Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 15 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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59 arbeitete. Derselbe wandte nach einiger Zeit meiner Mutter ein« stille Verehrung zu, welche sich durch Verschaffung unterhaltender Leetüce, durch Darbringung der in der Druckerei gesetztm Operntexte und dergl. kund that. Spater ersuchte er die Familie, ihm einen Antheil an ihrem Tische zu gewähren, da er selbst für tüchtig,- Geld in der Garküche eine gesunde Kost nicht erhalten konnte. Es wurde ihm gewahrt. So täglicher Gast dieser frommen, friedlichen und arbeitsamen Familie, täglich Zeuge von dem rastlosen und bescheidenen Schaffen meiner Mutter, welche, die ganze Wirthschaft besorgend, auch einen Theil de- Erwerbendurch ihre Arbeit deckte, und dabei immer aufopfernd und immer anspruchslos war, wuchdem an Tugend und Gesinnung ähnlichen jungen Manne die Zuneigung nach und nach rief in da- Herz, und fand allmählich Erwiederung. Mit einem Worte, meine Mutter fand in der Liede diese- Manneden Ersatz und die Belohnung für die erlittenen, schweren Unbille. Ihre Eltern gabm dem ihnen so theuren Paare gern ihre» Zustimmung und ihren Segen. Ader wanun weiter? Von dem Schrifrsetzeclohne konnte eine Familie umsoweniger begründet werden, aler zum Theil in die Hände der armen Eltern de- Mannewandert,. Um eine eigene Druckerei zu begründen, dazu gehörte aber ein Capital, davon keiner Seite hrrbeigeschafft werden konnte. Diedauerte ein Jahr, und da die jungen Leute in ihrer Lied« und dem täglichen Beisammensein ihr Glück fanden, waren sie, trotz ihrer Aussichtslosigkeit, Heiter und zufrieden. Ich habe oben bemerkt, baß ein der Kammer, worin dakostbare Erbstück, der alte Schrank, placirt war, sehr feucht war, und ich kann sagen, daß noch jetzt, wo so viele Jahrzeheude seitdem vergangen sind, große Stockflecke an der Hiuterwand und in den Schudlädm deehrwürdigen Möbel- Zeugniß von der damaligen Erniedrigung unsremajestatischen Erbstückegaben. Wa- Wunder, daß auch im Jnnem die Platte» und Rollen sich warfen, die Elsen und Schlaffer rosteten, di« Schubladen und Kästchen schwer aufgingen, und der Cyllnder nur mit Mühe sich aufrollen ließ. Eine- Tagealmeine Mutter etwaaudem Schranke Holm wollte, kam sie aus der Kammer mir der Erklärung zurück, daß es ihr unmöglich sei, den Epliader mehr al< eine Spanne hach zu bekommen. Sätet und Bräutigam eilten in di« Kammer, jener vermvchte gar nicht, dieser nur am ein Geringedie Oeffnong zu erweitem. Al-dald warf der Schriftsetzer den Rock ad, und faßte mit dem bloßen Arme durch die Oeffnung und die Thür oes inneren Schränkchennach der Hinterwand, um zu sthle«, wodurch eigmtlich die Eylinderplatte am Aufrollen gehindert werde. Er fand, daß diese sich geworfen und gesenkt habe, zugleich aber befinde sich ei« durch di« Bemühungen, den Eyltnber zu Heben, zusammeugedrücktes Papier in der Spalte, wodurch daweitere Aufrollen unmöglich ward. Mein Großvater hatte den Glauben, daß der Schuldbrief deverstorbeuea Graft» sich noch einmal wieder finden werde, und zwar in dem Schranke selbst, nlemalaufgegeben, immer schwebte ihm dl« Gestalt seines Vatrrs vor, der ihm im Traume auf de» Schrank gewiesen Hatte. Vielleicht hatte dteftr Glaube ihn in seinem schweren Unglücke aufrecht erhalten. Bei der Meldung von dem in der Spalte des Cyllndersteckende» Papjerbällchea