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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 15 (1861) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
15 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 liebte Gattin zu beruhigen, ihr die Sünde ihrer Verzweiflung vorzuführen, Vertrauen auf den immer helfenden Gott «inzuflößen, ja ihr Vorwürfe zu macken, daß sie seine so schon schwere Bürde durch ihr Elend noch vermehre; vergeben« auch bemühte sich die Tochter, ihre Mutter mir Liebkosungen und Bitten zu beschwichtigen. Es half' nicht-, die Frau fuhr in ihrem Wehklagen und in ihren maßlose» Geberden fort. Da nahm der Mann sie an die Hand, führte sie vor den Schrank, rollte ihn auf, holte drei silberne Löffel und einige Thaler heraus, und sprach: „Was willst Duk WaS schreist Duk Deine Mitgift ist noch da; womit Du m mein HauS gekommen, ist noch nicht verloren; und der Gott, der uns dis hieher geholfen, ist »och da und wacht über uns, und der Mann, der Dich bis Heu« genährt, ist noch nicht gestorben, und wird weiter für Dich arbeiten. Gilt Dir aber Dein Gott, Dein Mann und Dein Kind nicht-, jo schrei weiter!" DieS half; sie setzte sich auf einen Stuhl und weinte still vor sich hin. Thränen aber versiegen bei einem Kinde und bei einem Weid« bald, und sind bei ihnen das Zeichen, daß der eigentliche Sturm vorüber ist. Ader die schwerste Prüfung stand noch bevor. Am folgenden Tage traf der alte Hirschel nicht ein; man erwartet« ihn mir Zittern, aber vergebens. Dagegen lief am nächsten Tage ein Brief mit einem Päckchen ein. Der Brief war ein Absagebrief, und in dem Päckchen lagen die Geschenke, welche Faudel und seine Tochter dem Bräutigam gemacht. Der Brief war vom alten Hirschel, und bemerkte kurz-, daß er zwar im Städtchen gewesen, dortaber die Nachricht vom Tod« des Grafen und von dem völligen Verluste des EapiralS gehört, und daher seinem Sohn befohlen habe, die Verbindung mit FaudelS gänzlich abzubrechen, weshalb die Geschenke anbei folgten mtb die Gegengeschenke zurückerwartet würden. Meine Mutter wurde bei Durchlesung dieses Briefes sehr -bleich, ihre Hände zittetten, vor ihren Augen verschwamm es, daß sie ihn nicht zu Ende lesen konnte; daS Blatt entfiel ihr... Ader sie hielt sich doch aufrecht, ging in die Kammer, und erschien nach einer Stund« wieder, sehr verändert, aber doch gefaßt. Ihr Vater schloß sie in seine Arme, legte ihr jugendliches Haupt an feine Brust, und seine Hand darauf, um sie zu segnen. „Mein Kind," sprach er nach langem Stillschweigen: „Habe Dank, und den Segen GotteS, für die Art und Weife, wie Du da- Herz Deines alten Vaters schonst . . ." „Ich denke, lieber Vater, Gott hat dem Hirschel eine Prüfung zusenden «ollen, ob er darin bestehe, ob er wahrhafte Liebe in seinem Herzen hege, und Treue zu üben verstehe. Gegen di« Prüfungen, die Gott sendet, dürfen wir nicht murren, denn sie find zu unsrem Helle. Hätte er mich nur um Deines Vermögens willen nehmen wollen, so wäre eS ja ein Glück für mich, daß eS fo gekommen." „Also Du hast moch Hoffnung, mein Jtinb?" erwkederte der Barer. „Run ich will sie Dir nicht raube«. Obgleich ich eS nicht verhehlen will, daß mein altes Herz nichts mehr davon birgt. Ach, die Prüfung«»! Ich habe viele Menschen gesehen, welche ehrlich geblieben, wett sie nicht geprüft worden, dir Prüfung hätten sie nicht bestanden, und eS war daher tzhr gut, daß keine Prüfung für sie kam." - - - M» »«Wr. inds» Beßlich