Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 4 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 deutschen Nester angezünder und vernichtet, wem» sie nicht unter den Trümmern selbst hätten sterben muffen. Di« schärfsten Befehle wurden erlaffen. Wer von den Siegen der A ll ürten' sprach, wurde verhaftet, wer die Freud« über di« Niederlagen der Franzosen kundgab. maßlos gezüchtigt, und auf dem Marktplatz vor dem Rathhaufe war «in Galgen errichtet, an den Jeder gehängt werden sollte, wer mit den Belagerern in irgend einer Verbindung betroffen worben, ober, wie sie sagten, ein Vercäther sei. Noch mehr. Wir wurden allesammr zum Schanzen commandirt; odn« Unter: schieb de« Stande« und de« Alter« mußten alle Männer mir Körben und Spaten auf verschiedenen Sammelplätzen erscheinen, und neue Wälle aufführen, und die alten befestigen. Man kann sich denken, mir welchen Flüchen auf den Lippen wir die« thaten. Dabei wurden wir mit außerordentlichen Steuern belastet, die natürlich in di« Taschen der Generäle liefen, jede Familie mußte sich auf 6 Monate verpeoviaatiren, was bei der schon elngetcerenen Theurung nicht wenig sagen wollt,; die Aermrren wurden au« der Stadt gejagt. Die Preußen rückten immer näher,> die Blockade wurde enger, alle Landstraßen waren von starken Corp« besetzt; täglich Höne man Gewehrfeuer auf den Dorposten, in da« sich denn auch bald der Baß de« schweren Geschütze« mischte. Trotz der Strenge aber, welche der Commandant der französischen Besatzung theil« verhieß, theil« wirklich übte, ^mußle doch auf irgend eine Weise eine Verbindung zwischen innerhalb und außerhalb de« Platze« stattsinden. Denn jede« Mal, wenn ein Corp« au« der Festung, um zu fouragiren, noch so heimlich au«rückte, oder ein Ausfall, beabsichtigt worden, um einer Colonne, die mit Lebensmitteln und Vieh heranzog, entgegenzugehen und in die Festung zu verhelfen, fanden sich die Preußen rechtzeitig «in, um die Belagerten zurückzufchlagen-, und die Fourage und Lebensmittel aufzuheben. Der Commandantschäumte vor Wulh, die Wachsamkeit wurde auf's Aeußerste verschärft, und dennoch kam man der Sach« nicht auf die Spur. Dadurch wurde der Mangel insonder« an Brot und Fleisch bereit« sehr fühlbar und man sah voraus, daß man sich nicht mehr allzu lange werbe halten können. Dazu kam, daß die Preußen immer die Gelegenheit wahrnahmen, Zeitungen und Bulletin« in die Festung gelangen zu laffen, so daß diesiegreichen Fortschritte der Alliieren drinnen nicht unbekannt blieben, welche bereit« dicht bei Pari« angelaagt waren. E« lebte damals in der Festung ein Mann, der zu den eigenrhümlichsien Charatlern gehörte, die mir in meinem langen Leben vocgekommen. Er war vor. geraumer Zeit au« dem Großherzogrhum Posen, dicht von der russischen Grenze ringewandert, harre sich in verschiedenen kleinen Städten als Schächter und Kinderlehrer nach damaliger Weise umhrrgetriede« und war endlich hierher gelangt, wo er sich als Trödler niederließ, was er freilich nur unter dem Schutz« der Franzosen durfte, da im lieben deutschen Vaterland« fast von Stadt zu Stadt damals noch für den Juden unübersteiglicht Barrieren sich erhoben. Dem: ungeachtet war er, sei rt, daß er sich »l« Russe oder al< Deutscher fühlte, von einem unau»löschlichm Franzosenhasse beseelt. Wer vermuthere da« aber in ihml Erhärte vielleicht in feinem?eden kein besondere« Gefühl verrarhen, warum also jetzt? Vielmehr hatte der Mann eine eiserne Maske vor. Von Alter schon gekrümmt, trug