Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 24 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Der Auswanderer. Wie friedlich und ruhevoll liegt er da, der jüdische Gottesacker der Sladr P.! Er dilber den Abhang , eines mir herrlichen Buchen und Linden gekrönten Berges, der hell und strahlend überdie reizende, schimmernde Landschaft emporragt. Bon seiner Spitze übersieht man die grünenden Felder, die blüthendefaeten Obstgarten, den Fluß mit seinen blauen Seen und immer wieder sich theilendcn Armen, mit seinen glänzenden Segeln und reich geschmückten Ufern, und in sonnenbcsirahlter Ferne liegt die Stadt, von Grün umcankt, von Grün durchzogen, mit stolzen Thürmen und ragenden Zinnen, mir Leben, mit Leiden, mir Lust! Und' all' dies. Treiben, es mündet auf dem stillen Friedhof am Abhänge des Berges, hier endet di« Lust, hier schlummert daS Leid, hier webt sanfte Trauer einen dämmernden Schleier über die Glurb der wilden Rosen, der tausend buntlockigen Blürhcn. Der klare Sonnenschein umzirrecr die Blatter und Blumen, legt sich blendend auf die weißen Senksteine und zieht farbige Ringe durch die schwarzen Buchstaben der Namen. Sie Früblingslutt schemt' die Schlärer erwecken zu wollen und säuselt in den Blattern dcr'Akazien ein zitterndes, frohlockendes Lied, und das Boglein stimmt mir ein, erst leise, dann stärker und erhobener in den Lenzbomnüs der Narur. Dort in einer enUegenen Ecke sind zwei Gräver dicht bei einander, Gras und Unkraut überwuchert sie und die kleinen tLreine sind eingesunken, ihre Schrift bald verlöscht, keine Sorgfalt bar sie in Ekren gehalten, aber jetzt liegt esst duftender Kran; darauf und ein zerknirschtes Ser; kniet zwischen ihnen. Ein Jüngling ist nab, dock mir den gramdurchfurchten Zügen des gereiften Mannes; seine Kleidung elend, aber sein Blick leuchtend in neuen Vorsätzen, in kühnen Entschlüssen! Seine eine Hand ruht auf dem Grabe zur Rechten, seine andere erfaßte das GraS des Hügels zur Linken. „Baker. Mutter, fleht er, gebt mir .mit Euren Segen in das ferne, fremde Land, o den Segen, den ihr so oft dem Kinde, 'dem Jüngling gegeben, den Eure sterbende Land mir zitternd aufdrückte! Ich -gelobe von Neuem, zu halten an Eurem GedLchtniß, zu bewahren das Gut des Glaubens, zu wandeln in Rechtlichkeit und Treue! Barer. Mutter, Eure seligen Geister mögen mich schützend geleiten über den Dcean, mir mahnend voranziedek auf der neuen Laufbahn. daß sie zum Guten führe. C verlaßt nicht Euren Sohn — Euer einziges Kiod!" Seine Worte ersiarben, sein Haupt senkte. sich tiefer.- Werfen wir einen Blick auf die Jabre, die dieser Scene vockergingen. Die Eltern waren gestorben, sie waren beide.friedlich neben einander gebettet auf dem Gottesacker und Theodor stand allein. Sie harren ihm wenig Geld und Gur hinrerlassen, aber einen geachteten Namen, die Erinnerung an eine vori Glück und Liebe geschmückte Kindheit und gute Grundsätze, die sie mit Treue und Fleiß in fein jugendliches Herz gepflanzt. Und er wollte sie bewähren diese Grundsätze, er wollte gut und brav sein! Was will ein achtzehnjähriger Jüngling nicht Alles — und wird er es denn vollfükcen i Freudig griff er daS Geschäft des seligen Batecs an. der kleine Handel erblühte unter seiner Hand, aber wie klein war