Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 11 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 gern von ihm, schon um gelegentlich mit ihm zu scherzen, — und so nährte er sich und sein liehe- Weib Gittel leicht und anständig. ES darf nämlich nicht außer Acht gelassen werden, daß zu damaliger Zeit für Leute feine- Slandezum Anständigleben eben nicht viel gehörte, indem man die ganze Woche über sich bian die Grenze de-Dardeneinschränkte und nur mit dem heil. Sabbath «ine glanzende Ausnahme machte. — Bei Gelegenheit sei erwähnt, daß Zaune, alS er mit seiner Gittel den-ewigen Bund schloß, in der Gemeinde zwei Parteien hervorrief, derm eine diesen Schritt für seine größte Narrheit, die andere für seine größt« Klugheit au-schrie. Die Folge verschaffte der letzten Ansicht den Sieg, und zwar in so hohen Grade, daß keine andere noch so hohe Klugheit von vor- und nachher sich mit jener messen durfte. Gittel liebte ihren Zaunein der That milder, innigsten Zärtlichkeit einetreuen Weibe-; sie fiihlte sich glücklich in seinem Besitze und ewird edaher Niemand auffallend finden, wenn sie die ganze Woche über darüber nachdachte, wie sie ihrem lieben Zaune einen recht vergnügten Sabbath bereiten könnte; — das Haupt- und Leibgericht, die sogenannte Kugel durfte oder sollte wenigstennicht immer audenselben Zngredienzen bestehen, und dakostete bei dem damaligen Mangel an Kochbüchern viel Kopfzerbrechen-. — — Wir wissen nun, wer und was Zaune war, und bezüglich seiner Rgrrheit dürfen wir nicht beanstanden, dem Zeugniß einenoch lebenden seiner Zeitgenossen zu vertrauen, der in Entrüstung über daunselige Treiben der ganzen Jetztwelt sich in Klagen ergehend folgende originell« Bemerkung verlauten läßt: „Die jetztige Welt— ist das e Welt — nit 'nmal n richtigen Narr'n find't man mehr; — seit Zaune weg ist, soll noch Einer ufsteihn; 's lacht Kein'- mehr vor und in der lieben Schul'!!" — Zaune hatte neben der Gewohnheit — versteht sich, mehrere andere ausgenommen — imGehen mit höchsteigner Person sich vernehmbar zu unterhalten, auch die, daß er Mitten im Gespräch mit Andern ohne jede Bezüglichkeit die Formel hinwarf: „Ich kenn hundert Jahr' leben — was Hab' ich denn für Dringe- (Sorgen)?— Ob er der eigentliche Urheber dieser Formel war, ist nicht mit Sicherheit anzugeden; wahrscheinlich hatte irgend Jemand in ernster sorgenvoller Stimmung, dem die zufällige Anwesenheit des in albernen Reden unerschöpflichen Zaune ungelegen sein mochte, fragliche Aeußerung auf Letztern bezüglich fallen lassen, die Zaune, vielleicht ob ihrer trefflichen Wahrheit sogleich, in sich aufnahm und zu Fleisch und Blut verwandelte. Doch, sei dem wie ihm wolle, ob er diese Formel ausich geschöpft oder einem Dritten verdankte, kann ausschließlich ziemlich gleich bleiben.— Ich kenn hundert Jahr" rc. verflocht er fast immer in da- Gespräch, und gab« diese Bemerkung, die in seinem Munde recht drollig klang, anfangs auch Stoff zum Lachen, so ward sie, wie alle- Andere, daeinmal den Reiz der. Neuheit verloren, allmältg gleichgültiger, ja erweckt« wohl gar im Gemüthe eines. Andern eine gewisse unangenehme Empfindung. — „Dieser Zaune", dachte Mancher bei sich, „dieser Allerwttt-narr soll der zufriedenste und, glücklichste unter un- Allen sein? Heißt danicht eine schreiende Ungerechtigkeit de- Geschicks? Heißt danicht augeascheinllch die Klugen zum Narren halten? Und wer ist der Narr und wer