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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 10 (1861) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
10 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 und Der selbstverleugnenden Liebt zu unseren verirrten Nächsten fdvurrn, und dis diese aufgeklärte öffentliche Meinung Die Oberhand gewinnt." Wie eS um die Heiligkeit der frommen Männer steht, von Denen oben die Rede ist. wird in folgendem, offenbar der Wirklichkeit enklebmem Eharakterdilde auseinandergesetzt. ..Unter den zahlreichen Hebräern, welche die St-rdt B. (Gouvernement Grodno) bewohnen, war Red N. durch seine strenge Frömmigkeit, feine tadellose Ehrlichkeit und seine tnfe Kenrnniß VeS Talmud berühmt. Viele Zähre hindurch blickten seine Glaubensgenossen au/ ihn, wie auf ein überirdisches Wesen, und wollten ihn sogar nach dem Tode ihres Rabbiners;u der erledigten Würde erheben. Allein Red R. lehnte Diese hohe Ehre ab, indem er die Geringfügigkeit s..ner Verdienste und den von «hm geleisteten Schwur vorschützte, fein Lebelang alle Versuchungen der n»enschlichen Eitelkeit zu meiden. Dergleichen Reden, mit tiefer religiöser Zerknirschung gesprochen, stellten ihn natürlich noch höher in der öffentlichen Meinung; Alt und Jung vereinigten sich in dem Lobe Red N.'S und verehrten ihn wie einen der se ch S un d s rei ß ig Gerechten. Sein Ruf beschränkte sich ni-Kt auf die Stadt B.; in den entlegensten Winkeln LutbauenS sprach man seinen Namen mir Ehrfurcht aus und beneidete die Einwohner von B um die besondere Gnade GolteS, die ihnen einen so heiligen Mann beschert harr,. Zeder reiche Hebräer war bereit, seinen Kindern Tausende alS Mitgift zu grben, um sich nur mir diesem religiösen Lumen zu verschwägern, .in der Uederzeugung, daß er dadurch seine auf Erden begangenen Sünden tilgen und nach seinem Todegeradewegs in das Paradies kommen werde. „So galt Reb N. in den Augen der Menge für einen wahren Heiligen; vor dem VenohnungStage (Juni lupwa) und anderen hohen Festen strömte das Volk zu' ihm in Schar.», um feinen Segen zu erstehen. Und wie konnte man auch daran zweifeln, daß ihn der Himmel vorzugsweise deaünst'ge s Er hatte ihn init einer zahlreichen Nachkommenschaft beiderlei Geschlechts beschenkt und ihn in allen seinen Geschäften und Geschäftchen mit reichlichem Erfolg gesegnet, der ihn in den Stand setzte, sich ein nettes Häuschen zu bauen und seinen kleinrn Handel, zu vergrößern. E» verging kaum «in halbes Jahr ebne ein für ihn freudig,« Ereigniß; einmal verhelrarbeke er ernen Sohn, dann wieder eine 'Tochter, und zrpar mit einer höchst anständigen Mitgift. Das Volk sah ustd staunte in andachtsvoller Bewunderung. ..Nach und nach begann Red N. den Handel im Großen zu betreiben; er schickte sogar Getreide in'« Ausland. Bisweilen traf es sich, daß ,s ihm zu einer Spekulation ast' Geld fehlte; er wandte sich dann an Einen und den Andern um ein Anlehen, das ihm ohne Zögern bewilligt wurde - ja, man bat ihn, nur recht viel zu nehmen. „Wir inüss. n die Zierde unseres Israel unterstützen," meinten die guten.Leut,. U.drigenS genoß Reb N. einesolchen Erediks schon lange. Wenn ein liebevoller, sorgsamer Vater (deren rS bei uns nicht wenige giedt) seinen jungen Sohn verheiralhrte oder einen Bräutigam für seine dreizehnjährige Tochter fand, so trug er die Mitgift zu Red N.; bei dem war das Geld ja .sicher aufgehoben und wurde noch dazu gut verzinst. Uno in der Thar war es sicher aufgehoben! Diese kleinen Lapitalien bilderen zusammen ein große- Cal piral, daS der fromme Mann sorgsam hütete und nie wieder herauSgab. „Mir der Zeit hotte man jedoch unseren Reb N., i versteht sich nur voller religiöser Ergebung in den Willen ' de- Himmels, über Unglück in allen seinen Unternehmungen klagen, und an einem trüben Octoberabend, der die Seele des Menschen zur Schwermuch und traurigen Gedanken stimmt, erklärte er öffentlich in der Synagoge, nach einem warmen Geber und einer beredten Predigt über die Eitelkeit dieser Welt, daß ihn Gott mit einer schweren Prüfung > heimgesucht habe; daß ec ein ruinicrer Mann sei und seinen letzten Groschen verloren habe. Seine Gläubiger : bat er, stch einstweilen zu gedulden, indem er unter Anderem den Spruch Hiod's anfühcle: „Ich bin nackend! von meiner Mutter Leide gekommen, nackend werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat eS gegeben, der Herr har eS genommen. Amen!". „Amen!" wiederholten alle guten, leichtgläubigen Israeliten. „ES vergeht ein Jahr, es vergeht ein zweites. Der fromme Mann lebt in alter Weise fort; auS seinem kleinen HäuSchen wird ein stattliches Haus, stine letzte Tochter vermählt sich mir einem steinreichen Gatten, nicht ohne selbst eine sehr anständige Aussteuer zu erhallen, und Nachbar Moschka weint und klagt, daß Red N. ihm sein kleines ' Grundstuck genommen, um sein eigenes damit zu vergrößern. (Kommt ein Gläubiger zu ihm mir der Bitte, ihm daS Sttnige wieverzugeden, so holt Red N. mit zerknirschter ' Miene und tiefen Seufzern das Buch Hiob aus der Spinde j hervor und rärh ihm, es zu lesen und sich wegen irdischen Ungemaches und um den Verlust irdischer Güter zu trösten." Wir verlassen diesis Bild ä U „Geheimnisse von Paris" 'und gehen zu einem anderen über: Aus Polrawa wird die Einführung eines jungen und aufgeklärten Raddiners i gemeldet, der sich aber Dadurch von vornherein mir seiner i Heerde verfeindete, daß er es wagte, an Wochentagen einen! Frack zu tragen. Aehnlich, und noch schlimmere Züge I Fanatismus werden aus Berdilfchev und anderen Stätten v,richrer. Etwas über den Instinkt. lLLUtst.. Andererseits ist die Frage, ob die den Menschen unrergeordnelen (schöpfe irgend welcke» bewußten Vernunft- . processefähig feien, oft genug dlScurict worden, ohne Daß! eS zu einer allgemein übereinstimmenden Lösung gekommen! wäre. Beispiele merkwürdiger Klugheit von Seiten Der! HauSehiere sind als Beweise von Vernunftthärigkeit beii gebracht worden. Jndeß lassen sicd jene auf das unde-! wußte Nachahmungsvermögen zurückführen, das selbst im Menschen oft alS blinder Trieb wirkt. Bisweilen nimmt man di« bloße Ideen-Association in den Thieren irnhüm» lieb für das höhere Princip, das in dem Menschen refleetirt, unheilt und danach Ursachen und Wirkungen verknüpft. Wenn der Hund seinen Herrn das Gewehr von der Wand nehmen sieht, so zeigt er durch fröhliche- Wedeln und Bellen den Vorschmack der Jagdlust. Er reflectitt nicht über dafrüher genossene Vergnügen. sondern

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