Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 14 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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54 und in seinen Farben erblaßte Bild schon ein früheres ersetzt habe,. baS zu dem Glanze beS MeubleS, als es noch im Dorderraume paradirte, nicht mehr paßte. Denn halte man ja schon einmal den Vorsatz geäußert, durch Einsetzung eiye« neuen BilbeS baS hochgeehrte Famlienstück aufzuftischen, Etwas was ich unter keiner Bedingungzugab. — Alles ist verschwunden, was aus der Zeit meiner Großeltern und Ettern herstammte, nur dieser Schrank nicht. Ec allein stellt die früheren Menschenalter meiner Familie vor, und ist mit ihnen von Ort zu Ort gewandert, wobl vier Mal seine Ruhestätte verändernd; er hat allen Wechsel der Verhältnisse mit ihnen durchgemacht, und ist zwei oder drei Mal aus Raumen des Ueberfiusse», aus den Umgebungen eines gewissen bürgerlichen Glanzes in bescheidene Hütten übergegangen und wieder hervorgeraucht zu einer behaglicheren Existenz. WaS Wunder also, daß meine alternden Blicke oft auf ihm ruhen, und dann die Bilder vergangener Zeilen auS ihm hecauSsteigen und vor der Seele vorüderschcetten. Ich sehe dann die rheuren Gestalten vor mir, welche ehemals die Schiebladen geöffnet, den Eylinder aufgerollt, ich höre ihre Seufzer, wenn sie die Schriftstücke verstorbener Geliebten, die darin aufdewahrt waren, in die Hände nahmen, und sehe ihre seligen Blicke, > wenn sie Briefe abwesender Kinder, welche glückliche Kunde brachten oder Papiere redlichen Erwerbes und Gewinnes sorgfältig hinein legren. Wie oft zitterten die Hände vor Hast, wenn ängstlich irgend «in Werthstück gesucht ward,! das sich in irgend einen Winkel versteckt — kurz welche [ Seelenafferte gäbe es nicht, die vor diesem Schranke an irgend einer rheuren Person von den Augen des Kinde-, > deS Jünglings oder des Mannes gewahrt worden. Siehe, da löst sich aus' dem Gewirrt der Erinnerungen eine bestimmte los, sondert sich auS der Schaar und tritt in vollkommener Deutlichkeit vor mich hin. Ja, lieber Leser, ich will Dir aus der langen Geschichte dieses Schrankes , eine Begebenheit erzählen, die vielleicht auch Dich nichts ohne Interesse laßt. — ' Meine Großeltern mütterlicher Seils lebten eine behagliche! Existenz. Mein Großvater harre von seinen Eltern ein! kleines Vermögen und großes Vertrauen ererbt. Er setzte j das Waarengeschaft fort und benutzte das ihm gewordene I Zutrauen zu Geldgeschäften für den umwohnenden Adel, j den er stets mit so vieler Redlichkeit bediente, daß er allseits mir Achtung behandelt wurde. Er ward ein wohlhabender, ja ein begüterter Mann nach damaligen Verhältnissen, wo freilich der allgemeine Besitzstand noch ein so geringer war, daß schon für reich galt,'wer jetzt eben zu den Bemittelten gehört. Seine ungeheuchelte Frömmigkeit, sein Biedersinn und seine Nächstenliebe machten ihn Allen schätzenSwerlh, und sein HauS zu einer Starre der Liede und deS Friedens. Di« beiden, nicht mehr jungey Eheleute befaßen ein« Tochter, meine Mutter, die sie natürlich wie ihren Augapfel liebten, obgleich sie ihr dies lange nicht so zu erkennen gaben, wie es gegenwärtig die Eltern ihren Kindern zu thun pflegen, wodurch die Ehrfurcht und die Zucht genugsam leiben. Damals waren die Kinder noch nicht die Herren im Hause, der Mittelpunkt, um den sich AlleS dreht, sondern untrrthänig den Ettern ln Respect und Gehorsam. — So gingen die Jahre dahin in jenem gleichmäßigen