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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 14 (1861) · p. Seite 55

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
14 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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dieser friedlichen Menschen mochte wohl zu groß sein, um nicht einer Karten Prüfung zu bedürfen, hie auch nicht ausblieb. Wenige Wochen vor der Hochzeit brach während der Nacht in einem benachbarten Hause Feuer auS. Es war eine dunkle, stürmische Nacht, und da die Flammensäule, die plötzlich durch das Dach brach, ebenso sehr vom stacken Ostwinde foctgepeirscht ward, als sie in den Scheunen und Speichern und Böden der Hauser durch aufgehäufte Getreide- Stroh- und Wolle-Dorralhe reiche Nahrung fand, so war bald die ganze Häuserreihe ergriffen, und die aus dem Schlafe geweckten Bewohner hatten Mühe, das nackte Leben zu retten. . Auch die lieben Meiniqen wurden plötzlich durch Lärmen, Geschrei und da« Nachtwächterhorn aus den Armen des Schlummers gerissen, sahen alsbald das Gebälk ihres eigenen Hauses aufflammen, und hatten kaum Zeit, sich in die nothwendige Kleidung zu werfen. Einige junge Freunde des Hauses stürzten herein, und mein Großvater hatte Geistesgegenwart genug, ihnen vor Allem die Rettung des Schrankes zu empfehlen, in welchem seine Kostbarkeiten und alle seine werrhvollen Papiere staken, ohne daß er Zeit gehabt hätte, sie ^ruszuräumen. Aber eS war unmöglich, den großen, umfangreichen Schrank die schmale Treppe hinunter zu dringen, wie sie von unfern Vorfahren au» Raumersparniß in den kleineren Hausern angebracht wurde. Doch schnell entschlossen, schlugen die Männer mit Aexken Fenster und Fensterrahmen, so wie das darunter befindliche Fachwerk ein, und hinunter polterte, nachdem da» obere Schränkchen abgenommen worden, das mächtige Gebäu aus Tischlerhand in den Garten. Erst nachdem dies geschehen, eilten die drei Bewohner deS Hauses aus demselben, dessen Gebälk bald hinter ihnen zusammendrach. Sie hofften zwar nicht, daß von ihnen so sehr geliebte Möbel unzerdrochen wieder zu finden, doch aber seinen Inhalt gerettet, der für sie von so großem Werthe war. Wie groß war daher ihre Freude mitten in ihrem Leid, als sich hier die Festigkeit, welche unsre Väter ihren Arbeiten, freilich mit Aufopferung großen Materials, vielen Raumes und der schwungreichen Eleganz zu geben verstanden, bewährt hatte, und der mächtige Schrank sich wohlbehalten zeigte, wozu freilich der durch viele Regengüsse erweichte Boden beigetragen, in welchen er tief eingesunken war. Nicht einmal die gewichtigen Eisenschlösser waren gewichen, und mein Großvater pries, als er schnell den kostbaren Schatz aus der Gefahr drohenden Nähe des FeuerS tragen ließj die Gnade Gottes laut, die ihn nicht ganz in Elend versinken ließ. Sein Weib, sein seinziges Kind und der Schrank gerettet — waS brauchte eS mehr, um ruhig in die Zukunft zu sehen. Die Feuersdrunst wüthete bis zum Hellen Tage. Don allen Seiten strömten aus den benachbarten Ortschaften Spritzen und Mannschaften herbei, aber auch sie hätten chwerlich hem rasenden Elemente ein Ziel gesetzt, wenn nicht der Wind bei Tagesanbruch umgesprungen wäre, die Flammen in den Schoß ihres Herde» zurückgeworfen hätte, so daß sie sich genügen mußten, da» Quarrö gänzlich zu verzehren, von welchem sie einmal Besitz genommen. Meine Großeltern hatten ihr HauS, ihr Waarenlager. ihre Effecten, selbst die Ausstattung