Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 13 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Vor dem zur Bestrafung de« Schuldigen versammelten Gerichte ist der Abbe Ratisbonne al« Zeuge erschienen. Der Abb>- Ratisbonne har durch seinen Uedertritt in der Well eine Berühmtheit erlangt, welche sein Talent al« Redner wie al« Priester nur unvollkommen gerechtfertigt dar. Seine Bekehrung soll durch eine Vision, durch eine Erscheinung der „Mutter Gotte«" und ein Wunder, da« jener folgte, geschehen sein. Die katholisch« Kirche machte einen großen Lärm von diesem Uedertritt; es sollte eine neue Erleuchtung eine« modernen Paulus auf dem Wege nach Damaskus sein. Die Kirche ist nicht mehr allzu sehr an die wunderbaren Bekehrungen gewöhnt, um dieser da nicht allen Glanz allen Nachhall zu leihen und sie mir allem Pomp in Scene zu setzen, welche ihr ihre Kicchenpracht gestattet. Der Abbv Ratisbonne trug das ganze leidenschaftliche Feuer der Neudekehrten und den übertriebenen Eifer der Neophyten in sesti neues Amt. Um seine Adschwörung zu rechtfertigen, hätte er gern'AUe« bis auf den Namen diese« lästigen Judenthum«, dessen Andenken doch wohl öfters sein Gewissen in Unruhe versetzte, verwischen mögen; und da wir, Gott uns den Fortschritten der Civilisation sei Dank, nicht mehr in! den Zeilen leben, wo man den Glauben durch Scheiterhaufen, Foltern und Ausrottung der Ungläubigen aufzwingen konyle, ist man genöthigt, friedlichere Mittel anzuwenden. St. Paulus, sein altes Vorbild, hatte im ausgedehntesten und geschicktesten Maße die Bekehrung der Heiden geübt. Der Abd«> Ratisbonne unternahm bescheidner und mit weniger Eefolg die Bekehrung der Juden. Er gründete ein Haus, das eigen« dazu bestimmt ist, die wenigen Kinder Israels aufzunehmen, die einwilligen würden die Taufe zu empfangen. Dieses Hau« heißt Norre Dame de Sion. Man erzieht in demselben die armen jungen Mädchen, die es gelingt von ihren Familien zu erhalten, in den Grundsätzen der katholischen Religion und in den Klofterregeln. Durch welche Mittel verführt man hierzu die -unglücklichen Ettern i E« ist nicht zu schwer zu begreifen. Man speculirt auf ihr Elknd, auf ihre sittliche Verderbniß; an die Classe der kleinen Hausirer, der Bedürftigen, für welche die Kinder eine Last sind, und die ihre Bedürsttisse nicht befriedigen können, wendet man sich. Man läßt vor ihren gierigen Blicken einige Hände Goldes blicken; man spricht ihnen von der von jetzt ad gesicherten Zukunft ihrer Töchter und man bringt sie auf leichte Weise dahin, ihr Gewissen und die Seele der armen Geschöpfe, die Gott ' ihrer Sorgfalt anverlraur, zu verkaufen. Und die Bekehrer schleppen mir Siegesgeschrei die jüdische ebm erbeutete Seele in die düsteren Klosterzellen. O. die schöne'Eroberung, in der That! O, der ruhmwürdig« Sieg! Und wie Recht haben sie, sich zu brüsten über diese moralische Niederlage der Armuth im Kampfe mit der Elternliebe und der Liede zu Gott! Leichter Triumph, welchen der jüdische Proselytismus, wenn er existiere, ebenso leicht erlangen würde, wenn er für Goldeswerth die Adschwörung einiger katholischen Bettler erkaufen wollt«! Soweit ist es gekommen und dahin erstreckt sich der Eifer dieser modemen Saulus, di«, nachdem sie den mütterlichen Schoß der Synagoge verlassen haben, sich bemühm, ihr die jungen und armen Linder, die sie noch mir ihrer Muttermilch nährt, zu entteißen, indem sie die beklagenswerrhesten Leidenschaften der Menschheit ausbeuten. Aber es ereignet sich zuweilen, daß dieser mit irgend einem unwürdigen und unnatürlichen Barer abgeschlossener Vertrag plötzlich gegen ein unerwartetes Hinderniß stößt. Eine fromme und entsetzte Mutter, eine Großmutter mir weißem Haar stemmen sich gegen diesen alles Heilige fchändendm Handel und verlangen mit großem Geschrei, im Namen der entwürdigten Familie, im Namen de« vergessenm rächenden Gotte« ihr Kind, al« ihr einzig« Glück, die einzige Freude ihrer düsteren Tage, da« man ihrer Liede entzogen, zurück. Sie legen Bemfung bei der Gerechtigkeit de« Gesetze«, bei der Entrüstung der öffentlichen Meinung ein. WaS ist zu thua? Soll man die*mik^ so vieler Mühe ergriffene Beute fahren lassend Darauf beginnt ein ganze« System von Listen und Verstecken«. Das zurückgeforderle Kind verschwindet. Wo ist eS? Wer kann es wissen? Vermöge einer Art Solidarität im Proselytismus, vermöge des Geheimnißvollen, welches die religiösen Gesellschaften des Katholici'smu« beschützt und umgiebt. Dank den Hülfsleistungen, die sie sich gegenseitig leisten, wenn eS sich darum handelt, ein BekehrungSwerk zu begünstigen ober zu fördern, bas verschwundene Kind findet sich nicht wieder. Man läßt«« unter falschem Namen, unter lügnerischen Bezeichnungen von Kloster zu Kloster bringen; man macht auf diese Weise die Untersuchungen der Behörden, die Nachforschungen der verzweifelten Mütter unmöglich; oder auch, man entschließt sich endlich, wie bei der Angelegenheit Mallet, den Familien das beweinte Kind wieder zu geben; aber die heftigen Eindrücke, welche durch di« junge Seele gegangen, haben feinen Verstand erschüttert und seine Gedanken verwirrt; das arme Geschöpf ist wahnsinnig, und e« ist nur noch «in stumpfer Körper und ohne Seele, welchen aus den Händen der Bekehrer zu reißen, feiner alten Mutter gelungen ist. Der Prozeß, der soeben vor den Afsisen zu Douai verhandelt worden, hat zur glücklichen Folge gehabt, alle diese Kunstgriffe aufzudecken. Die armen Familien in Israel wissen jetzt, daß ihre Töchter das Ziel eines wilden ProselytiSmuS sind, der vor keinem Mittel zurückbebt, wenn es gilt seine Absichten zu erreichen. — Die Mütter in Israel wissen nun, daß man darauf auSgeht, ihnen ihre Kinder, die Seele ihrer Seele, das Fleisch ihres Fleisches zu entreißen. Mögen sie wachen über diesen köstlichen Schatz, wie über ihren Augapfel!" Die Entfühmng. Der „Cciminalzeitung" wird von einem russischen Correspondenten Folgendes mitgetheilt: Au« einer Karaittnfamilie verschwand der Sohn, «in Junge von 15 Jahren. Sorgsame Nachforschungen ergaben, daß er sich auf dem Landhaus der FürjÜn G., einer sehr frommen und bekehruagslustigen Dame, befände und am Pfingstfest« mit noch einem Juden, einem Mohren und einem Zigeuner zusammen die heilige Taufe empfangen sollte. Er war durch den Kammerdiener mit Hülfe de« bekehttm Juden, eines schlauen Burschen, hem e< nur um den Pathenpfenaig