Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 4 (1861) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
4 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4908862-5999360-6026402--1814-4910296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15 in tiefem Schatten, wenn der Himmel dunkel und mit Wolken bedeckt war, im dichtester Kinsterniß Auch war die Bewachung an diesem Punkte fast gar keine, da di, Mauer unzugänglich und vom reißenden Strome genugsam geschützt schien. Man erfiihr niemal«, ob Daniel mir irgend einem Deutschen, der im französischen Corp« diente, im Einverständnis war, da er hierüber nicht dlosim Verhör, sondern auch gegen Freunde und Bekannte da« tiefste Stillschweigen beobachtete. Zn einer stürmischen Nacht hatte er sich nun über den Rand de« Walle« hinweggelaffen, mit einem spitzen Eisen tiefe Löcher von drei zu drei Fuß adwart« in die Mauer gebohrt, und nach Vollendung dieser nur mit einem außerordentlichen Kraftaufwand«, welcher lediglich feiner herkulischen Stärke möglich war, zu bewert» stelligenden Arbeit hatte er den Weg über den Wall zurückgefunden. Von nun an. konnte er sich, so oft ihn da« Wetter begünstigte, den Wall hinunter und hinauf begeben, indem er Eisenstäde in die Löcher, welche er in der Mauer angebracht, steckte, sie aber jede« Mai, sowie sein Fuß emen der Stade verlassen, wieder herau«nahm. Er hatte nun mit einem der Befehlshaber im preußischen Lager Verabredungen getroffen, baß. wenn er da« Lager besuchen wollte, um Mitternacht ein Nachen am Fuße der Mauer feiner harrte, der dann dem Swome folgend, durch ein mit Tüchern umwickelte« Ruder geräuschlos im Schatten der Nacht hingleitend, unfern Daniel an« erwünschte Ziel führte. So erhielten die Belagerer mehrere Male die vortheilhaftesten Nachrichtenum dem Feinde mit Glück zu begegnen, und alle seine Au«fälle zurückzuschlagen. Daniel wieaber alle Belohnungen von Seiten derer, denen er mir so großer Aufopferung und Selbstverleugnung diente, so sehr ab, daß er nicht einmal einige Brote für die Seinigen mitnahm, sich mit dem Bewußtsein begnügend, seinem Barerlande zu nützen und da« Ende der Belagerung, somit der Noch seiner Mitbürger schneller herdeizuführen. Ader mit welcher Schlauheit Daniel auch verfuhr, als er zum fünften Male den gefährlichen Weg betreten, wurde er ertappt. Die geschärfte Wachsamkeit der erbitterten Franzosen machte die« nur zu erklärlich. Eden hatte Daniel seinen Fuß auf den obersten seiner Eisenstäbe gestellt, hielt sich mit der Rechten an dem Mauerranb fest, und zog mit der Linken den unteren Eisenstab audem Loche, al« er eine Schlinge um seinen Hals fühlte, und eilen mußte, die Wallhöhe zu erreichen, um nicht erwürgt zu werdm. Sein Schicksal war besiegelt. Um Mittag versammelte sich ein Kriegsrath, der, nachdem er die Zeugen verhört und da- Geständnis de« Delinquenten entgegengenommen, ihn zum Tode am Galgen vor dem Rathhause zehn Uhr de« anderen Vormittag« vecurtheilte. Eine S-unde später hatte der Obercommandant de« Platze« durch seine Unterschrift da« Unheil bestätigt. Bon dieser Zeit ad konnten sein, Freund« ihn in einer leidlichen Zelle, wo er mit Ketten an die Wand gefesselt worden war, einzeln besuchen. Man kann sich bmken, daß die Versuche, eine Be» gnadigung zu erhalten, nicht au-dlied«n, aber sie fielen allesammt fruchtlos au«. Die Schuld war zu schr erwiesen, da« Krieg-gesetz sprach zu deutlich und die Erbitterung zu groß und in diesem Falle allz» gerechtfertigt. E« war