Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 7 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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26 schlugen alle neun Herzen ihm entgegen; da war Ella, Alla und Olla, Fcadchen, Friedchen und Frettchen, Schönchen, Lekncden und Krönchen — mit der letzteren war das Werk de- Ehepaars gekrönt worden, von denen die dreißigjährige Ella vor dem Spiegel stand, und sprach: „Vielleicht-bekomme ich ihn doch noch!" das sichszehnjLhrige Krönchen ein Schnippchen schlug, .und sprach: „Vielleicht bekomme ich ihn doch schon." Die Familie that ihr Bestes. Es wurden Gesellschaften, Soir^es, Caffees gegeben, es wurde musicirt, getanzt und Pfänderspiele gespielt, und der Mittelpunkt aller dieser gastlichen Anstrengungen war. der Sohn des SchaletsetzerS. — Eine andere Ehre widerfuhr diesem nach ganz anderer Richtung hin. Es gab damals bei uns zwei Brüder, beide reich, beide Wechsler, beide geizig.--. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen war, daß der eine den Kopf nach rechts gewachsen, der andere nach links trug. Beide vertrugen sich schlecht, und wenn sie einmal mit einander gingen, so rhaten sie es sicher so, baß ihre Köpfe nach den entgegengesetzten Seiten hingen. Diese Krösusse der Gemeinde bewarben sich um die Freundschaft Enoch's unermüdlich, uqd da sie sich bei ihm den Rang ablaufen wollten, so kamen sie stets zu gleicher Zeit. Das war nun eine merkwürdige Erscheinung für alle Bewohner die Stadt, daß die beiden Hirsch auf der Straße den Herrn Enoch in dt« Mitte faßten, fityfint den Kopf rechts zu ihm, der andere links zu ihm gewandt, so daß die. drei Köpfe fast aneinander stießen, wahrend die Körper auseinander klafften. Für alle dies« Festivitäten revangicte sich aber auch Enoch, und dies in merkwürdigster Weise. Ec gab z. B. seinen Freunden, und dies war in weiterer Beziehung die ganze Stadt, eine, indische Nacht, wozu ihm ein fürstlicher Park eingeraumt ward, der ganz und gar mit zwei bunten indischen Laternen erhellt ward. Auf dem Rasen wurde geranzt und Enoch brachte der Gastfreundschaft solche Opfer, daß er die' ganze Reihe der Benjaminschen Töchter, von Ella bis Krönchen durchtanzte. An der Fülle der Speisen und verschönen Weine aßen und tranken sich die Gebrüder Hirsch einmal recht satt. Doch die^Freuden der kleinen Stadt konnten den Weitgereisten nidjj lang« fesseln. Eines Morgens überreichte er den neun Benjaminschen Musen einer jeden ein schönes Angedenken, nahm von d<n Brüdern Hirsch Creditbciefe, um ihoep Etwas zu verdienen zu geben, und reiste nach der Hauptstadt eines großen benachbarten Staates ad. Sein Ruf war ihm.auch dahin vorausgeeilt, und als er um Mittag auf der Börse erschien, wurde er von allen Seiten als ein Meerwunder angesiaunt. Man machte ihm willig Platz, aber unwillkürlich wurde er nach einer Säule gedrängt, die der Säule gegenüderstand, an welcher der Agent des Rothschild'schen Hauses sein unbestrittenes Posto hatte. Bei aller Devotion nämlich, welche dem Vertreter jener kolossalen Geldmacht gezollt ward, herrschte doch unter einem großen Theile der Börsingeister im Geheimen rin Geist der Empörung, um der Odmacht jenes Hauses irgend Wen gegenüber zu stellen: Der lang verhaltene Aufruhr brach bei dem Erscheinen Enochs aus, und man erkor ihn zum Haupte der Opposition. r Alsbald wurde er von einem Heere Agenten, Makler, Sperulanten u. s. w. umringt, Anerbieten aller Art auf