Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 23 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026424--1908-4910371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
91> schwebte Die schön. Malte, eine wahre Malte (Königin-, fters. vor Augen; — mit ihr war die Seligkeit ins Haus gezogen. Doch der Schlaf übte feine Macht aus; er nahm ihn in süßen Traumen auf, und störte ihn darin nicht bis zu seinem Erwachen, als eben die ersten Sonnenstrahlen die kleinen Fensterscheiben durchdrangen. — Da huschte schon Malte, kaum den Fußboden berührend, in einfachem, geschmackvollem Morgengewande dahin, um Dies und Jenes zu ordnen. — Hirsch erkannte sie wieder, die schöne'Gestalt — aber wie erstaunte er! - er rieb die letzten Spuren deS Schlafes hinweg, um sich genau von dem zu überzeugen, was er da iah; — fbUt« er seinen Augen tarnen*! - Sie täuschten ihn nicht. Er sah ihr reiches, in schöne Zöpfe gewundene» Haar - es war-roth — o Himmel, rotb war » — — Nun wäre wohl der geneigte Leser zu der Frage berechtigt, woran es wohl lag^, Laß Hirsch setzt erst diese Bemerkung gemacht* Er mußte ihr entweder einen höchst geringen Grad von Aufmerksamkeit gezollt haben, öder - gar blind gewesen sein. und somit wäre auch das Obenerwähnte an unrichtiger Stelle. — Ww werden unseren freundlichen Le'er twlb außer allen Zweifel gesetzt Kaden, wenn wir-ihm miltheilen, daß Malkes Haupthaar gestern von einemhübschen Tuche umhüllt gewesen wäre. - Warum dies*,Etwa um die Röche de» Haar» der Betrachtung zu entziehen* - keineswegs! — Es dürfte wohl Vielen nicht unbekannt sein, daß der „streng Religiöse" sein Haar am Sabbarh nicht schlichter, da hierbei ein» oder da» andere unwillkürlich herausgezogen werden könnte, was alsdann als eine Entweihung des SabdarKS zu betrachten wäre. Zur Vermeidung dessen thur man es daher vor Sabbarh - Beginn, und die fromme, jüdische Jungfrau versteht es, durch eine zweckmäßige und reizende Tuckumwindung ihren Haarputz bis zum morgenden Tage schadlos zu erhallen. — Wahrend wir dies auseinander setzten, har sich Hirsch bereit» wieder von seinem Staunen crkolt. Wie ein solcher Eygel ju solchem Haar oder solches Haar zu einem solchen Engel komme, erschien ihm unbegreiflich. Der alte Argwohn wollte wieder hervorschleichen; verbarg sich aber jählings wieder vor der Uebermachr seine» Gegners; — der Eindruck, den die Reizende auf ihn geübt, war zu gewaltig, konnte nicht leicht verdrängt werden; er Kaue seine ganze Seele eingenommen. —Und als Hirsch aus „Schul" kam. und Malke in hübschem Sabbarh - Anzuge mit andachtoerkläclem Antlitz überdem Sidur «Gebetbuch) ba saß; wenn wieder ihre holde Stimme an sein Ohr tönte; wenn er sah, wie sie so liebevoll den armen „Oruch" .armer Fremde), der. Keul bei Tische saß, vewirthere, wie sie gar einem zweiten armen Manne? der an die Thür pochte, freudig ihr eigen Tkeil überließ, und ihr seelenvolles Auge sich an dem Anblick, den der sich am Mahl« E» quickende und Ladend« gewährte, weidete, wenn — doch, wie könnten wir. auch alle die Liebreize, die dieses Wesen in sich'entfaltete, anfübren, — so ging unserm Hirsch vor Freude das Herz über. — Hirsch schied immer schweren Herzens von siinerHeimath, um den Geschäften nachzugehen, und freute sich schon die ganze Woche auf die Rückkehr. — Und siehe, immer schöner erschien ihm die schöne Malke, immer anziehend,,. —Nie mehr blieb er über Sabbath in der Fremde; nicht nur, daß er oft später