der Gewinn, wie kärglich blieb die Ausbeute eines in drückender Arbeit verdachten Tages! Da blickte er wohl oft mir sehnsüchtigen Augen auf die großen Waarenladen der betriebsamen Stadt, auf den lebhaften Verkehr, die ein- und ausströmcnden Käufer, die jenen ungefuchr zuflossen. wo er rufen, und schmeicheln und intriguiren mußte, um einen oder den andern in das entlegene Lädchen zu ziehen. Da sann ec über Mittel und Wege^ reich zu werden, zu erwerben, zu steigen in Ansehen und Besitz, und Tag und Nachr nagle an ihm der Wurm der Unfähigkeit. Längst harre er des Vaters Mahnworr vergessen: ,,Strebe nicht nach Reichrhum, wegen Deiner Vernunft unterlasse eS!" Er trug den kärglichen Verdienst zu dem Lorreriecollecreur, und darbte wochenlang, um möglichst hoch spielen zu können. Umsonst, das Spiel warf ihm nie sein unverdientes Geschenk in den Schoß. Ader Geld wollte er, mußte er haben, um seinen Handel zu vergrößern, um groß und reich zu werden, groß und reich wiö jener Kaufmann, der dort das Schiff mit Waaren belasten ließ für ferne Städte, der hier dem brausenden Dampfroß die WoUenballcn. die Gerreidesäcke anvectcaute für die großen Märkte der Hauptstadt, vor dem auf der Börse die gedrängten . geschäftigen Massen sich ehrfurchtsvoll theilten und zu dem alle Agenten Mil gewinnlockenden Anerbietungen eilten! Wie leuchtete da des Jünglings Blick, wie flammte seine Seele! Und Tbeodor lieb Geld von seinen Freunden, es war wenig, ader doch etwas, er kaufte dafür Waaren, die hohen Gewinn dringen konnten, die hder eine Laune 'der Jahreszeit, aber auch eine Laune", der Politik auf ein Nichts zurückbringcn konnte. Ec hatte Glück, er versuchte von Neuem, es gelang wieder und kühner und kühner wurde er. Ach, fein steter Gedanke war Geld und Geld, das Geber floh die stets rechnenden Lippen, die geheiligten Vorschriften der Religion mußten als zeitraubend weichen, die Gräber der Eltern lagen einsam, umwuchen von Gras und Unkraut am Abhange des grünenden Berges! So ging es Monde, so ging es ein Jahr! Ader nicht immer gewann er, Herde Verluste gemahnten ihn an den unrerwühlren Boden, auf dem er schuf und baute, und gar manchmal mußte er wieder zu den ersten Mitteln greifen und das Vermögen Anderer zu Hülfe, nehmen. Ader eine rasende Leidenschaft beseelte ihn, es mußte ja gelingen, war es doch schon oft gelungen, schon Vielen geglückt, warum denn nicht immer mehr, immer größer. Was schabet es, daß es das Geld Fremder ist, bas er zum Einsatz gemacht, er wird es ja zurückgeben, mit reichlichen Zinsen. — Ader es kam die Stunde, die Stunde des gänzlichen Verlustes, wo Alles, was er hatte auftteiben können, dem Schicksal verfiel und er zucückblieb mir leeren Händen/ mit schuldcndesastetem Haupte, mit wüthendem, verzweifeltem Herzen. Morgen, morgen mußte er zahlen und er hatte nichts, morgen war er geschändet, gehöhnt, der Freiheit beraubt, ein Verbrecher zu Verbrechern gesellt, dahin die Aussicht auf Reichthum, auf hohe Stellung, auf glänzende Zukunft, dahin! Glühend tobte es in Kopf und Brust, ach zu beren hatte 'er ja vergessen, sein Hoffen war nur irdisch, und die Erde verließ ihn hohnlachend. So wollte er denn nicht leben, so sollten die kühlen Welle« die Gluthen der Seele auslöschen und die Schande in ihrem