ty*. .sofort Hne freudig Ah««- Über ihltz) daß. die -— — - - ^- seine- Vaterendlich ««.Erfüllung gehen werbe, ein Zittern überfiel ihn, baß er sim auf da- Bett ftiner Tochter fetzen mußte,- untf nur mit schwacher Stimm« seinen zukünftigen Schwiegersohn ermahnen konnte, auf da- Vorsichtigste da- Papier, welcheden kostbarsten Schatz ihrer Zukunft enthalten könnte, herau-zuhvlen. Der junge Manu that, da- Seinige; mit der größten Anstrengung, denn sein Körper befand sich dabei in sehr verschobener Stellung, umfaßte er da- Papier mit fein« Fingern, um ezu decken, wandte dabei feine Faust in die Höhe, um di« Bretter noch mehr auseinander zu biegen; und indem er so da- Papier langsam, Linie um Linie vorschob, sorgte er dafür, daß enicht reiße, und kein Theil desselben zurückdleibe. Da- Werk schritt so vor, aber er mußte mehrere Male abfthen, um sich zu erholen, und von ftiner geschundenen Hand troff Blut herab. Bald ergab esich auch, baß emehrere Papiere seien, die darin stäken, und ineinander gewirkt waren. Ader der Eifsr dejungen Manneließ nicht »ach, und nach einer halben Stunde der bangsten Besorgniß auf der einen und großen Anstrengung auf der andern Seite war Alleheraus geschafft, waHcharin gesteckt, und wurde auf den Tisch der Stube nieder gelegt. Die vorsichtige Entfaltung brachte einige unbedeutende Papiere auseinander, welche die Hoffnung de- Greiftwenig befriedigten, albäletzte und größte Stück, sowie es nur zum Theil aufgemacht worden, die Handschrift de» so lange und so schwer vermißten Schuldscheins zeigt«. Allerdings war er mehrfach verletzt und zum Theil durch Stockflecke unlesbar, auch von dem Siegel de- Graft« nur ein dunkler Fleck im Papiere übrig' — aber Gottes Schutz hatte doch darüber gewacht, denn sowohl die Schuldsumme und di« versprochenen Zinsen, welche nach so geraumer Zeit da- Capital bedeutend verwehren mußten, alauch die Unterschrift de- Trafen standen klar und deutlich vor Augen. Welche Freude, welche- Glück bei dieftm Anblick über die guten vier Menschen kam, «eiche Worte vermöchten dles zu schildern! Drangen doch, wenn nach langen, langen Jahren meine Mutter, nachdem die anbem drei Theilnehmer jener Stunde längst unter dem Rasen der Erde schlummerten, mir von dieser Scene sprach, immer noch leuchtende Funken der Wonne auihren schwachen, gealterten Augen! Dagemeinsame, überwältigende Gefühl riß sie vor Allem auf die Kaie nieder, und ließ die Lippen de- Greifteia laute-, beredtes Dankgebet zu dem allweise« Lenker demenschlichen Geschicke- ,ausfprechen. Sobald' der Großvater dem Vormunde der gräflichen Erben den wiedergeftmdenen Schuldschein vorgelegt, wurden ihm Capital und Zinsen aufpünktlichste ausgezahlt und sogar Wort« der Freude über die glückliche Wendung seine« Schicksalhiuzugestgt. Ewar nun klar, daß bei dem Herunterstürzea des Schrankein jener Schrecken-aacht, und bei dem Aufschlagen deffelbe» auf den Boden die in den oberste» Kästchen befindlichen Papiere in die Cp linder, fpolt« hiaeingefthleudert, und beim Auftolle« von diesem gefaßt,, in die Höhe gezogen, und immer tiefer ln die Spalte gebrach« worben fei» Mnßten, wohingegen durch die Vnwirkung ber Feuchtigkeit der Kammer die Epliader» krrtttc sich warfen und die Papiere so verschoben, »aß die Entdeckung erfolgte. Das nun «netter geschah, brauch« ich nur auzudeuten. Elter» feierten bald ihr« Hochzeit, und ei» Iahe -