Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 13 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 zu thun roat, verlockt worden. Die Karaim waren außer sich, schossen sofort eine große Summe zusammen' und wandten sich zunächst an einen der berühmtesten Advocaren Odessa'-. Dieser sagte ihnen und sich selber, daß der-Weg des Recht« ein sehr langwieriger und der Junge ganz gewiß längst getauft sein würde, ehe nur die erste Resolution erfolgen könne, dann aber sei e« zu spät. Er riech daher zur List; die acceprirten die Karaim« besten«. Nach unsäglichen Schwierigkeiten und Opfern gelang e« einem ihrer Gesandten, bi« zu den fast hermetisch verschlossen gehaltenen Convertiten durchzudringen und mir dem Jude« eine Unterhandlung zu eröffnen. Al« diesem eine größere Summe gebordy wurde, al« er durch den Glauben«wechsel voraussichtlich zu gewinnen im Stande war, schlug er unbedenklich sein Seelenheil in die Schanze und fand, daß die Religion seiner Väter in der Thar die bessere sei. In einer dunkeln Nacht stand eine wackere Tschetwemia nicht weit von dem Chouror der Fürstin; der Jude hielt Wort und brachte den Knaben. Im Galopp ward derselbe entführt; plötzlich stürzten die Pferde, ein Strick war über die Straße gespannt, wie bei den Beraubungsversuchen hier ganz üblich, und mehrere' wegelagernde Strolche stürzten beutegierig auf den Wagen lo«. Allein sie verrechneten sich; zu Führern hatte man eine genügende Zahl der kräftigsten Karaitensöhne gewählt, und diese empfingen die Räuber so nachdrücklich, daß dieselben glänzend zurückgeschlagen wurden und zwei der Ihrigen auf dem Platze ließen. Die Flucht ging glücklich von. statten. Jetzt erst machte die Sache Aufsehen. Di« Fürstin, unterstützt von der Geistlichkeit,- klagte und verlangte den Knaben in den Schoß ihrer Kirche zurück; allein umsonst, er war Und blieb verschwunden und ist bi« heute nicht wieder zum Vorschein gekommen. Gerade dies benutzten die Gewaltigen, indem sie behaupteten, der Junge sei aus Rache von seinen Glaubensgenossen ermordet worden. Wie ich späterhin hörte, brachte einr Deputation geachteter Karaim« die Sache persönlich vor den Kaiser und bewies, daß der Flüchtling wohlgeborgen lebe; e« ist zu wünschen, daß sie damit ihr Ende erreicht haben möge. Anekdoten. Der Rabbi und der Pfarrer oder „Wie Du mir so ich Dir!" In einem polnischen Städtchen lebten gleichzeitig ein Rabbi und ein christlicher Geistliche, beide hochgelehrt und hochgeehrt.- E« war die Zeit der Bußtage, an denen die Juden sich dort recht frühzeitig, um drei Uhr Morgen« schon, ln da« GotteShau« begaben. Damit e« aber Niemand verschliefe, mußte der Synagogendimer — eine Sitte, die auch heut noch in manchen polnischm Gemeindm üblich — von Hau« zu Hau« gehm und vermittels einiger Schläge an Thür oder Fenster die Leute erwecken. — Der Rabbi, kaum hakte er eine« Nacht« dl« festgesetzten drei Schläge vemommm, al« er sich in die Kleider warf und dem Gotte-Hause zueilte, da« er aber zu nicht geringem Staunm noch geschlossen fand. Tiefe Stille lag über dem ganz«» .Städtchm; Nicht« ■■ -—- - regte sich; der Rabbi war vielleicht außer dem tteum Nachtwächter, wenn dieser nicht gerade in irgmd einem Winkel schnarcht«, die einzige rege