Schritt, welcher derunruhlgen, leidenschaftlichen und freilich auch von höheren Ideen bewegten Neuzeit gänzlich verloren gegangen. Alles hatte seine bestimmte Ordnung und Stelle im Jahre, im Monat, in Woche und am Tage, im Hause, in Schule und Synagoge, im Geschäft und Verkehr. Man war nach Neuem nicht aus, dis Ereignisse der Welt lagen weit in der Ferne, und man ließ sich nur nahe gehen, was einem ganz nahe lag. So wuchs'auch meine Mutter zu einer blühenden Jungfrau heran unter dem Schirme des väterlichen Daches, wo so viel Gottesfurcht und Innigkeit wodmen. Unter diesen Umständen war cS nicht zu verwundern, daß sich mehrere junge Männer um die Hand des braven Mädchenbewarben, unter welchen sie und die Eltern dem Sohne eines reichen Kaufmanns -in einem benachbarten Stäbchen den Vorzug gaben, nicht just weil er reich war, sondern ihm die Fama alle möglichen Lugenden zuschrieb unk seine Persönlichkeit auf das Her; der Jungfrau einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Es war bald Alles in Ordnung gebracht. Die Hand meiner Mutter ward dem jungen Manne, den wir Hirschel neunen wollen, und eine bestimmte Mitgift zugesagt, welche bei der feierlichen Verlobung nach damaliger Sitte in den Tnaim festgestellt wurde. Oer Tag der Hochzeit war auf ungefähr ein Jahr spater bestimmt, und es ging nun seitens der Mutter und der Tochter an ein reges Schaffen und Fördern, um eine tüchtige Ausstattung, wie sie eine Mutter ihrem einzigen Kinde nicht reich genug Herstellen kann, zu besorgen. Um dieselbe Zeit wurde mein Großvater auf das Schloß eines benachbarten Grafen berufen, für den ec schon manche Angelegenheit betrieben hatte, und der einen bedeutenden Grundbesitz in bester Ordnung besaß. Es war die Zeit, wo der König von Preußen in Verbindung mir Oesterreich und den deutschen Reichsfürsten der jungen französischen Republik den Krieg erklärt hatte, und unser Graf, der einen Hoden militainschen Grad in der preußischen Armee bekleidete, wollte sich anschicken, nach dem Rheine abzugehen. Er verlangte von meinem Großvater die schleunigste Herdeischaffung von etwa fünftausend Thalern auf zwei Jahre, worüber er ihm eine Schuldverschreibung einhändigen wollte. Da der Graf bei Gelegenheit solcher Geschäfte sich stets sehr freigebig gezeigt haIt« und auch nicht der geringste Zweifel an die Pünktlichkeit der Rückzahlung bestand, so war mein Großvater sehr erfreut über ein für damalige Zeit so belangreiche- Geschäft, und schaffte die verlangte Summe, in welcher außer seinem Waarenlager und seinem Hause sein ganzes eigenes Vermögen ungefähr bestand, schnell herbei. Mit einem ansehnlichen Geschenke und der wohluaterzeichneten und wohluntersiegelten Schuldverschreibung versehen, kehrte er zu Weid und Kind ganz glücklich zu, rück. Damals paradirte unser „alter Schrank" noch in seinem besten Glanze in der Saddathstube der Großeltern, und nahm alle wichtigen Schriftstücke der Familie in seinen Schoß auf. Ein hinteres Schubfach d«S CylindecS war für derartige kostbare Dokumente bestimmt, wie ein folch.S jetzt der alte Herr mit freudigen Gefühlen hineinlegre, nicht ohne einen innigen SegenSwunfiL auszusprechen. Die Zeit der Hochzeit nahte heran. Ost genug kehrte der Bräutigam bei der beglückten Braut ein, und das Pärchen schien immer enger und fester aneinander, geknüpft. Die ganze Stadt nahm innige» Antheil daran, und sah freundlich der kommenden Feier entgegen, denn Christ und Jude ehrte und liebte die gute» Leute. Ader das Glück