Staatspapiere, Aktien, Wechsel, Saat, Getreide, Oel, Spiritus, Wolle und dgl. gemacht, und ihm alles fast aufgedrungen. Der Posten des Rothschild'schen Agenten blieb nur von einer kleinen Schaar Getreuer umringt, während der Haufe um Enoch immer mehr anschwoll. Da war eS der Dämon der Eitelkeit, der sich siiner bemächtigte, und welchem erst später die Gewinnsucht und die Lust an gewagten Unternehmungen sich zugefellren. Sein klarer Blick überfchauete schnell die Situation, mit. einer Ruhe und Festigkeit, als wäre er hser längst zu Hause und das Börfenfcepter zu führen gewohnt, wieS er erst alle Anträge ad, ordnete und gruppirte sie dann im Geiste, ließ erst die Werthe in ein gewisses Schwanken gerarhen, und fuhr bann mir enormen Ankäufen dazwischen, daß die Leute um ihn in eine Art Begeisterung geriethen, und Alles nach einer Stunde mit einer wunderbaren Hausse endigte. Das Notizbuch Enoch's trug, als er, von einem Schwarm neuer Freunde und Clienten, die Börse verließ, die Aufzeichnungen nicht unbedeutender Gewinne davon. Don jetzt ad war der Weg Enochs in der Hauptstadt unwiderruflich abg,steckt. Mittendurch unaufhörliche Gastereien, Schmausereien, Abenteuer aller Art ging die anschwellende Fluth der Börsengeschäfte und hob ihn immer höher und höher. Auf dem Papiere wenigstens mehrten sich die gewonnenen Taufende, wobei, da die Geschäfte sich immer mit denselben Leuten wiederholten, die Abrechnungen freilich nicht nur in den Büchern blieben Von Hause erhielt Enoch von Zeit zu Zeit Besuch, aber das Städtchen lag ihm jetzt schon wieder ferner, als es ihm in Batavia und Samarcand gelegen. So Ungeheuerliches man dort auch von ihm erzählte, so hörten doch selbst Ella und Alla, Friedchen und Frettchen, Schönchen und Krönchen auf, nach ihm zu seufzen und warfen sein Bild als eines Undankbaren aus ihren Herzen. Einige Monate waren vergangen, und auf der Börse der Residenz große Schlachten geschlagen, aus denen die Partei Enochs immer siegreich hervorgegangen; sie sprach schon fast mir Verachtung von ihrer Gegnerin, und glaubte den Thron ihrer Herrschaft fest aufgeschlagen. Ader eines Tages brach ein neuer Sturm .in Frankreich aus, die radikale Partei kam oben auf, ein« Kriegserklärung stand bevor... wer hätte das geahnt i geglaubt? Man hatte sich in der größten Sicherheit gewiegt; die diplomatischen Spürnasen, die man in Frankreich unterhielt, hatten noch Tages vorder über die Unerschütkerlichkeit der Verhältnisse dort berichtet — jetzt war Alles drunter und drüber. Die Börse bot einen merkwürdigen Anblick dar. Der Agent Rothschild'- hatte früher als gewöhnlich feine Säule eingenommen, und eine Sonne von Triumph strahlte aus seinem Antlitz. Er hakte, sei es aus Opposition, sei es besser untrvrichtet, auf Baisse gehalten. Seine Anhänger standen um ihn wie die Mauern, während Enoch, sowie er den Platz betrat, von dem mirresten, unruhigsten, durchciaanderschwirrenden Knäuel bestürzter, gegngstigter, schreiender Männer umringt ward, daß er nicht einmal an feinen gewöhnlichen Platz gelangen konnte. Man sah schon eine Anzahl Leute sich heimlich von seinem Schwarme lösin, und von rückwärts in die Reihen der Gegenpartei sich einschleichen. Doch man muß es dem Millionär zum Ruhme nachsagen, daß er eine ruhige Haltung bewahrte, anfänglich sogar imponicte. Sein« Geistesgröße zeigt« sich ln dem Ueberblicke, mit welchem er ordnend in die Verwirrung griff. Er hatte Alles im Kopf. Er compensictt was er