Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 9 (1861) · p. Seite 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
9 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4908862-5999360-6026408--1838-4910315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

34 Blick irr, führen, um Dortheile für sich zu gewinnen, die Wahrheit verhüllen und verstellen, um sich zu fordern und zu befestigen — ja, fo w»r rechte Menschen sind, w-r er auch war, was er vollbracht und erreicht, was er gerhan — wir betrauern ihn, nicht weil er nun tobt ist, und seine Herrschaft und seine Herrlichkeit verloren hat, und nun modert in der Gruft wie alle Erdenkinder. nicht seine Heere, nicht seine Schatze, nicht sein« Rechte und seine Pflichten konnten ihn davor schützen — sondern, wir betrauern ihn, weil er König war, fo viele Deranyvortlichkeit, fo leicht ihm Jrrrhum und doch so folgenschwer, so nahe der Kehlgang, und doch fo schicksalsgroß, so viel Verführung, und so verzeihlich die Schwache, und doch so groß die Schwierigkeiten — so kommt er in die Gruft!.... Und nun am Grade dieses Heimgegangenen Königs? — Es ist wohl Niemand in dieser Versammlung, der dem . Verewigten naher gestanden, in seine Persönlichkeit einen kiefern Blick geworfen — aber seine Geschicke als Mensch sind uns Allen bekannt? Seine Jugend stand auf verlorenen Schlachten, wo der Ruhm des Heeres Friedrich'« des Großen in den Staub gesunken, stand auf den Trümmern des Vaterlandes, stand am Grade einer hochgesegneten Mutter. Die Blüthe seines ManneSallerS mußte rhat- und fruchtlos blüb.n, denn erst al« er weit über die Mittagshöhe des Lebens war. bestieg er den Thron und kein Pfand seiner musterhaften, ehrlichen Lied« trug er auf den . Armen und im Herzen. Welche Stürme umrangen die Zeit seiner Regierung! Ihr Wehen begrüßte ihn schon am Fuße des Thrones, schwoll immer mehr an, kam immer naher, und "^rollte bann furchtbar über sein Haupt dahin. Und fein Alter, die letzten Jahre seines Lebens — darauf sind gesprochen die Worte des großen Dulders Hiob 17, 1.: „ Mein Geist ist gebrochen, meine Tage verlöschen,- für mich -ist nur bas Grad!" — Alle, die ihn von Jugend auf gekannt, wußten seinen scharfen, gediegenen, kennmißreichen Geist und fein edles, gefühlvolles Her; zu rühmen — aber so groß waxen die Täuschungen, die bittern Kämpfe und Schmerzen seines Ledms, daß fein Herz abgewendet ward, und selbst das Wort der Gnade seinem erlauchten Nachfolger Überließ, und daß sein Geist dem gebrochenen Leibe und den Schmerzen des Siechrhums erlag — so schwer sein . Geschick, daß wir nicht auscufen können mir Hiob 5, 26 : „ Du gehst mit Kraft noch in die Gruft, wenn sich Dein Gradeshügel hebt zu-seiner Zeit!" — Und an solchem Grab« stehend, wie sollten, wie könnten wir nicht trauern, wie drangt sich nicht aus jedem gefühlvollen Menschendeczen das Gebet: „ Sanft seien Dir des Thales Schollen!" II. Wir stehen, denken und fühlen am Grabe des Königs zweitens als Preußen. Meine Freund«! Was Ist eS, was die Stellung eines Königs so überaus schwierig macht, und waS bei der Beurtheilung einer Regierung durchaus in ^Betracht kommen muß? Daß ein König immer, nur eifl' Individuum, ein Eiazelmensch bleibt, und doch für viele Millionen einstehen, denken, fühlen, sorgen, handeln muß? Er bleibt immer nur eine bestimmte Persönlichkeit mir besonderen Anlagen, mit einer gewissen Ausbildung, mit einem begrenzten Charakter, in Ansichten, Richtung, j Willenskraft, Energie individuell, und