Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 21 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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82 mehrere Frauen, aber mit welcher Ergebung ertrug er Alles was Gott übet ihn verhängte! Mit seiner körperlichen Gebrechlichkeit belästigte er so wenig als möglich seine Umgebung. Streng gegen seine Kinder konnte er nie sein und doch sind sie Alle wohlgerathen und sein« Sohne fromme, gelehrte Männer. Sanft wie sein 2rf>m war sein Ende. Schon seil einigen Monaten fühlte er sich ungewöhnlich schwach, und -tiefe Körperfchwäche, ein« Folge seines hohen Alters, nahm bei unveränderter TeisteSklarbeir von Tag zu Tag zu, bis sie am 28. April mit seinem Tode endete. Am Morgen diese- Tages hatte er noch in Tallith und T'fillin gebetet. ~ Nach dem Gebete stellten sich die Vorboten des Todes «in, die Gemeinde, die durch seinen Hlntritt in der That verwaist ist, umstand ihn mit dem Schmerze von Kindern, die ihren großen Vater verlieren. Der Sterbende fordert« noch wiederholt auf, die Sterbegebcte zu recitiren, und — bann verschied er. Es war halb drei Uhr Nachmittags. - Auf die Trauerkunbe eilten aus allen Nachbarsiadten Verehrer des Verstorbenen herbei, um sich an dem Leichenbegängnisse zu betheiligen. Ueber alle Beschreibung rührend war der Trost, weichen dessen Bestattung zur Erde allen Fxeunden und Verehrern deS Verewigten — und wer war bas nicht? — in vollem Maße bol. Hunderte von Personen — von den verschiedensten Religionen und Religionsmeinungen — gingen mit gesenktem Haupte neben der geliebten Leiche her.. Kein feiles Lobpreisen entweihet« diese feierliche Handlung; die stille Rührung Aller war . daS schönste Zeugniß für den Verewigten. Sie vergrößerte sich noch bei den einfach erhabenen Leichenreden, die fünf Rabbinen ihm hielten. Der erst« dieser Redner, das Haupt der m*n Herr Jacob Gottheimer hier, sprach am Eingang« zur Synagoge. Wehmüthig gedachte bei seine» tief ergreifenden Worten Zeder dessen, was der Verklärte uns war und gab ihm vom Grund« der Seele das Zeugniß: Es war ein edler Mensch! Nachdem man die- Leiche in die Synagoge getragen und dort die üblichen Ceremonien bei solcher außergewöhnlichen Leichenfeier verrichtet hatte, sprach vor. der schwarzverhängten heiligen Lade der Schwiegersohn des Verewigten, Herr Rabbiner Dr. Poper zu Ezaruikau; vor dem vetbha-midra$ch Herr Klausradbiner M. I. Leszczynski aus Schneidemühl, passende, den Verstorbenen verherrlichend« Reden; am Weichbilde der Stadt sprach sinnreich Herr Freimann, Rabbiner zu Filehne, und auf dem Legräbnkßplatz« angelangt, hielt Herr Rabbiner Braun ausSchneidemühl die Schlußrede. Diese entwickelte in der sthönstea Form vor der Trauerversammlung den Sah: „Es giebt drei Kronen «. s. w." und verbreitete sich darüber, wie der Verklärte die drei Kronen auf Einem Haupte getragen (er war vom Stamme Lev») und auch die vierte, die Krone des guten Namens, sich zu erwerben verstanden. So schwach diese« Bild auch ist, so wirb doch der Denker die schönen Züge des Urbildes nicht verkennen. Wer de« Selige» kanatt und mir ruhigerem Gemäch« an denselben zurückdenken kann, der möge diesm flüchtigen Umriß vollenden. — Kied« seiner Asch«! L. Plllvermann. Das Borurlheil. (Eine Geschichte wie sie im Leben vorkam.) Lon Moritz Grünfeld in Ralibor. „Borurlheil", verhängnißvolles Wort! Deine Anhänger tappen stets im Finstern umher; denn sie scheuen das Licht der Wahrheit. Du hast eine Menge der schaudererregendsten Gräuelscenen heraufbeschworen und die Geschichte vieler Nationen mit Blut befleckt! Doch, gottlob, deiner Macht ist bereitdurch den Fortschritt des Geistes, durch ein Streben nach höherer Erkennmiß ein gewaltiger Damm entgegengesetzt, und wenn du in deiner Derheerungssucht auch noch zuweilen hier und da emportauchst, um einen fatalen Streich zu spielen, so hoffen wir doch mit Zuversicht, daß deine hohe Bedeutung bald in Staub und Nichts zerfallen sein wird. Der geneigte Leser dürfte nach diesem Ergüsse vielleicht die Vorführung irgend einer jener unzähligen Gräuelscenen, die von den gräßlichen Vorurtheilen gegen die Bekenner des mosaischen Glaubens ihren Ursprung herleiten, erwarten. — Nein, fern sei es von uns, ihn in jene Zeiten der Stock» finsterniß hinüderzuführen, und sein Herz mit tiefem Abscheu und Wehmuth zugleich zu erfüllen. — Nicht absichtslos sagten wir oben: des VorurtheilS „Hobe Bedeutung." Zm Kleinen ist das Vorurtheil noch häufig anzutreffen. Es chster sich in irgend eine schwache, zum Denken träge, oder unfähige Seele ein, macht den Menschen zum Eclaven, und zeigt ihm nach Belieben Wahr für Falsch, Falsch für Wahr. — Hat da- Vorurtheil erst festen Boden gefaßt, dann weicht eS nicht bald; für die Weitecverdreitung hat es keine Sorge zu tragen; der von ihm Befangene ist ein vorzüglicher Conductor, und die Menge, in Nichts so eilig wie im Borurtheil, wird leicht angesteckr. — Da pocht so Mancher auf seine Physiognomik, wenn diese ihn vielleicht ein oder einige Mal nicht getauscht, und hat beim ersten Anblick einer Person bald ein entschiedene- Urtheil für oder gegen dieselbe. Ohne jegliche Untersuchung nimmt er im Gefühle feiner „immensen UrtheilSkraft" die Handlungsweise seiner Mitmenschen so auf, wie sie ihm im ersten Augenblick erscheint, ohne nach der Ursache, die diese erheischte, zu forschen, oder schiebt ihr ohne weiteres einm andem Beweggrund unter, als ihr wirtlich zu Grunde liegt. Za, der Vorurtheilsvoll« kennt oft schon de» Werth einer Person, ohne sie auch nur je gesehen zu haben, sich auf die „unumstößliche Wahrheit" mancher Sprichwörter stützmd, als: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme." „Wie der Barer, so der Sohm" Erlenholz und rothe Lod — — — Halt, wir wollten ja eine kleine Geschichte erzählen! Beitel — wir »ollen den Mann aus gewissen Rücksichten so und nicht beim wahren Namen nennen — lag in schwerer Krankheit darnieder. Er gab sich keine lange Frist mehr, auf diesem Erdenrund zu wallen; er fühlte, daß der Tod ihn bald in ein« andere Welt führen sollte. Nachdem er von seiner gutm Frau rührende« Abschied genommen, rief er feine« achtzehnjährigen Sohn zu sich: ,^Hirsch, mein einzig Kind, komm her! du stehst, ich bin nicht weit vom Grab' — bald wird die Erd' mich bedecke». — Du bist immer nm» gut Kind gewest», «d