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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 21 (1861) · p. Seite 79

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
21 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
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83 ich Hab' keine Klag' zu fiihren über dich — ich hoff, du wirst noch mein gut Kind bleiben, wenn ich dort unten Heg’ —-aber noch einmal, und vielleichtzum letz» ten Mal will ich zu dir reden — sieh, mein Hirschleden, ich had' dich geschickt in Cheder (Schule), warst auch ei» nige Zeit in der J'schiwa (Talmudschule) — ich Hab' gemeint 'n Raw (Rabbi) au» dir zu machen; aber der Red» den (Rabbi, Talmudlehrer) hat mir abgerarhen davon; er hat gesagt, du taugst dazu nicht, hast nicht genug Kopf; — doch Hab' ich dich lassen lernen, was 'n ordentlicher ZÜd' braucht zu können; — dann Hab' ich dich erzogen in meinem Fach; hast gelernt hausiren, wie ich'» Hab' von Zugend auf betrieben; — ich Hab' klein angefangen; Gott hat gegeben Masel (Glück), man hat können 's Geschäft größer detteiben, man har können anschaffen Pferd und Wagen; du weißt, du bist von jetzt ad di« einzige Stütz' deiner Mutter; du hast für sie zu sorgen — du wirst« doch thun mit Leib und Seel'?' „Ich werb's," antwortete unter Thränen der Sohn. — „Bleib' fromm und gut" — ftlhr der Vater mit gebrochener Stimme fort — „ gedenk' an Gott, geh, so oft du kannst, in die liebe Schul (Spnagoge), und bist du Freitag» unterweg», so dleid' lieber, eh' du sollst in Schabbe» (Sadbach) 'reiafahren! — Zuletzt Hab' ich dir noch zu sagen — du weißt, ich kenn' die Welt durch und durch — daß du dich sollst hüten vor ei, ner Sorte von Menschen — vor einer Sorte, an der ist kein B'roch« (Segen), kein Stückel gut Haar — ich mein, mit einem Ramme (Rothkopf) sollst dich nicht «nlassen, hüt' dich vor ihm, — und denk' an Alle», was ich dir da an'» Herz bind'— Hirsch legre da« feierliche Versprechen ab, in allen Stücken dem Willen de» Vaters nachzukommen. — Beiteln hatte die Vorahnung nicht getäuscht — sein Geist erlosch nicht lange darauf. — Während der Trauertage wurden die Hinterbliebenen — wie da» so schöner Brauch — von den Leuten de» Orte» und Umkreises besucht und würde man'S glauben, Hirsch widmete vor Allem einem Manne, den da» Schicksal mit rothem Haar bedacht hatte, trotz oder gerade wegen de» seinem Vater abgelegten Gelübde» die größte Aufmerksamkeit. Jede Bewegung, jede» Wort, jeder Blick verfiel der Prüfung Hirsch'«, der e» sich zur- Aufgabe gestellt zu haben schien, die „Menfchensorte," gegen welch« sein Vater in der Todesstunde von Widerwillen eingenommen war, genau zu studiren. Bald hatte er's draußen. Wie Jedem, der da» Gift de» Borurtheil» eingesaugt hat, und voll Mißtrauen darauf auSgeht, eine ungünstige Seite zu erspähen, so schien auch ihm der Rothe ein gewisse» abschreckende» Etwa« in sich zu schließen. Beispielsweise mag angeführt werden, daß Hirsch, al» Jmer wie zum Trost die für den Befangmen freilich in Form eine» zweideutigen Orakelabgefaßte Bemerkung äußette: ,,E« wird mit Gotte» Hülf mir dem Geschäft' geh'n!" einer abscheulichen Dermuthung Raum gab. „Wie" — so dachte er bei sich — ,,e» wird mit de» Geschäft geh'n!" — „Wem wird » geh'n i — Mir wird'« geh'» ober ihm wird)» geh'n?!" — „Meint er nicht, daß er mich aljung» Jung, dem -er Vater erst abgestorben ist, und nicht, wie ezpuint, Mann» genug ist, leichter wird überliste» können?! Bald scheint mir dawahr; — Hab« sich doch, wie ei dasagt', so fteudig beide Händ' gerieben, und mich mit feinen