W» der Umarmung ihres BarerS wand, „Hirschel konnte sich dem Willen seines DatrrS nicht geradezu wiberfrtzen, aber er wirb treu bleiben und warten, dis die Zeilen sich gedeffert, oder der Wille feines Vaters sich gebeugt hat. Sollte er es nicht," setzte sie zögernd hinzu, „so hat Gott mich vor großem Leide behüten wollen." Meine Mutter mochte wohl glauben, daß ihr gewesener Bräutigam ihr wohl einmal ein heimliches Briefchen zukommen lassen werbe, um ihr seine Treue zu zusichern. DieS geschah nicht. Dann bildeten sie sich ein — denn die Liede ist sehr erfinderisch — daß sein Vater ihn mit ArguSaugen bewache und die Zuschriften seines Sohnes an sie unterschlage. Ader ungefähr sechs Wochen später trat sie, von einem AuSgange zurücktommenb, bleich wie der Tod in die Stube, und kaum über die Schwelle getreten, sank sie leblos zu Boden. Unterwegs hatte Jemand ihr erzählt, denn der Menschen, die, ohne geradezu schlecht zu sein, doch döse Kunde gerne mirtkeilrn, giedl eS gar zu viele, daß der junge Hirschel sich mir einem.Mädchen so und fo, natürlich einem reichen Mädchen wieder verlobt habe . . . Ich will die Srenen, die darauf folgten, nicht schildern. Meine Mutter verfiel in ein schwere« Nerven« fieder. Doch ihre jugendliche Kraft und ihre schön« Seele siegten. Sie war noch so jung, und eine geknickte Blume im zarten Alter heilt wieder au«, richtet sich wieder empor, und dehält eben nur eine Narb« zurück. Mein Großvater hatte alle seine Außenstände eingezogen, und damit seine Schulden bezahlt. Er hatte die Befriedigung, sagen zu können, daß kein Mensch durch ihn einen Pfennig verloren habe. Die« war aber auch Alle«. ES war ihm nichts übrig geblieben. Würde ich meinen Leiern nicht ein« wahre Geschichte erzählen, so könnte ich hier irgend einen rettenden Engel eintteten lassen, einen großmüthigen Menschen, der die Redlichkeit deS ManneS mit eipem großen Geschenke oder unbegrenzten Eredite belohnte. Ader m der Wahrheit geschah dergleichen nicht. Di« Menschen belobe« die Ehrlichkeit gar sehr, aber der Kaufmann vertraut dem unehrlichen Reichen große Summen, während er dem ehrlichen Armen Alle« adschlägt. Mein Großvater hatte fein stattliche« Hau» verloren, und konnte dafür nur eine armselige Hütte ausschlagen. Alle» ging ihm fehl und nur mühselig erwarb er durch sein Hausiren, wa» die einfachen drei Menschen brauchten. Ader so still und in sich zurückgrzogen meine Mutter auch forthinwandelte, so griff sie doch, alS sie den Mangel zur Thür ihre» väterlichen Hause« eintreten sah, wacker zu, nähere und stickte, Waste trefflich verstand, für andere Leute, und half so dem kargen Verdienste ihre» Vater» nach, dem jüngere Leute so oft den Rang adlieftn. Diese» Brdürfuiß aber, ihre Eltem zu unterstützen, und da» Bewußtsein, eS zu thun, richteten sie völlig wieder auf, und nach einigen Jahren kehrte auch dl« Blüth« auf ihr« Wangen zurück. So verging eine lange Zeit, und sie erreichte ihr vienmdzwanzigsteS Jahr. Meine Großeltern hatten in dem Redengebäud« eines großen Hauses Parterre eine kleine Wohnung beziehen muffen, und da sie ihre eigene Schlafstätte in dem Stübchen aufgeschlagen, war für den große« Schrank kein Raum darin, und er mnßt« in die, allerdings sehr feuchte Kammer wandern, wo auch «»eine Mutter schlief. In dem Hause befand sich eine gr»ß« Buchdrucker«!, an »sicher — damals eine G»l«ch,it — «ach ein jnnger <*» Schriftsetzer

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