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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 14 (1861) · p. Seite 56

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
14 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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56 ein Ehrenmann, und roird auch ohne den Schein Euch die .Schuld nicht adläugnen. Wißt Ihr was, schreibt an den Grafen, just nicht, daß Ihr seinen Schuldbrief verloren habt, sondern baß Ihr abgebrannt seid und einige- Geld nölkig habt. Euren Handel wieder anzufangen, und daß er Euch von Euren Thalern etwaschicken solle. Darüber bekommt Ihr. jedenfalls Antwort, und dann habt Ihr Eure Schuld von Neuem verbrieft. Ich will heute über drei Wochen wieder kommen und Nachfragen. Doch damuß ich alehrlicher Mann Euch schon jetzt sagen, daß ich ohne das Geld die Heirath mein,- Sohnenicht zugede. Lebt wohl bis dabin und nehmt nichtfür ungut." So schieb er, und gab eineder zahllosen Beispiele, wie man in Unglück auf die Hülfe selbst seiner Nächsten nicht rechnen dürfe. Sobald er fort war, begannen meine Großeltern da- Euchen abermal-. Der Schrank wurde zu- und aufgerollt, die Schlösser prodict, die Sache systematisch getrieben, von der untersten Schublade bis zum obersten Kästchen, Allewurde herausgenommen, umqewandt, geschüttelt — aber der Erfolg blieb derselbe. Die Sache war rarhselbafr, denn der Schrank war nicht au» den Augen seiner Besitzer gekommen, beim Herunterstürzen die Schlosser nicht aufgesprungen, und wasollte endlich Jemand mir der bloßen Schuldverschreibung anfangen?... Mein Großvater war in eine unsägliche Unruhe gerathen; . er schrieb nach dem Rarbe dealten Hirsche! einen flehentlichen Brief an den Grafen, aber auch diebeschwichtigte ihn nicht. Es kam die Nacht; die Nacht, welche den bekümmerten Geist in noch tieferen Kummer, dm besorgten in noch düstere Sorgen senkt, und selbst über eine lachende Zukunft den Schleier" der Trüdniß breitet, vielmehr wo Alleschon au-sicht-Ioerscheint. Um Mittemachr sprang der alte Mann von seinem Lager auf und begann da- Wühlen im Schranke noch einmal, und da- Seufzen und Stöhnen und Jammem, alesich abermalnutzlos erwie-, di- Mutter und Tochter den Unglücklichen halb mit Gewalt wieder zu Bette gebracht. Erst gegen Morgen senkte sich ein unruhiger Schlaf auf seine thranenlosen Augen. Aler erwachte, erzählte er dm Seinen, daß ihm im Traume sein Daker erschienen, ihn auf dm Schrank gewiesen, und mit dem Haupte nickend ihm zugesichert habe, daß der Schern doch noch darin fei. Er erklärte seinm Entschluß, den Schrank auseinander zu schlagen, dida< letzt« Brerchea gelöst und di« letzte Fuge offen gelegt sei. Hier aber stieß er auf Widerstand. Diewollte seine Frau nicht zugebm. Der Schrank sei jetzt daeinzige Erbstück, dasie noch von ihren Eltem besitze, da- Einzige, waauihrer ganzen Vergangenheit gereuet wordm; Gott habesosichtbardiesm Schrank allein auder alle-verzehrmdm Flamme unversehrt hervorgehen lassen, baß efrevelhaft sei, die Hand an ihn zu legm. „Wo ist dmn noch ein Winkelchen in ihm, wo eine Spalte, eine Oeffnung, die x wir nicht durchsucht, haben? Gott allein weiß, wo das Papier hingekommm, und wird es unzur rechtm Zeit wieder finden'lassen. Ich leid' enicht, und wenn ich selbst daganze Geld dafür bekommen sollte!" (6<Hxt felgt.) Notizen des Tages. In Warschau har damerkwürdige Schauspiel stattgesunden, daß bei der Beerdigung der in einer Volks- Demonstration Gefallenen die katholische, protestantische und jüdischeGeistlichkeitnedeneinander folgte, unddie letzttremit der höchsten Ehrerbietung von einem Zuge Adliger nach Hause gebracht ward. Unter der Bürgerbelegarion, welche die Ruhe in der Stadt aufrecht zu erhalten hat, befinden sich mehrere Juden. Unter der an Se. Maj. den Kaiser gerichteten Adresse die mit 60000 Unterschriften bedeckt ist, steht die Unterschrift de- Oberradbiner neben der de- Erzbischöfe-. — Dawürrrembergische Staat-Ministerium har ein Gleichderechtigung-gesetz bei den Kammem eingebrachr, daaueinem Artikel besteht: Die staatSdürgerlichm Rechte sind von dem religiösen Glaubensbekenntnisse unabhängig. — Die Berliner juristische Facultät verweigert noch immer einem Israeliten die Promotion zum Dodur juris uiriusquc, und der CulruSminister v. Belhmann-Hollweg har dieses gut geheißen. — In Oesterreich, namentlich in Wien, fanden mehrere Demonstrationen zu Gunsten der Gleichberechtigung der Israeliten statt. — In dem ersten italienischen Parlamente sitzen auch drei Israeliten alS Abgeordnete. — In der darerschen Abgeordnetenkammer wurde der Antrag des Abgeordneten Paur auf Abschaffung der Judenmarrikel (welche die Niederlassung der Juden auf die bestehende Familienzahl und die bis jetzt ihnen verstatteren Ortschaften beschrankte) nach einer zustimmenden Erklärung der StaarSregierung fast mir Einstimmigkeit angenommen.— DaS w ürttem brrgische SraarsnNnisterium hat einen Antrag auf die Abänderung der Verfassung mit dem Artikel: „Die staatsbürgerlichen Rechte sind von dem ReligionSbekennmisse unabhängig," in die Kammem gebracht.— In Wien ist bei den neuen Wahlen Ignaz Kurand a, Redacreur der Ostdeutschen Post." dem eS in dem bekannten Prozesse gelungen, Sebastian Brunner gründlich zu vemichten, in den Gemeinderarh gewählt; derselbe und Simon Winke rstein wurden auch in den Landtag gewählt, so daß, da Banquier Lämel kn Prag gewählt wurde, so weit bijetzt bekannt ist, drei Israeliten in den Landtage» sitzen. -^7 In Warschau haben sowohl die kaufmännische Eorporakion, alauch die Zünfte den Beschluß gefasst, die Juden mit gleichen Rechten aufzunehmen. — Allgemeine Zeitung de« Judeuthum«. Ro. 13. 1861. Leitende Artikel: Wochenschau: Holland — Oesterreich — Polen — Frankreich — Preußen — Jerusalem — Tunis. — Warschauer Vorgänge. — Polrmica. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Preußen: Justerburg, LoltbuS, Leobschütz, Berlin, Berlin, Berlin. — Frankreich: Pari«. Italien: Padua, Padua. Rußland: Schaulen. Zu beziehen durch jede« Postamt uud jede Buchhaudluug Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thal er. Verantwortlicher Redaeteur: ft. Näbe. Verlag MX vax»g«rtxer S CxA* » «einzig. — Druck mx G. Krrysixg ix «ein»ig.

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