Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 4 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4908862-5999360-6026402--1812-4910294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches Bolksvlatt. j Zur j - Lesehrung und Unterhaltung auf jüdischem HeSiel^. Herausgegebeu von Rabbiner vr. Ludwig Philippso» in Magdeburg. jNo. 4. 1861.1 vom dirsrr 8»g> «SchnMch ei« Staunet. 9tci4 de« 2«hr» ... .. Rgr. Rh vAch««l»nge», PostLmrer S«tung<t;|Kbmoicn urhmeu 9cflcuuignt a». rsee AeiUcheift rricheist «se » Thir. vierreitShtig 7 U «ab üritunaRtriKbmoa [8. Jakrg. 1. faartiL] ©eenen und Gestalten aus meinem Leben. 4. Der Spion. Eist eine eigene Sache um die Nationalitäten. Haben auch die jüngsten Tage diese Frag« wieder in den Vordergrund geschoben, so ist sie doch so^lt wie die Weltgeschichte. So alt nämlich sind die Versuche, vetschiedene Nationen zu Einem Staate zu vereinigen; so alt ist aber auch dl« Erfahrung, daß alle diese Versuche nur elnm Zeitlangen Erfolg hatten, und die großen Staaten hieran immer wieder zu Grunde gingen. Nur in dem Lande können verschiedene Rationalitäten friedlich miteinander lebe«, wo in möglichster Freiheit eine jede zu ihrer Geltung kommen kann, wie dies in der Schweiz und Nordamerika der Fall. Ein großer Staat au» verschiedenen Nationen zusammengesetzt, kann diese auf die Dauer nicht zufammenhaltm, e» sei denn durch Gewalt, di« ihm dadurch wlrd,^aß er die einzelnen Völker in feindseligen Gegensätzen wider einander gebraucht; die Völker aber müssen dieeinmal einfehen, und dann zerfällt dieser Staat unwieoerdringlich. Mag man sich immerhin auf das historische Recht berufen, immerhin die Politik, daß kleine Nationen, zwischen größere gekeilt, doch bald wieder die Beute dieser werden, geltend machen — di« Naturgewalt treibt jede Nation, die Leben in sich trägt, zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.' Der Leser meiner kleinen bescheidenen Skizzen möge mir freundlichst verzeihen, wenn ich ihn so auf da» Gebiet der großen Tagesfragen gebracht habe. Aber wer kann sich diesen ganz entziehen? Und sie bringen mir früher« Erfahrungen, Erlebnisse aus einer Zeit, die für die jetzige Generation schon längst verblaßt ist, aufs Lebhafteste zurück. Ich habe den Untergang des großen fränkischen Kaisergesehen. Woran ist Napoleon untergegangen? Daran, daß er für den Geist der Nationen kein Organ in seiner herrschsüchtigen Seele hatte, daß er die Rationalitäten verachtete, und sie mit den Rädern feiner Geschütze zermalmen, mir den Spitzen seiner Schwerter zum Tod« dringen zu können glaubte. Aber diese verkannten Geister erhoben sich von allen Seiten, im Süden in der pyrenäischen Halbinsel, im Norden auf den russischen Eisfeldern, und im Herzen Europa'» in Deutschland. Und nachdem sie sich erhoben, schlugen sie seine Legionen nieder, zertrümmerten die große Herrschaft, die er mit so vielem Genie und so vielem Blute zusammengefügt hatte. Ja selbst die Nationalitäten, welche er als solche aus. ihrer Erniedrigung zu erheben verheißen hatte, Polen und Italiener, verließen ihn schnell. denn er hatte sie betrögen, und selbst sein« eigene gab ihn auf. Ja, wer diese deutsch« Erhebung gesehen hat! G-war «in« hohe Freude, zu gewahren, wie das unter der Asch« so lange verborgene Feuer mit Einem Male auffchlug, und bis an den Himmel loderte. Wie Jüngünge und Äungfrauen, Männer und Greise davon ergriffm wurden^ sich gehoben und geheiligt und zu jeglicher Aufopferung und Thatkrafr bereit fühlten. ' Doch komme ich zu einer Scene, die ich'damals erlebte, j und an welche mich die in dem vorhergehenden Bill»« ge-! schilderte Katastrophe lebhaft erinnert hat. Es ist bekannt! wie die größten deutschen Festungen starke französische! Besatzungen enthielten, durch welche jen« noch in französischer! Gewalt waren, als Napoleon längst Über den Rhein I zurückgeschlagen war. Die siegreichen Alliirten hatten ^s von I Napoleon selbst gelernt, den geschlagenen Feind rütkg zu! verfolgen, und die Festungen hinter sich im Rücken zu j lassen, da sie, abgeschnitten von ihren Heeren zuletzt von j selbst fallen müssen. Man hält es jetzt - für einen großen Fehler Naooleons, da er sich dadurch eines sehr bedeufmden Theiles seiner Heereskraft beraubte. Aber dieses kühn« Genie fpecukirt« niemals auf di« Niederlage, und et immer glaubte, bald wieder »inen Sieg zu erfechte er sich durch jene Festungen gleich wieder im Bes Länder und großen Operarionslinien. In einer deutschen Festungen wohnte ich damals und wurd preußisch« Heeresabtheilungen naheten, darin ringest Es galt zwar keine regelmäßige Belagerung, denn! auf's Baldigste den Frieden auf den Trümmerst der napoleonischen Herrschaft erwartete, wollte man blutige j Kämpfe, die mit der Zerstörung der eigenen Städte «endet; hätten, vermeiden. Man begnügte sich daher, auch die! Festung, in der ich mich befand, ^zu blockiren, im sie 1 vielleicht schon durch Hunger zur Uebergabe zu nötigen.; Man kann sich daher die GemüthSvirf.issung der Bürger wohl schwerlich genügend vorstellen. Unser ganzes > Herz war draußen im Feldlager der Preußen. Jeder Raqonenschlag, der von drüben her erscholl, schien uns das Donne geroll der Erlösung. Ungeduld spannte unsre Gemüthec w e auf die Folter. Eine unbegrenzte Schadenfreude hatte sich schon seit dem Rückzuge der Franzose« aus Rußland in r nferer Brust aufgehLuft. So leuchteten Triumph und Hoh^t auS jedem deutschen Auge — abkr wir mußten schweigen!, wie mußten unS beherrschen, jedes Wort, jeden Laut,!jeden Bück bewachen. Denn die Franzosen voll Wulh und Scha« waren auf's Höchste gereizt. Am liebsten hätten »e die indem