Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 6 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolksMtt. Zur Relehrung und Anlerhattung aus judlljchkmk siehselr. Herausgegeben von! Rabbiner Vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. Mo. 6. 1861.] Von tirfirr BtitfAtift crf&rint wöchentlich eine Rümmer. Prei« de« Jahr^ gang» 1 Thlr. Vierteljährig 7 Rgr. «lle Vuckbanrillngeu, Postämter und Btttungsexrekitionen nehmen Vrstrüungen a». [8. |*hrg. 1. Quartal.] Scenen und Gestalten aus meinem Leben. 5. Der Millionär. . , Jede Stadt, jede Gemeinde hat ihre Legenden. Ich meine nicht jene alten Sagen von Gespenstern, Erscheinungen und Zauderdingen, fonlfcfn von irgend Ereignissen und Personen, die vor 30, 40 Zähren der Stadt oder der Gemeinde angehöclen, welche die Länge der Zeit "mit dem Schleier des Geheimnißvollen eingebüllt Kar, und von denen nun die Alten den Jungen erzählen, immer mit der Andeutung, daß die Sache noch irgend eine Folge, einen Ausgang haben werde. Zu den Legenden meiner varerstädrischen Gemeinde in meiner Kindheit gehörte ein Mann, der 30, 40 Jahre früher nach Amerika, Ostindien oder Gott weiß wohin ausgewand'err. In der zweiten Halste des vorigen Jahrhunderts war dies im Herzen von Deutschland etwas ganz Unerhörtes. Der junge Mann war ein Waisenkind gewesen, pvn seinen Verwandten zwar erhalten, aber doch von Einem zum Andern gestoßen worden, Hütte sich dadurch einen verbitterten, tückischen Charakter angeeignet, der sich in argen Streichen äußerte, die er seinen Verwandten spielte, theils um sich über sie und ihre Schwächen lustig zu machen, und-sich so für erlittene Kränkungen zu rächen, theils um seinen Begierden, namentlich feiner Naschmcht zu fröhnen. Sehr natürlich, daß sich daher immer Mehrere von ihm lossagten, bis er, fast hülflos, den Entschluß faßte, feine Vaterstadt zu verlassen. Peßachje war fort. Jahre vergingen, man hatte ihn schon vergessen, da kam ein Brief von ihm, ein Brief, der freilig fast ein Jahr unterwegs gewesen. Er war in Amsterdam, unter die sog. Seelenverkäufer gerqthen, als holländischer Soldat nach Batavia gebracht worden, hatte hier glücklich dagelbe Fieber bestanden, und nach fünfjährigem Dienste ein Stück Land von der Regierung erhalten. Fünf Jahre später war er ein reicher Mann. Jetzt schrieb er, zählte genau alle Verwandten auf, grüßte sie, — aber schickte nichtvon seinem Reichthum. Und sie hätten dessen doch so sehr bedurft. Da war Meier der Schaletsetzer, ein großer, stattlicher Mann, wohlgelitten in der ganzen Gemeinde, denn außerdem, daß er Freitag Nachmittag alle die mit der „Götterspeise," aber noch in rohem Zustande, gefüllten Töpfe der Gemeinde m Empfang nahm und Sonnabend Mittag sie trefflich bereitet au-lieferte, war er auch Vorsteher der barmherzigen Brüder, so dakein Kranker ohne ihn sterben und kein Todter ohne ihn begraben werden konnte. Er war auch sehr wohlthäkig, sammelte beständig für Arme, und wenn aus» die Chewrakasse stets bei ihm leer war, so fiel diedoch nicht auf> denn ewar unter seinen Vorgängern auch nicht anders gewesen; mochte er nun,, da er trotz den Vierpfe inigstückm für jeden Schaletropf arm war, sich selbst zu seinen Pflegebefohlenen zählen: in nicht nach, welchen man die öffentlichen Gelder anvectttmt. Gar tvacker trat der große, starke Mann auf seinen gri ßen, starken Füßen einher, doch munkelte man in der Sr. dt, er habe selbst oft nicht, was er am Freitag in seinein eignen Echalettopf rhue, und müsse daher zu der Füllung anderer > Töpfe seine Zuflucht nehmen. Wenigstens schüttelte manlche alte' Köchin das Haupt, wenn ihr Topf gär nicht voll aus dem Ofen kam, wie sie »s berechnet hätte. Doch wer hätte so Etwas laut werden zu lassen gewcgr?! Da! war ferner Bär der Klesmor, ein untersetzter D ann mit sticken, rothen Backen, der die Pfeife blies unter dm wackeren Musikanten der Gemeinde; aber je Heller se ne Pfeift schallte,, desto ruhiger, schweigsamer, war er selbst. : Was konfite ein Klesmor aber anders als arm sein) Mfin war daher einig barübei^daß seine^Wangen so rund und so roth nicht von dem. was hiüein, sondern von dem, wojs herauSkailn, gewordm, nämlich vom Blasen. Außer seines Pfeife haäte er aber auch noch sieden oder acht Kinder, ganz wie bist Orgelpfeifen. Und die pfiffen selten vor Behagm, sondern schrien vor Hunger. pa war auch die Muhme Edle, die Allerweltsmuhme, seit dreißig Jahren Wittwe und kinderlos und die hatte doch in der Thar dem Auswanderer ein Stück Geld gegeben, dessen sie schwer genug entbehrte. Ein Ideal harte ihr das ganze Leben hindurch yorgeschwkdt, ein Lehnstuhl und eine goldene Haudemütze, «sie sie damalvon den Damen getragen wurde. Die goldenst Mütze wollte sie am Sabbath auf ihr graugelocktes Haupe, und sich selbst dann in den Lehnstuhl setzen, und so dze Besuche iempfangm. die bei der Muhme Sabbaths Nachmittag in der niedrigen weißen Stube so zahlreich waren, weil diese Stube ein so bequemes Rendezvous für alle' Klatschmäuler adgad. Ader di,sin Mlpunkt aller ihrer Hoffnungen hatte sie noch nicht erreicht. O, ich habe sie noch Alle gekannt, Mstier den Schaletsetzer, wie er voll Würde und Verdienst ettzherschritt, Bär den Klesmor, der ging als wenn er immer nach seiner Pfeife marschirte, die Muhme Edste ohne Lehnstuhl und Haubedem Sabbachklatsch prasidircnd. Sie steckten. jetzt den Kopf Brief an dm' Herm Peßachje mütze, aber in edler Würde und die ganze Sippe zusammen und faßten «inen ab, worin sie ihm alle ihre Wohltstatm, sowie alle ihre Bedürfnisse und Wünsche stufzählte», und um Abbülfe