verschmitzte» Auge» so anßeblickt. — Mein Vater olow hascboUam (Friede über ihn) hat, wie in Allem, auch sicher darin recht gehabt, daß er mich, sein einzig Kind, da» er gewiß hat lieb gehabt, vor diesen Menschen hat verwamt; — ist es nicht eine Aweire (Sünde), mich erst selbst ^bavon überzeugen zu wollen?! — Wie darf ich.daran zweifeln?! —Har er nicht oft genug von dem und jenem Ramme (Rothkv^ erzählt, der ihn hat bintrrgangen!" — Diese und ähnliche Gedanken zogen durch Hirsch'» Seele, und verbanden sich mit dem unerschütterlichen Vorsatz, dem letzten väterlichen Willen in keiner Weise enrgegenzuhandeln. —Jeder Rothe war so zu sagen eine Spinn' in seinen Augen; er zog e» vor, gar kein Geschäft zu machen und zu ruhen, al» nur mit einem solchen in die geringste Beziehung zu treten, und sollte ihm auch «in nicht unerheblicher Gewinn in Aussicht gestellt sein. — „Rit rühr' an!" da» war sein mächtige» Losung-wort, wenn er etwa in die bei. seinem Geschäfte schwer vermeidliche Gefahr gerielh, mit einem Rothen in Verbindung zu treten. Da hätte er ja, wie er sich sagte, da» heillg« „Kidudaw (Ehrfurcht gegen den Vater) unerhört verletzen und der ewigen Verbammniß anhetmfallen müssen. — Half ihm doch Gott auch ohne diese Leute durch die Welt! — Hirsch war — wie diesein Geschäft erforbette — meist auf Reisen. In der Regel trat er diese Sonntag» an, um Freitag» wieder zurückzutehren, und den heiligen Sabdath unter seinen Pfählen in gemürhlicher Ruhe zu feiem.— Der freundliche Leser wolle ihn einmal trotz der schwülen Mittag-Hitze-eine Strecke auf einer seiner Reifen begleiten. — Hirsch schreitet trällernd neben seinem Fuhrwerk einher, sich wenig um seine Pferde kümmernd, die diesen Umstand in» stinetmäßig benutzend, ihrer Kräfte schonen und den Schritt verzögern. Wie fröhlich ist er gelaunt; sein Herz ist voller Freude und Jubel; einer solch glücklichen Woche, wie dieser, kann er sich nicht erinnern. Er überschlägt in Gedanken den Gewi»», den ihm der ungeheureAdfatz seiner Waaren zugefühtt, nnd der chm noch durch den Einkauf von altem Elfen, Messing, von v^chiedenartigen Hellen und dergl., unter welcher Last der Wagen buchstäblich ächztt, bevorsteht. E» blinkem ihm schon die schonen, rundm Silberstücke, die er dafiir vom Großhändler Reb Mqyer in Empfang nehmen soll, mtgegen; nmb dann will er doch wieder ftifche Waaren entnehmen; war doch sein Lager in dieser Woche zu einem winzigen Häuflein zusammengeschrumpft. Ihn überkommt ein unsägliche» Wonnegefühl; er hört die Leute im Dorf« au-rufen: ,^ver Hirsch kommt — er bringt wieder recht schöne Sachen, wie kein Anderer! — er sieht im Geiste, wie sich alle» an ihn heran-und herumdrängt, seine Waarm zu dewündem und zu kauft«. Da mitten in diesen fuße« Gedankmträumm ermannt er sich plötzlich, und schwingt mit Macht seine Peitsche auf die schlaff anziehenden Pferd«. „Hätt' ich doch bald vergessen, — ruft er in ärgerlichem Tone au» — daß wir heut Freitag über der Welt habm, und will ich ^doch noch zur Zeit vor Schadde» (Sadbach) zu Hau» sein!" — Die Pferde, au» ihrer Trägheit verscheucht, zogm stramm an. Da kam eine etwa» steile Anhöhe; sie wandten alle ihre Kräfte auf, — vergeben« — sie kennten nicht weiter. — Wer es so eilig hat, eia fich gesteckte» Ziel zu erreichen, »ad sich urplötzlich darin gehemmt ficht, wird es sich leicht vergegenwärtigen, in welche ttaurige Stimmung unser Hirsch verfiel, al» er durch Bitten, Dröhnngen «ad Schläge, im Guten und Böse», gegen die schweißbedeckten, fich admarttmden & » * m

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