Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 8 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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Beinen und Füblfäden, gebt die Wabe entlang bizur j Mündung des Stockes, steigen die Luft, fliegt hinauf aufs Feld, läßt sich auf die geeigneten Blumen nieder, saugt den Saft ein, streift den Blüthenstaub ab, knetet beides zu Kügelchen, die sie m die Fußtaschen rhut, kehrt dann in den Stock zurück , und legt hier das Gesammelte: Honig, Wachs und Nahrung nieder. Hier verarbeitet sie nun mittels ihrer Klauen und Fühler, das Wachs zu einer '"eck-eckigen Zelle mir rautenähnlichem Boden, besten j drei Platten sich unter solchen Winkeln an einander schließen, daß ne beim Bau der Zelle Raum und Stoff sparen. All' diese mannigfaltigen Verrichtungen führt die Biene am ersten Tage ihres Lebens ebenso geschickt aus, wie ihre erfahrensten Mitbewohner de» Stockes. Der Neuling sucht die blumigen Gefilde mir noch ungeübten Schwingen auf und kehrt unbeirrt von seinem ersten Zuge auf geradestem Wege durch die pfadlof« Luft in seine Wohnung zurück. Das ist Ein Beispiel aus der reichen Elaste von Thatigkeiten, die von allen Seiten als instinktiv im strengsten - Sinne anerkannt werden. Zn der Tharsact^ baß die verborgenen Kräfte, welche die Biene drängen, Honig zu' machen und geometrisch geregelte Zellen zu bauen, schon bei ihrem ersten Aufrauchen vollkommen entwickelt erscheinen — in diestr Tharsache erkennen wir daschlagendste Merkmal des Instinkts: seine Existenz vor aller Erfahrung oder Unterweisung. Die Znsektcn-Geschlrchrer liefern uns mebr als Ein Beispiel: daß bas Neugeborn« niemals seine Erzeuger mir Augen siebt, so baß ihm demnach alle Möglichkeit adgeschnitten ist, auS Unterricht oder Nachahmung Nutzen zu ziehen. — Oie Einsiedler-Wespe B. baut ein trichterförmiges 'Nest. Nachdem sie ihre Eier gelegt: schafft sie eine Anzahl lebendiger Raupen herbei und steckt sie in ein Loch, tas sie in der Nahe eines jeden Eies angebracht har. So sorgt sie für den jungen Wurm, daß er, sobald er auS dem Ei geschlüpft, hinlängliche Nahrung nabe bei der Hand finde, di» er groß genug, für sich selbst zu sorgen^ Das Merkwürdigste aber ist, daß die Wespe den Raupen,' bevor sie dieselben in das Nest schafft, eine Wunde beibringt, um sie für die Ruhe und das Leben des jungen. Wurmunschädlich zu machen, ohne sie jedoch völlig zu tobten, da .sie dann in Verwesung übergehend, zur Aufbewahrung nicht tauglich waren. Die Welpe selbst aber nährt sich weder von Raupen, noch har sie jemals eine Wespe gesehen, die für ihre Nachkommenschaft vorsorgr. Sie bat nie einen solchen Wurm gesehen, wie er aus ihrem Ei hervorkommt und kann nicht wissen, daß ihr Ei einen Wurm erzeugen wird; überdies ist sie langst todt, bevor der Wurm in's Dasein tritt. Sie wirkt demnach blindlings; ohne zu ' wissen, daß ihr Wirken einem nützlichen Zwecke diene, wirkt sie zu einem bestimmten und wichtigen Zwecke; ihre Handlungen stimmen mit denen aller Einsiedler-Wespen überein, die vor ihr gelebt haben und nach ihr leben werden; so! daß wir gcnotbigt sind, diese nicht durch Unterricht erworbenen > Fähigkeiten irgend einem steten Antrieb zuzuschreiden, der in der besonderen Organisation der Wespe wurzelt, auf irgend einen angeborenen Takt zurückzuführen, welcher der Gesammtgartung eigner, von dem wir, da sich nichts Derartiges in unserem