Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 6 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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baun. 'P«vrtcb:f antwortete, aber et war eben nur ein Dogen 'Papier, auf welchem ec alle die Kränkungen, die er von ihnen erlitten, und alle seine Reichlbürnec an Plantagen, Sklaven u. f. w. aufzählte; er hoffe, baß sie sich den. n so erfreuen würben, daß an ihrem Glücke nichts fehle, weshalb er Nichts hinzuzufügen brauche. Damit stockte der Briefwechsel. Viele Jahre spater war dem Schaitlseyer ein Sohn groß geworden, der in jeder Earn'ere, . die st anstnH, nicht gedeihen wollte, und welcher sich daher entschloß, den reichen Citfet in. Batavia aufzusuchen. Meier Schaleksetzer gab seine Einwilligung, obgleich die >ganz^ Stadt den Kopf über den lieblosen Vater schüttelte. Allein in mancher Kamille geht selbst der dürrste Ast nicht verloren, und Enoch schrieb nach einiger Zeit, daß er den Onkel gefunden und von ihm ganz gut ausgenommen worden sei; er. ardeike rn Lessen Geschäft und werte was vor sich dringen. Wieder vergingen Jahre. Plötzlich hieß es in der ganzen .Stadt-, „Peßachje kommt wieder rurück, er bringt viel, viel Geld mit!" Das war ein Aufruhr. Jeder berichtete von den Schätzen und Kostbarkeiten, die der alte Aus-. warieerer bei sich führen und über Stadl und Land ausstreuen werde. Man >ab bereits die Wagen voll gemünzten Gold, s und voll Sii-oero irren durch dir Thore drreim'chwanken. Die Siegel aut beiz, Dächern und die .Kühner aut den Hören erzählten sich davon Der Vorstand der Gemeinde trat in Beralhung über die Empfangsfeierlichkeiten zusammen, die man d.m Heißersthnrrn bereiten wollte. Man lud Meier den Schalersetzec uno Bar den Klcsmor dukch eine Deputation ein, an dieser Berarbung Theil zu nehmen. Aber . w hoch diese Männer jetzt den Kopf trugen, >'o war in demselben-doch kein R.rrh vorhanden, denn in dem Briefe harre nicht gestanden, wann der.Schreiber keffelben kommen werde, und aut telegraphischem Wege konnte man damals noch keine Erkundigung rinziehen. Maw ging ohne Beschluß auseinander, 'und wollte, sobald Näheres bekannt wurde. wieder zusammenkommen. Plötzlich ging eines Morgens ein Gerücht durch die Stadt, uno schivoll zu einem wahren Braustn an: Peßachje .wäre oa. und logire im „Braunen HirstH." Das Volk lief zusammen vvr dem genannten Gasthofe und zum ersten Male waren Ehristen und Juden in einem Volkshaufen untereinander gemischt, ohne daß es für dce letzteren Schimpfworke und Rippenstöße setzte, vielmehr behandelte man sie rast ehrcrdieug. denn es war ja einer von „ihren Leuten," den man da oben wußte, und von dem man so viel erwartete. Aber es kam Nichts. Kein Goldregen aus den Fenstern, nicht einmal ein Kopf guckte heraus. Nach langem Darren verlief sich die Menge wieder, nicht ohne zuletzt Schimpfen und Drohen guSgestoßen zu haben, denn selbst Mlch<l laßt sich nicht gern zu Narren machen, wenn er nicht einmal ein Glas Bier dafür hat. Die Sache verhielt stch aber t'e. Ohne daß Jemand eine Ahnung hatte, war Peßachje in der Abenddämmerung in der Stadt angelangt und im „Braunen Hirsch" abgestiegen. Nach kurzer Rast hatte er alle seine Verwandten auf einmal zu sich to'mmcn lasten, und ihnen in derben Worten erklärt: er lei jetzt da, und bleibe hier, sie sollten ihn rechr ansehen wie er sie ansehe, bann aber brauchten sie sich nicht weiter um ihn zu kümmern, denn er werbe sich nicht um sie kümmern, er verlange