meiner Mutter gänzlich verloren. Damals bestanden die zahlreichen Feuerversicherungsgesellschäften noch nicht, welche jetzt den Menschen nur nochwendig machen, ihr Leben zu retten, ihnen aber im Uebrigen gestatten, der Wuth deS entfesselten Elements nicht "jtK achten. Sollte e» dergleichen damals schon gegeben haben, so waren sie nur in den größten Städten und für die Reichen in Gebrauch, anderswo hatte man noch keine Ahnung von ihnen. Es lag also Alles in Asche, außer dem, was der Schrank enthielt, nämlich selbem Kleider und feinste Wäsche der beiden Frauen, die silberne» Geräthe und das Bischen Geschmeide, so wie die Papiere und das Buch, dafreilich noch nicht in doppelter italienischer Buchführung bestand, sondern in jüdisch-deutschen Charakteren immer unter einander enchielt. was eingekommen undausgegeben, was ge- und verborgt worden. Jndeß habe ich nicht gehört, daß darum die Sicherheit der Geschäfte und die Ehrlichkeit der Kaufl<ute minder groß war. Meinen Großeltern war ein Hinterstübchen in einem befreundeten Hause zum einstweiligen Aufenthalte - eingeräumt worden, und hier war denn auch der große Schrank placirt, der freilich dem disponiblen Raum vielen Abbruch that. Dies behinderte jedoch die drei liebenden Menschen nicht, jenen mit leuchtenden Blicken zu betrachten. Kaum" waren sie in ihrem Zufluchtsorte einig« Stunden wohnhaft, al» Besuch eintraf. Es war der alte Hirschel, der mit vielen Worten ihre Rettung »als ein großes Glück von Gott pries, und seinen Sohn entschuldigte, der wegen dringender Geschäfte erst spät am Abend eintreffen würde. Aber immer langer wurde sein Gesicht, wortkarger seine Rede, als er sich umsah, »znd die Armseligkeit der Umgebung gewahrte, und als ihm auf siin Befragen aufge, zählt ward, was Alles verloren gegangen. Er warf sich auf einen Stuhl und dar, die Tochter hinaus gehen zu. lassen, weil er Wichtiges mit den Eltern zu sprechen hätte. AlS dies geschehen, hob er an: „Nuy, Herr Faudel, wi^ steht eS aber mit der Mitgift meine» Sohnes zu der bevorstehenden Hochzeit?" Aengstlich lauschte er der Antwort. Mein Großvater lächelte sanft. „Habt keine Furcht, Hirsch«!, die hat Gott gerettet und noch etwas mehr." „Gott und seiner Gnade sei gedankt!" erwiederte der Angerebete. „Aber wie? worin? wodurch?" „Ich will eS Euch zeigen. Ihr sollt eS mit eigenen Augen sehen. Ich habe dem Grafen.... fünftausend Thaler auf zwei Jahn zu gutem Zins geborgt. Die Schuldverschreibung liegt iy dem Schranke. Seid Ihr zufrieden? " „Laßt siemich sehen, und ich will Eunn Worten glauben." Mein Großvater nahm ohne Weiteres den Schlüssel, schloß den Cylinder auf, zog das Schubfach heraus, um den Schuldbrief des Grafen heraus jju nehmen und dem ungläubigen Schwäher zu zeigen. Aber der Schuldschein lag nicht an dem Orte, an welchen er ihn hiygelegt zu haben glaubte. Er suchte unter den Übrigen Papieren des Schubfaches, aber er war nicht darunter. Er glaubte zu irren, und suchte, in einem andern Fache, in einem dritten und vierten; nirgendeine Spur. „Um Gotteswillen!" rief der Suchende, „wo ist der Schein de- Grafen!" . . . Aber alles Suche» half nicht» z die Kasten wurden aus dm FLchem gezogen und auch dies« untersucht, aber keine Spur des Papiers. Mein Großvater gerieth fast in Verzweiflung und sein Wehklagen erschütterte selbst den alten Hirschel. „Nun, beruhigt Euch." sprach er, „sollte das Papier weg sein, so lebt doch n^ch der Graf. Er ist

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