Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 17 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 wurde, ein Umstand, der in der neueren Zeit leider! außerordentlich gewachsen. Ist in einigen Gegenden, z. in der Levante, die"Hebräische Sprache auch als Umgangssprache bei den Juden geblieben, aber auch hier^ nur neben vier oder fünf anderen Sprachen, s» ist sie dagegen in allen übrigen Welttheilen aus dem Munde der jüdischen Masse geschwunden und höchstens auf ein dürftiges Verständnis der Gebete und der heiligen Schrift beschränkt. Eist also nur noch ein theoretisches Bewußtsein, in der hebräischen Sprache ein gemeinsames Land zu haben, welches in sprachlicher Beziehung fiir die Juden vorhanden ist, sonst aber ist dieses Moment der Nationalität für die Juden völlig verloren gegangen. Kommen wir nun zur Sitte. Bei keiner Nation konnte dieses Element der Nationalität einen so reichen Boden finden, wie bei den Juden. Hier, wo die Sitte von der Religion geheiligt war, wo zugleich die Religion sich des praktischen Lebens ganz und gar bemächtigt hatte, und brauf die kleinsten Details das faktische Leben regelte und beherrschte, kam nun noch die Ad- »nd Ausschließung von der Welt hinzu, so daß die umwohnenden Nationen nur geringen Einfluß darauf üben konnten, und der Wandel ver Zeit nur höchst langsam und oberflächlich influirte. Allerdings modrficirte sich auch die Sitte in den großen Gruppen des jüdischen Stammes, und bi« orientalischen, polnischen, deutschen und portugiesischen Juden haben -in ihrem häuslichen und synagogalen Leben viele verschiedene Bräuche. Ader in der Wirklichkeit sind^ diese Verschiedenheiten im Einzelnen doch nur Ausstrahlungen eines großen gemeinsamen Kernes, die den Eharaktet der Nationalität wenig berühren. Allerdings kann man! nun nicht außer Acht lasten. daß in einem großen Thejle der europäischen Judenkeik seit einem Jahrhundert eine große Umwandlung vor sich gegangen. Nachdem einmal urjdewußt und bewußt der Zusammerkhanz zwischen der Religion und dem praktischen Leben gelockert worden, ist in Westeuropa ein großer Theil der jüdischen Sitte auS den Häusern und, wenn auch nur zu einem kleinen Tbeile aus den Synagogen geschwunden. Demungeachtet ist noch genug geblieben, um der Nationalität als eine Grundlage zu dienen, und wenigstens in der Jetztzeit noch das Unheil über die Nationalität festzustellen. Allerdings kommt der den Juden noch ein Moment hinzu, welches bei den übrigen Nationen, wenigstens mir geringer Ausnahme, für die Nationalitäten nicht vorhanden ist, nämlich die Religion. Die israelitische Religion, wenn sie auch nicht den Eintritt Fremder verwehrte, und in einigen wenigen Zeitpunkten sogar ziemlich viel Proselyten aufnahm, war doch recht eigentlich vom Beginn an an dje israelitische Nation gebunden, und edmso erkannte die letztere zu aller Zeit den Boden, das Wesen, und den Zweck ihres .Daseins in der Religion an. So sehr nun auch in der Jetztzeit bei den Juden das schon von den Propheten ausgesprochene Bewußtsein geweckt worben, daß ihre Religion auch eine welthistorische Mission habe, so sind doch noch immer Judenthum und jüdischer Stamm sich deckend« Begriffe, so sehr, daß der von jenem Abfallende auch auS diesem geschieden angesehen wird, und wenn er auch noch für seine Person alS „getaufter Jode" bezeichnet wird, so verliert sich diedoch schon in dem folgenden Geschlecht«. Wenn nun auch ein großer Theil dessen, waS im Judentbume Religion ist, schon in dem vorher besprochenen Momente, der Sitte, begriffen ist, so bleibt doch noch genugsam übrig, um alS ein besonderes und wichtiges Moment, baS anderen Nationen fehlt, für die jüdische Nationalität anerkannt zu werden. Oie Gemeinsamkeit der religiösen Uederzeugung, deS religiösen Bekenntnisses, de- Gottesdienstes u. s. f., welcher letztere auch so viele nationale Beziehungen in sich begreift, wird immerfort die jüdische Nationalität tragen und stärken. DaS Ergebniß dieser Untersuchung stellt sich demnach handgreiflich so heraus: daß die Juden weder ein Volk, noch eine vollständige Nation bilden, wobl aber eine Nationalität besitzen, die aus Gemeinsamkeit der Abstammung und der Religion, zu einem großen Theile noch auf der Gemeinsamkeit der Sitte beruht, der aber die Gemeinsamkeit der Sprache gänzlich abgebt, und die daher im gemeinsamen Leiblichen und geistigen Charakter nach den verschiedenen Ländem sehr modificirt erscheint. Gerade darum können die Juden auch nicht mehr als eine wirkliche Nation angesehen werden, während ihnen die Nationalität abzusprechen Willkür ünd Täuschung ist. West-östliche Schwalben. Bon Ludwig Wihl. Im Jahre 1&47. erschien in Mannheim unter obigem Titel «ine Sammlung von Gedichten jüdischen Inhalt- und reinster jüdischer Tendenz. Ungünstige Aeitverhälmiste, zu denen sich noch Seitender Buchhandlung unglückliche Verhältnisse gesellten, ließen diese Schrift nur in Weniger Hände komnren. Diese Wenige zollten ihr unbedingten Beifall. Wir verweisen auf die damals von uns gegebenen A. Zeitl-0. Jud. Jüngst sind dieselben von Merci er inS Französische übersetzt, und haben in Frankreich eine allgemeine Anerkennung gefunden. Um so bereitwilliger kommen wir auf die Dichtungen deS Herrn Wihl zurück, da sie eS verdienen auch in ihrem Original die weiteste Verbreitung zu finden. Unsre Leser werden gern einige Proben daraus entgegennehmen, Proben, die wir auSwadlen, wie sie uns gerade in die Hände fallen, da mir geringer Ausnahme alle Piecen einen gleich hohen Werth, sei eS vom Standpunkte der Gesinnung, sei es vom künstlerischen haben. Mein Beruf. Im Traume flog ich durch die Lüfte Einst weit zum gvld'nen Morgenland, BiS ich, wo früher Opferdüftt Dom ZionSberge flammten, stand. Ich sah vor mir nur öde Stätten, Nut Trümmer alter Herrlichkeit, Statt Schwerter klangen Sklavenketten, Stau Freuderöne Herzeleid. Die Cedem schienen mitzutrauem, Zerschlag'aen Herzenstand ich da, AlS ich auf alten Tempelmauern Stillweinend einen Engel sah.