ist der Kluge?" — O, hätten ihr nur bedacht, daß die Narren von jeher stetdie harmloseste» und glücklichsten Geschöpfe von der Welt waren und enoch heutzutage sind, Zaunes leeere Redensart, die nicht im Entferntesten zur Erhöhung feine- Glückbeitragen konnte und ebenso wenig die Erregung de- Anstoßezur Absicht hatte, würde euch sicherlich nicht zu jmm fürchtbaren! Betrachtungen geführt haben! — Aber was? Einige hartherzige Witzdolde hatten beschlossen, Zaunehundertjähüg« Lebm io spe abzufchnekden, und hierzu sollten so früh als möglich Anstalten getroffen werden. — Armer Zaune Ewar eines schönen Freitag- Gittel hatte dereits mit einiger Hülfe ihrer gel edren Ehehälfte Mehl zu Kuchen und Barche- (Strietzel), L dkuchen und Syrup zu Fischtunke, Aepfel und Zwiebeln unh Rosinnen und Mandeln und wer weiß was noch Allezue Bereitung de- Culminationßgerüchrs, der Kugel, besorgt; — auch lagen Fische und Fleisch und Eier und Rettig und wer kann sich da- Allemerken, bunt durcheinander. Im Zustande äußerster Wonne und Glückseligkeit fand Gittel kaum Zeit, ihr strahlend Auge auf. die Fülle de- Segenzu heften, »vorüber man sich nicht verwundern darf; denn ihr stand heut.ein hübsch Drück Atdeir, di« Rüstung zum heil, l Sabbath bevor, so da? Händel uüb—Füße vollauf zu thun hatten. — Wir wollen nun Vsi gute Gittel bei ihrer Arbeit nicht stören; eköynte ihr sonst, tvenn wir die Geschäftigkeit ihrer Hände betrachten, leicht etwamißrathen, und dahätten wir bann1 auf unserem Herzen zu tragen. Schenken wir Zaune wieder unsere Aufmerksamkeit und folgen wir ihm auf die Suaße nach dem Stadthore zu, wohin er jeden Freitag seine Schritte zu lenken pflegte. Zaune, mit seinem Waarenbündel uricerm Arm hatto-kaum hundert Schritt zurückgelegr, als ihm einer, jener bereits fchon erwähnten Witzbold« einen guten Morgen wünschte und nach kurzem Gespräch die nutleidige Frage an ihn stellte, ob er denn trank wäre, er sähe gar so blaß au-? — „Daß ich Nicht wüßt'! warf Zaun« ein und setzte seinen Weg fort. Hundert Schritt weiter wird er von einem Zweiten angehaltea: „Wohin, Zaune? — rift siehst Du doch au-, j blaß wie die Wand und schleppst dich noch so weit?" —,Da-, hat mir Jener Nuch schon gesagt," erwiderte Zaune etwas verstimmt. Obwohl er bei sich dachte: „Wenn zwei sagen schicken (trunken), so leg dich schlafen!" und sich plötzlich wahrhaft 'krank fühlte, schritt dder schleppte er sich vielmehr nichtdesto weniger vorwäilS. Wiederum hundert Schritt! Ein. Dritter: „Zaune, Zaune, wasthust Du dochI — kannst doch kaum noch krieche« — bist Du tobt oder lebend? wart', wart' — ic) werd' Dir helfm — (faßt ihn) — Zaune, Kalk ist schwa>z zu Deinem Panim (Gesicht) — Zaune, wie ist Dir doch? Du brichst mir doch über'» Haufen!" — „Ich fall' in Chelosche- (Ohnmachr)" seufzt Zaune und sein Beschützer ruft: „Hilfe, Hilfe!" Ein Dieter und die beiden Ersten, die bereitauf der Lauer gelegen und diesen Moment abge- -wartet hatten, kamen im! Nu hipzugesprunßen. Zaune wurde von allen Seiten mit kalt gemachten Händen betastet, di« Köpfe wurden mit emster Bedenklichkeit geschüttelt, dis endlich Einer wii rasend ausrief: „Der Malloch hamowes (Tod«-engel,ikst da -7saht ihr ihn?! — er hat ihn schon gepackt 'U- (Einer bestreicht ihn mit kalter Hand^Jaune ist weg — tobt!" „ Tobt ist Zaunii!" wiederholtesich mehrstimmig. „Schema Israel (Höre Israel — ein Ausrufich dm tobt!" dawaren die letzten Worte, di« Zaune ft