Seele. Da stand er und wartet«, adee vergeben«, Niemand erschien. Er suchtt nun die Wohnung de« Synagogeydieners auf, und dieser genoß heut die außerordentlich« Ehre vom Rabbi geweckt zu werden. Wa« machte aber Letzterer für Augen, al« ihm der Synagogendiener fest und theuer versicherte, er wisse von Nicht«; er hätte sich seit gestern Abend« 9 Uhr nicht au« dem Bette gerührt; er erwache -et« von selbst gegen drei, und e« müßte mit Wundem zugehen, wenn er schon darüber hinaus geschlafen habin sollte. Die alte, pünktlichgehende Uhr wurde unter dem Kiffm hevvorgezogm, -°-^ste zeigte „Ein«". — „Ja, '« geht wahrhaftig mit Wundern zu," sagte der Raddi, murmölte ein Geber und schlich sich nach Hause, wo er -noch voille zwei Stundm über da« seltsame Ereigniß Nachdenken i konnte. Dasselbe Manöver wiederholte sich noch einige darauffolgende Nächte. Da« gab der ganzm Gemeind« viel Stoff zur Unterhaltung, zum Denken, zu Vermuthungen. Oer Eia« glaubte, da« Klopfen rühre von einer Seele her, die im Grade keine Ruhe finde; der Andere hielt e« für den Vorboten eine« schrecklichen Ereignisse«, von dem die Gemeinde heimgesucht werden sollte; der Dritte wollte den nahen Tod de« Rabbis vorherwissm.u. s.^iv. Ja, eSwac di«!« eine doppelt emste Zeit, die zu um so größerer Buße antrisd. — Der Rabbi allein schwieg, obwohl er in seinem Spinne da« Richtige sicher getroffen zu haben glaubte. * Widmen wir nun dem.Geistlichen unsere Aufmerksamkeit. — E« war einige Zeit fl»ach jenen »Vorfällen um die MittemachtSstunde; der Himmel hatte die Schleusen geöffnet, und stromweise schoß der Regen herab; pechschwarze Ftnsterniß herrschte ringsum,! von Zeit zu Zeit durch von heftigem Donner begleitttt Blitze stark erhellt — da rollte ein Wagen von schnellfüßigen Rossen gezogen dem Pfarrhauszu. Dort sprang der Linker behend yom Wagen, schellte hastig an, der Nachtglocke und, bald meldete er mir stockendem Athen» dem Geistlichen, e« läge Jemand in den letzten Zügen und harre sehnsuchtsvoll, seiner. Dem Geistlichen blieb keine lange Wähl; er hqtte der Pflicht zu gehorchen; bald hatte er seinen Platz öuf dem Wagen eingenommen, und nun ging«bei Stock und Stein zum Thor« hiuau«. Eine halbe Äkeile hinter der Stadt ümrde gehalten; der Geistliche umfte ooieor volen, den Wagen verlassen, wozu der Kutscher brav Hastd. aulegte. Letzterer jagte im Fluge davon, und der arm« Sselenhirt, wo befand er sich? — Ja, da« wußte er selbst sticht; konnte er doch' seine eigne Hand nicht vor den Augen sehen; dessen nur war er sich bewußt, daß « unter freiem Himmel, den heftigen Elementen auSgesetzt, sich befastd. Ach, der arme Mann, dl« auf hie Haut durchnäßt, von Fiederfrost geschürtes und voll keiner Seite Hülfe erwartend, wie klagte und jammerte er da! Sich von det Stelle zu bewegen durfte er nicht wagen, wenn! er bei dieser grausen Finsterniß sich nicht dem Verderben in hie Hände werfen wollte, und so thar er wohl daran, den Tagesanbruch' abzuwarlen. Jede Minute herber Qualen, gegen welch« feiner später kunbgethanen Ansicht nach die Leiden im Fegefeuer ein Spielwerk sein müßten, schien, ihm ein Jahrhundert. Doch, wie Alle« vergänglich, so wstren e« auch jene verhängniß, vollen Stunde»; — aÜmälig verdrängte da« Licht di« - -.