er da« Gesicht zu Lode» gesenkt. Erhob er e< dann und wann. so siel au« feine« grauen Auge eia stechender, scharfer Blick, der aber niemals von dem sprach, was im Innern de« Manne« vorging. Sein knochige« Gesicht, mit scharfer Rörhe auf den Wangen, seine schmalen Lippen, die große weiß« scharfe Zähn« bedeckten, machten den Eindruck, daß man sich von diesem Menschen de« Aeußersten gewärtig sein konnte, aber sicher nur au« Berechnung. Dabei besaß er eine herkulifche Stärke, und als er einst in meiner Gegenwart scherzweise einem kräftigen Manne mit zwei Fingern auf den Arm schlug, schwoll dieser an und mußte mehrere Tage in der Binde getragen «erden. Obwohl mich von ihm Stand und Bildung weit abtrennlcn, so sah ich e« dennoch nicht ungern, wenn mich der Zufall mit ihm zusammenführte. Ich mochte an ihm jene Eigenthümlichkeiten de« polnisch-jüdischen Wesen« studiren, welche bei großer Geistesschärfe, doch Alle« nur von einem einseitigen Standpunkte zu erfassen und auf kein Ziel ander« als auf Umwegen loszugehen vermag. Daher auch in der Unterhaltung immerwählend Geistessprünge, deren man nur schwer auf die Spur kommt und deren Motive erst im Verlaufe klar werden. Dazu kam, daß er sich gern in Schilderungen der heimathlichen Silken erging und manche« gute Wörtchen zu erzählen wußte. Bald besuchte er mich auch öfter in Mußestunden, saß vor mir, der ihm aufmerksam zuhörte, und erzählte in seiner barocken Weise von seiner Kindheit, seiner Jugend und seinen Wanderjahren. Daniel, so hieß er, war, daß ich e« dem Leser nur verrathe, nicht von der reinlichsten Art. Da saß er, in einen alten Soldatenmanlel gehüllt, dessen Saum mit trocknem Schmutze geschmückt war, und sprach: „Wir sind erzoggen, wie die Farschrenkinder, wenn ich nicht drei Mol den Tag pünsche (Punsch trinke), wollen die Füß' nicht fort! "... Und dieser Mann, der die Selbstsucht selbst, der so lauernd, so berechnend, so l alle« Aufschwung« daar, aller Begeisterung und Aufopferung unfähig schien — er war.eine« Tage«, als die Blockade immer enger wurde, als die Nachrichten von j draußen immer niederschmetternder und aufreizender für die! Franzosen lauteten, wurde Daniel al« preußischer Spion eingedracht!! Und er war e« wirklich, und, damit ich e« .gleich sage, war e« au« reinstem Patriotismus, mit i Verschmahung jedwede« Lohne« — so sonderbar, so unerj gründlich ist die menschliche Seele in ihrer Tiefe .... j Daniel lag im Kerker, in schwere Fesseln geschlagen. Da! er auf der Thal ertappt worben, machte er kein Hehl au«! seiner Gesinnung und au« seinem Thun; er fand vielmehr j seine höchste Befriedigung darin. Alle« offen zu gestehen, , und seine Motive'nachdrücklich hervorzuheben. „Warum j sollen diese Hunde von Franzosen abziehen, sagte er in , seinem Jargon, ohne zu wissen, daß auch der Deutiche sich vor ihren Kugeln nicht fürchtet, und vor ihren > Schwertern nicht flieht l Warum sollen sie glauben, daß ihr Machtwort genügt, um bei den Deutschen Gehorsam zu sind«»? Sie sollen merken, daß wir sie hassen, und! baß e« Männer giedt, die diesen Haß bethätigen." E« war dem Manne schwer geworden, sich mir den i Belagerern in Verbindung zu sitzen. Er haue sich mit , außerordentlichem Scharfblick einen Winkel an dem Hauptwall . hierzu ausersehen, welcher durch eine hervorspringende Bastion , gebildet ward, da gerade, wo der Fluß unmittelbar den , Fuß der Mauer bespülte und am tiefsten und breitesten , war. Dieser Winkel lag daher selbst in hellen Nächten