waren. Denn als ägyptischer Stamm werden sie 1. B. Mvs. 10, 14 geradezu genannt (Bgl. Bater zu'd. St.), so wie ihr Name ün AethiopischeaAvkommlinge oder Auswanderer' bedeutet. Die Septuaginta nennt sie daher aUofvkot,d.h. von fremdem Stamm. 2) D. h. Aegyptifche Provinzen. 3) So wird also der Ursprung der Juden ins hohe Alterkhum des mythologischen Gebiete« verrückt: diese Zeit der Vertreib»»- de« Saturn« durch Jupiter wird aber wohl darum mit dem Auswauderu der J«deu in Verbindung gesetzt weil Jupiter bis dahi» in den Höhlen de« Berge« Iba auf Lreta verborgen war.