durchaus nichts von ihnen, sie sollten aber auch nichts von ihm verlangen,, denn er würde ahnen doch nicht« geben, nur die Muhme Edle solle das Stück, was sie ihm mitgegeben mir gutem Zins zurückerhallen und damit sei es Basta. Die ganze Sippe stand erstarrt da, nur die Muhme Edle erholte sich zuerst, richtete sich auf und kreischte: „Ich habe daS Geld einem Bettler gegeben, und von einem Bettler nehme ich Nichts zurück!" Damit stürzte sie zum Zimmer hinaus und Alle folgten ihr. Nur der Schalersetzer war zurückgeblieben, hob bemüthig das gesenkte Haupt und sprach: „Hast Du mir Nichts von meinem Sohne Enoch zu sagen f" — Diese Worte schienen den Peßachje wie ein Blitz 'zu treffen, aber auch in grenzenlose Wurh zu versetzen; sein Körper zitterte, dis er die Worte ausstieß: „Schweigt mir von diesem Verrathcr, oder ich werfe Euch zur Thür hinaus! Wie ich hoffe, steht es so mit ihm . . und seine Hand machte die Bewegung des Kopfabhauens. „Um Gott!" rief der entsetzte Barer aus, „was ist mit ihm, was har er gethans". . . Statt aller Antwort nahm Peßachje Meier an den Arm, führte ihn gewaltsam an die Thur, stieß ihn hinaus und warf dieselbe donnernd zu. Fast Verzweiflung im Herzen kehrte der Schaletietzer nach Haust zurück, verschloß aber 'einen Kummer in sich, und theilre seiner Frau und seinen Kindern vorläufig Nichts davon mir. Jndeß vecnahin man dom^ später aus hingeworfenen Aeußerungen Peßachje's, oder man combinirle sich daraus, daß Enoch sich in Schmuggelhandel eingelassen, daß diestr den Beamten verralhen worden, in Folge dessen Peßachje sich fluchten und den größten Theil seiner in Plantagen und Sclaven bestehenden Reichthümec zurücklasscn müssen, während Enoch gefangen und wahrscheinlich gehängt worden. Welche Trauer diese Vorgänge in des stattlichen SchaletsttzcrS Haufe und welche Enttäuschung hei den Verwandten hervordrachten, kann man sich denken. Das Borurtheil der Menge übrigens besitzt eine außerordentliche Zähigkeit, und obgleich nun Peßachje sich nur eine kleine, nach einem Garten hinaüsgelegene Wohnung mierhcte, seine Beköstigung uno Bedienung gar nicvl reichlich verdingte, und man nur selten, seiner gewahr wurde,, so blieb ihm doch der Rur unermeßlicher Schätze und um so mehr eines unbegrenzten Geizes anhängig. Ich sehe ihn noch, wie' ich ihn an einem Sommecrage auf der Straße begegnete, denn nur wenn es sehr heiß war. wagte er sich aus seiner Höhle heraus: ein untersetzter, starker, aber etwas gekrümmter Mann mit finsteren, verschlossenen Gefichkszügen und scheuem Blick, von Kopf dis auf ben Fuß in feinstes braunes Tuch, aber von ganz altmodischem Schnitte gekleidet, ein kleines dreieckiges Hütchen auf der Pcrrücke, und mir einem aufgespannten mächtigen Regenschirm, unter welchem er sich gegen den Sonnenschein barg. Eine solche Erscheinung machte in dem Stäbchen immer großes Aufsehen, Alles stand gaffend still und sah ihm nach, aber Niemand grüßte ihn, denn wer es rhal, erhielt keine Erwiederung. Ein Jahr verging, und man baue seiner fast vergessen. Das Haus unsres Schaletfetzer, das in einer Querstraße lag, war ein noch gar altes und eigenthümlich gebautes. Drei Fenster seine ganze Fronte, drei Stockwerke, aber um in das untere zu gelangen, mußte man voi»decHausthür aus sieden bis acht steinerne Stufen hinunrersteigen, so tief war es angelegt, und die Fenster, welche die unteren Zimmer erhellten, reichten auf das Pflaster der Straße hinab. Natürlich mußte man eben so viele Stufen hinan-