aus allem diestm 'soll ec nun heraus, und seine ganze Zeit begreifen, am Alten nicht eisern hängen, dem Neuen nicht maßlos sich hingeden, Aller Rechte bedenken. Aller Bedürfnisse erwägen. Aller Wünsche berücksichtigm — fürwahr! eine Riesenaufr gäbe! Und nun, nicht etwa in einer gemessenen, ruhigen, im alten Gleise schriftweise wandelnden, althergebrachte Ordnung wahrenden Zeit, wie ehemals, sondern einer so beweglichen, umgesialtenden, dahinstürmenden Zeit gegenüber wie die unsrige — ein Riesenwerk! Wer darf sich da wundern, daß König und Zeirrichtung, daß Herrscher und Volkswünsche da öfter in Conflict kommen, im Widerspruche stehen? Wer darf sich da ein Urtheil anmaßen aus Einzelnem heraus, selbst ein Einzelner? Halten wir uns daher an die großen und allgemeinen Resultate. Unser Vaterland, dieses Preußen, ist unter des heute von uns betrauerten Königs Regierung aus einem absoluten Staate zu einem ' konstitutionellen geworden, b. h. aus dem alten Staate, wo des Königs Will« allein "bas Gesetz war, zu dem neuern Staate, wo das Volk mit der Krone im Verein das Gesetz; giedt und vollführt, wo die Verwaltung oeS Staates zwar vom Könige ausgehr, aber dem Volke verantwortlich ist. Welch' ein ungeheurer Erfolg! Kaum zwanzig Jahre wahrte die Regierung des verewigten Königs, und doch ist fo; Großes unter ihr geschehen, vielleicht Größeres als die kriegerischen Helbenthaten des großen Friedrichs! Und wenn es nun wahr sein mag, daß ein, in den Ideen und ' Gefühlen deS VssolutiSmuS ergrauter Monarch nur ungern > zu solchem Entschlüsse kam: so gab eS doch eine Zeit, wo es ihm leicht gewordm wäre, die Verfassung wieder auf- | zuheben — wie es Andere wirklich gerhan — aber Friedrich Wilhelm IV. gab und beschwor und hielt aufrecht die Ver-! fassung. Dafür muß ihm das preußische Volk ewig dankbar l sein. Und wenn es auch wahr ist. daß eine reactionaire ' Partei in dem letzten Jahrzchend daS Ohr des Königs . umlagerte und die Verfassung durch alle mögliche Mittel zur Täuschung zu machen suchte: so lieget gerade darin der Beweis, daß der König große Festigkeit üben mußte, um > die Verfassung nicht aufzugeben, daß die ganze Frage, ob E Rückkehr zum Absolutismus oder Bleiben in der Verfassung, ' ihm Noch nicht so entschieden erscheinen mußte, wie unS, da eine starke, ihm so nahe Partei noch für dasGegentheilwar und wirkte. Und wenn allerdings auch Über unser Vaterland Stürme gingen, bevor jene Grundgesetze des neuern Staates, Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze und ' Verfassung in seinem Umbau geltend wurden — wie gering, wie unbedeutend waren sie, wie kurze Zeit dauerten sie. wie : Wenige gingen dabei zu Grunde, wie wurde die Wohlfahrt, her öffentliche Besitzstand so wenig davon berührt — wenn wir einen vergleichenden Blick auf die Umwälzungen Frankreichs im vorigen und in diesem, Englands im vorvorigen Jahrhundert, einen vergleichenden Blick auf die Erschütterungen in Oesterreich, wie sie dort waren und noch bevorstehen, weil dort der Monarch die Verfassung wieder aufhob, werfen — fürwahr! dann werden wir dem verewigten Monarchen den höchsten Dank spenden, und vergessmd des Ein^lnen, für seine großen allgemeinen Dienst«, die er dem Baterlande, die er seinem Volke leistete, fein Andenken segnen für immer. Ja, Preußen ist unter Ihm ein in Gesetzlichkeit freier Staat geworden, hat dadurch eine weite Bahn nach großer Entwickelung betr^^^^dadurch moralisch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.