Organismus vorfindet, nur eine sehr dürftige Vorstellung baden, dem wir den Ausdruck Instinkt leiben. i Der Instinkt ist aber nicht nur vor, sondern auck j über aller Erfahrung und bringt oft die Thiere dahin, diese zu mißachten, da der ihnen von .Natur eingepflanzte Impuls ihr bester Führer ist. Die Brieftaube, die auS weiter Kerne auf einem. Umwege nach ihrem Bestimmungsorte gebracht worden, fliegt, dem „Loorsenfinn" vertrauend, in gerader Richtung zurück; und der Hund nimmt den kürzesten Weg heimwärts, durch Felder, die sein Fuß nie betreten har. Die Existenz des Instinkts in aller Vollkommenheit vor aller Erfahrung und Unterweisung, macht die Ausbildung und Vervollkommnung nicht nur ünnöthig, sondern auch unmöglich, daS gilt von dem Individuum, wie von der Gattung. Di« spätere Generation zeigt keinen Fortschritt gegen die frühere und bleibt hinter der nachfolgenden zurück. Das Gewebe, das Euch die Spinne, heule vor Eurem offenen Fenster aufhängt, indem sie jede Speiche ihres Rades und jede Masche' des Kreisnetzes mit Einem ihrer Beine sorgfältig abmißt, ist gerade ein solches Gewebe, wie es die Spinn« in uralter Zeit verfertigt hat, wo sie unter „den Kleinen der Erde, die aber überaus klug sind,"*) aufgeführt wird. Diese Unfähigkeit der Erziehung und Fortbildung ist es, was den Instinkt so himmelweit von der Vernunft trennt. Der Mensch erwirbt das Wissen und überliefert ,S von Geschlecht zu Geschlecht. Er ist nicht mit fertiger Kunst, sondern nur mit der Fähigkeit dazu geboren. Sein Geist ist bei der Geburt eine leere Tafel, in welche die Keanrniß aller Dinge eingetragen werden kann. Seine Unvollkommenheit bei der Geburt ist sein Vorzug, wahrend die Vollkommenheit des neugebornen Tkieres dessen Mangel ist. Kein vernünftiges Geschöpf har jemals die Stufe der Vollkommenheit erreicht, daß eS nicht noch höher steigen könnte. Der Mensch hat überdies die Freiheit, seinen eigenen Weg der Thätigkeit zu wählen, während das Geschöpf des Instinktvon einer anderen Gewalt regiert wirb, die seinem Willen nicht unterworfen ist, die es in den engen, unüderschreitdaren Pfad zwingt. Innerhalb dieser vorgezeichneten Schranken aber verrichtet der Instinkt in gewissen Fällen Dinge, die der Vernunft durchaus unerreichbar sind. Vielleicht bat der Mensch niemals einen Bau aufgeführt, der an Vollkommenheit einer Honigwabe gleichkommr. Als Virgil den Glauben ausfprach, daß die Bienen Theil an der göttlichen Weisheit haben, da waren die wunderbaren mathematischen Verhältnisse dieses schönen Werkes noch nickt bekannt; erst im gegenwärtigen Jahrhundert ist der. Beweis mit solcher wissenschaftlichen Strenge geführt worden, daß ihn der bei Weitem größte Theil des Menschengeschlechtes nicht zu fassen vermag. Angenommen, die Biene Hab« das Problem, das sie durch Jahrhunderte ausfihrte, bevor der Mmsch fähig war, eS;n lösen, auch mit dem Verstände erfaßt: würden dann ihre geistigen Kräfte dem Grade nach unter denen de» Menschen stehen, wenn ste der Act nach den Seinigen gleich kämen i Die Wasserspinne webt sich einen Kokon, macht ikn wasserdicht und befestigt ihn mittels lockerer Fäden an die Blauer der Pflanzen, die auf dem Grunde eines stillen Teiches wachsen. Durch einen zu dem Behuf« verfertigten Schlauch leitet sie die Luft von oben herein, die da- Wasser durch eine unterhalb angebrachte Oeffnung hinausbrängt. So lebte diese *) Spr, Sal. 30, 24. 28.