abceiste; er stellte s^ch sogar früher wieder ein. — Und wenn ihn die Alte mit schalkhaftem Lächeln fragte: „Nu Hirsch, warum die Geschäfte so kur; gemacht*" da erwiederte er etwas verlegen: „Nun, man hat noch so Manches zu besorgen, sich auf SchadbeS zurecht zu machen, den Barr zu zwicken (scheren) u. s. w. — obwohl — aber unter uns — ber Flaum noch auf den 'Augenblick lauerte, um sich Bahn zw brechen, und zum Staunen aller Welt sich sichtbar zu machen. — Hirsch's Aeußere erlitt zugleich mir jeinem Innern eine Metamorphose; er, der sonst „schlichte Junge," hatte sich in einen ganzen Stutzer umgeforml. Er harre sich beim berühmtesten Schneider des Orres, Jankel mit Namen, aus dessen Händen Kunstwerke, die aller Pariser Mode spotteten, hervorgingew, einen funkelnagelneuen Schadbesanzug bestellt, odschon stin alter ihm vorwurfsvoll verstehen zu geben schien, daß er noch nicht so weit oegrabirt sei, um Arbeitsdienste zu verrichten. - Mil Hirsch's Andacht in der lieben Schul — wir müssen's einmal verrathen — stand's leider nicht zum Besten. Alle» wahrte ihm zu lange. Das Leinen (Vorlesen der heiligen Schrift) erschien ihm zu fety: gedehnt; die einzelnen Mische deirachs ■ Segensformeln, , die der Vorderer nach dem Bändel hinleiecte. könnten nach seiner Ansicht wie er sicy echt kauftnännisch ausorückle — in einen einzigen Pack gesteckt werden; sie würden dann sicherer in dem Himmel anlangen, während sie einzeln der Wind in alle Weltgegenben zerstreuen könnte, oder oben als zu geringe Aufträge ganz unbeachtet bleiben müßten. Es juckle ihn, den guten Hirsch, an allen Gliebem — ihn zog's nur nach Hause zu.— Und wenn so mancher Einer schon vor „Uleinu" (Schlußgeber) oder gar vor „Ein kriloheinu" (vorletztes Gebet) das Gotteshaus verließ, da hätte er eS wohl gern auch so haben mögen;-aber da ermannte er sich plötzlich, und sprach zu sich: „Hirsch, Hirsch, was ist aus dir kenn geworden* Wo ist deine Jirre (Gottesfurcht) * Und gerad bleibst du ba, dis Alles zu .End' ist!!" — Und er blieb. Fragte ihn aber Jemand auf dem Heimgang: „Wie geht'S Hirsch* erzähl' was!" da warf er leicht hin: „ Schonen Dank — weiß Nichts zu erzählen," und setzte im Sturmschritt seinen Weg fort; ja, die kleine Versammlung von Juden, sogenanntes „Rädel," pafficre ec nur mit einem flüchtigen „Gut SchadbeS" vor- , bei, ohne wie sonst an 'dem Gespräch sich zu berheiligen, wo allerhand Neuigkeiten, Raisonnements, gute und schlechte Witze in Hüll' und Füll' aufgespeicherl wurden; wo die Lachlust auf Kosten eines Ab- oder Anwesenden, gegen den von den Hauptwitzdolden schonungslos die Geißel der Satyrc geschwungen wurde, die vollste Befriedigung fand. Als Hirsch vorüber war, wäre auch er bald als Opfer des Spottes ausgenommen worden; denn schon begann Einer halblaur: „Weiß nicht, was mit dem Hirsch gescheh'n — 's scheint mir in ihm zu spuken, seit der Zeit, daß- Da wurde er plötzlich durch ein schallendes Gelächter aus dem Text gebracht; es gab da noch so vielen anderen ergiebigen Stoff zu verarbeiten, von dem man sich nicht gern trennte; der Redner war daher unbeachtet geblieben, und konnte zu seinem eigenen Verdruß und Hirsch's Glück trotz wiederholter Versuche nicht wieder aufkommen, was daher rühren mochte, daß er zu den Stümpern im „Witzmachen" und „Herzabstoßen" gehörte, und Aller Augen und Ohren j sich meist den anerkannten Rednern und Wortführern zu- I wandten. — Hirsch, einer von den „Großen," wie der i