Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 14 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt. Zur Retehrung und Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. Herau-gegeben von Rabbiner vr. Ludwig PhiUppson in MagdebllrA.- Mo. 14. 1861.s von dieser Zeirschrtir erscheint wochenNich eine Nummer. Prei» de» Jahrgang» l Ldlr. Vierieijahrig 7 % Rgr. Alle Buchhandlunge», Postämter und AeitungSerpedinone» nehmen Bestellungen an. [8. Aalrrg. 2. Quartal] Sceneu und Gestalten aus meinem Leben. 6. Der alle Schrank. Di» Menschen lieben eS in unserer Zeit sich als Männer entweder des Fortschrittes ober deS Stillstandes zu bezeichnen. Die Einen blicken verachtend auf die Anderen. Jene glauben diese in den Vorurtheilen einer finsteren Zeit befangen, oder die ungerechten Privilegien vertheidigend, welche ihr« Väter in einer Epoche der -Gewaltthätigkeit sich angemaßr. Diese hingegen brandmarken jene als revolutionär, sitten- und gottlos, die sich zum Untergänge alles RechtS und aller Religion verschworen hätten. Und doch hat meine Erfahrung mich gelehrt, baß sie Beide Unrecht haben, denn in der Thal giebt eS keinen Menschen, der, so eifrig sein Geist auch nach vorwärts dringt, nicht auch Liebe für die Vergangenheit und für die Uederreste vocüdergegangener Geschlechter in seinem Herzen, wenn auch unbewußt, trüge; und hinwiederum mögen die Männer deS Rückschritts sich noch so sehr sperren und adsperren, die Zeit treibt sie vorwärts, sie selbst sind nicht mehr wie ihr Väter, ja nicht einmal wie sie selbst vor zwanzig, dreißig Jahren, und ihr« Kinder werben nicht fein wie sie, denn sie geben ihnen trotz alle dem eine ganz andere Erziehung, wie sie selbst empfangen, die Lehrer, die Bücher, die Genossen sind Andere geworden — wer konnte sich dem entschlagen? . .. Rein! der Moment der Gegenwart ist zu kurz, zu flüchtig, al< baß der Mensch auf ihm beruhen könnte, und so ist dieser nur einem JanuStopfe versehen, und schaut in die Vergangenheit und Zukunft zugleich hinein, und findet da und dort die Gegenständ« seiner Lieb« und seines Widerwillens, und findet da und dort die Ursachen seiner Leidenschaft und Aufopferung. DaS rechte Derständniß bestehet aber darin, unbefangen die Dinge in ihrem wahren Werth« und wirklichen Leben zu erfassen, nicht daS Vergangene und nicht daS Zukünftige zu vergöttern, was »erlebt ist, fallen zu lassen, und was sich unwiderstehlich entwickelt, zu einem rechten Ziele zu fördern. Mögen eS die Leser meiner bescheidenen. Skizzen freundltchst Nachsehen, wenn ich eine emsthafte Betrachtung, die auf das Große und Weite geht, an einen klemm, unbedeutenden Gegenstand knüpf«. Aber was ist klein, was groß in dem Reiche de» Geistes? Und da es «Ich«, Jedem gegebeü ist, in großen und reichen Verhältnissen zu' leben, mögen wir uns wohl frmen, daß es unsre« Geiste möglich ist, fluch vom JtMucn aus zum Großen überzugehen, wie e< «lcht minder oft Sächlich ist, au» dom Großen las Kleine sich zurückzuziehen und sich da recht behaglich zu fühlen. » In jeder Familie, die nicht von gestern ist, finden sich Dinge vereinigr, welche das Vorwärts und da» Rückwärts repräsenliren. Freilich fioden sich überall die Gegenstände deS modernen Geschmackes» die MeubleS und Utensilien der Neuzeit in den möglichst eleganten Vorderräumen zusammen, «ährend die alten Jnvfntarienstück«, die von Eltern und Großeltern ererbten, dieser verblaßt« LuxuS Aner früheren Zeit in den weniger' geachteten und dem Fremdenbesuche verschlossenkn Parcellen der Wohnung aufbewahrt sind. Ader fraglich ist e», oder vielmehr nicht fraglich, welche von beiden die Vorliebe, die Anhänglichkeit de» HerzenS mehr besitzen, wessen Verlust oder nur Verletzung unwilliger ertragen würde? Läßt sich doch da» Neue immerfort ersetzen, aber daS Alte, Uederkommme, wenn e» zu Grunde gegangen, kommt niemals wieder. 'So besitze auch ich eia feit alter Zeit ln der Familie vererbte» Meuble,, da» mir und den Meinigen unsäglich lieb ist. Wenn auch der alte „König». - schrank im letzten Zimmer sich befindet, wird er doch von Alt und Jung gar sehr geehrt und hochgehalren, und selbst die jüngsten der Enkel schauen mit Respekt und Scheu auf ihn. Sie wissen schon, daß sich viele Familientradiriouen. manche» merkwürdige Sfück Glück odev>Mißgeschick daran knüpfen, daß die Geister vseler seligen und unseligen Stunden darin Hausen, und daßl wenn er geöffnet wird, foutut irgend ein merkwürdige» ■ Schaustück oder bedeutungsvolle» Dokument daraus hervorgeht. Freilich unscheinbar ist er nicht, denn er streckt sich gewaltig in die Breite und in die Höh«, und muß seinen Platz wohl verdient haben, - denn ,n begnügt sich nicht mit einem kleinen Winkel. Wa» kann Alle» in diese mächtigen Schiebladen, in diese zahllosen Kästchen, Verschlüsse, Saränkchen, geheime Fächer verborge» werden, welche vielfältig« Räume erschließen sich, wenn der Cylinder de« Mittelrheilt «usgerollr worbm, über dem sich freilich adenybl« breite Schiebladen befinden, und der dann von einem kleinere« Schränkchen gekrönt ist, da« nicht minder seine Schubfächer enthält- Don diesem oberen Schränkchen hat da» Ganz« feinen Ramm, denn in die Thür diese« Schränkchens ist da« Bild eines Königs eingelassen und dieser König ist kein anderer, al« der alte Fritz, aber als er «och jung war, au« den ersten Jahren seiner Regierung. Darum heißt er der ßtönigSschrank, so lange ich mich etwa besinnen kann. Dennoch möchte ich nicht wage», au< diesem Umstande 'tint sichere Meinung über das wirklich« Atter dieses ehrwürdige» Behältnisses aufzustrllm, dm» es konnte leicht geschehe», daß diese«, jetzt so gebrännre