keine Aussicht, ihn zu retten, da derjenige, welcher noch etwa vermocht hätte, den Obenom^pndanren umzustimmen, der erste Krieg«lieferant, ein einfluH^er und h^ner Israelit, gerade jetzt fern war. Auch ich unterließ nicht, den arme» Derurtheilten zu besuchen. Eden waren! seine Frau und Kinder fortgebracht worden. Ihr Heulen! und Zammem tönte noch von Ferne, al« ich in die Zelte eintrat. Aber ich fand Daniel völlig gefaßt und ruhig. Skin Gesicht war wie in den besten Tag«, und sagte nicht«,mehr und nicht« weniger. Da ich ihm mein Beileid bezeugte, hörte er mir schweigend zu. Dann hob er feit» Gesicht, warf mir einen jener scharf« BllikWu, au« denen man nicht« zu machen wußte, und sagte:W8agen Sie, glauben Sie, daß e« wirklich noch Weissagung« giebv, nachdem der letzte der Propheten schon slang« dahin^ gegangen, und daß man durch die heilige Kabbalah, wenn man sie versteht, in die Zukunft zu schauen vn mag k" — „War meinen Sie damit?" antwortete ich neugierig. — „Nun, fuhr er fort, in meiner Kindheit aß eimr al ein Rebde^ ein frommer Chaßib an meine« Vater« Tisch an einem Festtag sich recht tüchtig satt, uny nach'em er eine Zeitlang sich mit mir unterhalten, sagt? er zu meinem Barer, indem er seine Hand auf mein«! Kopf leg«: Da« Züngelch« chird e« einmal sehr in die'Hohe dringen, glaubt'« mir! Ich fühle noch die Hand de« Redde auf meinem Kopf; sie war sehr kalt und sehr sch oer. ‘ Er hat aber schließlich Recht behalten, ich werbe e« morgm in bi« Höh« dringen, höher al« alle Leute in der Stadt. Aber wa« thul's, e« war mir auferlegi, der Rebbe hac'« mir auf den Kopf zugefagt." — So schrote er noch über seine Lage, sprach kein Wort de« Bebauern« av«^.m»b wie« da« Mitleid von sich ad. Die Nacht üher w»cht« einige Männer unser« Glauben« bei ihm, aber na hdeck er etwa« Mischnajoth gelernt und einige Kapitel Psalm« gesagt, legte er sich nieder und schlief dl« geg« Morg« .ruhig. Er hatte de» fohlen, seine Frau und SfeMf nt<Ü wieder zu ihm zu lass«, weil sie ihm zU viel Ilav«W«m. >Er hatte seine Kinder am Abend vorher getmschr, und glaubt«, daß sie an diesem Segen 8«uä hält n. | | Um zehn Uhr Vormittag« war große Bewegung in der > Sradl?-<Von früh an! war >er Marktplatz! gedrängt voll;! ».faßte die Menge nicht, i>ie au« allen Straßen, wle , Strome nach einem See sich zu chm trgossen; alle Fenster war« besetzt, und bald auch kletterten Verwegene auf die! Dächer, damit ihnen da« S Hauspiel nicht entgehe. Ader man konnte e« Allen ^absihe», daß nicht dlo« Neugierde die Gemüther beherrschte, .sondern daß da« Mitgefühl für den patriotischen Held« und j der Grimm über da« Blut» werk der verhaßten Fremdlinge die Brust eine« Jeden erfüllten. Ein Gebraus« ging ibuccfe die Menge, da« immer höher und höher schwoll, und sich bald zu lckdenschaftlichem Rufen und laut« Schrei« erhob. Aber sobald ein französischer Soldat od^r ein! Gen«darme sich setz« ließ, verstummte die^ Menge und! gab st den Biewei«, daß r« nur ohnmächtige Wurh .sei, welche in ihnen kochte. Punkt zehn Uhr Trommelwirbel. Hörnerklang. Don zwei« Seit« marschiru je ein Bataillon Infanterie heran, die Menge rheilte sich drängend und stoßend, die Soldaten schloss«' ein Quarr« um den Erhöhung mit Stuf« öffne« sich die Gefän; Compagnie schritt der frei« Himmel. ialgen^ an dessen Pvrderseitt eine |tii£«ferad)t war. Punkt zehr^Uhr tißpfore. Unter Böranrritt einer seurthiilre noch einmal unter Gottes . (Lcht>» W4I-)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.