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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 3 (1861) · p. Seite 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
3 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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11 die sehr lange währte, und als er entlassen worden, ging er hin, miethete sich die Wohnung, die er seitdem inne hatte, dingte die alte Magd, die ihn seitdem bediente und führte das Leben, welchewir beschrieben. Welche Mittel ihm seitdem zu Gebote standen — vieler bedurfte er sicher nicht — wußte man nicht. Nur eine Begebenheit wurde noch in unserer Stadt erzählt, daß einst eine prächtige Karosse, mit vier Pferden bespannt, vor dem Hause Wust'S hielt, ein Paar, glänzend geschmückt, ausstieg, eine Stunde bei Wust verweilte, während der sich der Pöbel der ganzen Stadt um die fremdartige Erscheinung gesammelt hatte. Dann stiegen die Fremden wieder in den Wagen, dieser rollte zum Thore hinaus, und es war wieder Alles wie zuvor. Mehr weiß ich von unserm Sonderling nicht zu erzählen, bis die schreckliche Katastrophe kam, welche mir unter den am Eingang geschilderten Umständen da- Bild diese- Mannes so lebhaft in da- Gedächtniß zucückgerufen. Ich hatte bald wohl mein zwölfte-Jahr erreicht.. Es warein harter Winter, und bereitvier Wochen hatte eine seltene Kälte den. Fluß bis auf den Grund in Eis verwandelt, und die meisten Brunnen der Stadt zum Stehen gebracht. Dabei war der Boden, den keine wohllhätige Schneehülle bedeckte, mehrere Fuß tief gefrvrm. Es war gegen Ende Januar-, als in dunkler Nacht, «ine Stund« nach Mitternacht die Sturmglocken ertönten, die Nachtwächter in ihre Hörner stießen, mit ihren Spießen an alle Thüren und Läden schlugen, und der grausige Ruf: Feuer! Feuer! erscholl. Bald auch wirbelten die'Trommeln der fürstlichen Leibwache durch die Straßen, Geschrei ertönte aus allen Ecken und Winkeln, Pferdegetrapp, Spritzenfahren, Rennen und Treiben in erschreckendster Weise. Eine Feuersbrunst wollte damals etwas ganz Anderes sagen, wie jetzt. Bel der Seltenheit einer solchen und bei den unvollkommenen Einrichtungen, die dagegen bestanden, und die durch die Seltenheit jener nur um so vernachlässigter und unbrauchbarer waren, ergriff ein unbegrenzter Schrecken die geängstigten Herzen, und es konnte das Feuer noch so weit entfernt fein, die Leute warfen sich auf die Straße, die Frauen jammerten, die Kinder schrien. Keiner wußte zu befehlen. Keiner zu gehorchen, und es war in der Thal immer mehr Sache des lieben GolteS, das Feuer zu löschen, als der Erfolg der Menschen. In jener SchreckenSnacht war aber allerdings die Gefahr sehr groß. Das Feuer 'war in einem Brauhaus« ausgebrochen , wo viel Getreide und eine beträchtliche Masse Spiritusaufgehäuftwaren, dabei lag die-in dem gedrängtesten, bevölkertsten.Viertel der Stadt, wo die alten Häuser meist aus dem trockensten Gedälke bestanden, und daher das Feuer in rasender Schnelligkeit fortpstanzten. Wasser war fast gar nicht zu beschaffen und gefror in der Spritze, ehe es noch durch die Röhre hinaus geschafft war. Zum Unglück wehte auch noch ein starker Nordwind, der das brennende Getreide, bald auch in Brand gerathene Sparren und Kohlen weithin über die Dörfer trug. Ich will und kann die grenzenlose Verwirrung nicht schildern, die da. stattfand. Menschen waren genug versammelt, aber die Einen hinderten nur die Andern, und die Sachen, die man nach einer andern Seite gerettet, entzündeten sich bald da selbst, und verbreiteten Brand und Schrecken noch weiter. „Die heilige Schul' brennt!" erscholl bald unter den Juden, die an der Brandstätte versammelt waren, «in Schi ei des Entsetzen-. „Die Judenschule brennt!" riefen! )ie Christen darein. Die Juden stürzten in dg- Heilijlmm, Viel« verließen ihre eigenen brennenden Häuser und Lachen, um dort der Zerstörung eine Grenze zu setzen, ob«: wenigstens die heiligen Geräthe. zu retten. Ader es. r >ar trostlos. Da- Feuer, das von Westen he^rang, hatte bereits da- Beth hamidrasch und das Gemeindehaus in Asche gelegt, die Vorhalle und die Westseite ergriffen, und nahett sich schon der heiligen Lade, wo die Thoeahrollen n lit all ihrem Schmuck sich befanden, Rollen, von denen e ni'ge in ein hohe- Alter hinaufceichten und an Schönheit des Pergament- . und der Schrift ausgezeichnet waren, so daß ie in großer Verehrung standen. Alles war m Verzweiflung, raufte sich da- Haar, schlug sich an die Brust, i» d rief: Es muß ein Eher'(Sünde) in d^r Khilla (Gemein x) geschehen sein, daß der Heilige, gelobt sei Er!n»ns soßrssl!"- Mitten in dieses Getöse ertönte mit Einem Mqle der Ruf: „Der Wust kommt, der Wust kommt! Er will da- Feuer besprechen! Platz für den Wust — Gott segnte ihn, Gott segne ihn!" .. In der Thal theilte sich die Stenge schnell, und hindurchschritt — der wirre Wust. Hoch! aufgrrichtet schritt er einher, in seiner Gallakracht, dem bläusammtnen, goldbetreßten und silderbestickten Frack, dem dreieckigen Hütchen, dem Degen an der Seite. Ja, ec ,f)atte heute, wie wenn's zu Hofe ging, sein wüste- Haar unter ein« ^schöne Perrücke mit . glänzendem Beutel versteht. Er sah nicht recht-, er sah nicht links. Das Feuer prasselte, der Sturmwind heulte, die Balken krachten — tjt aber ging ruhig nach einer offenen Seitenpforte der Synagoge, hier blieb er einen Augenblick stehen und blickte Inj das Feuermeer, das drinnen schon wogte; dam» zog er seinen Degen, und stürzte mit einer übernatürlichen Schnell^keit hinein. Noch brannte der Almemor nicht; Wust mit gezogenem Degen bestieg ihn, kreuzte den Degen dem Feiuer entgegen und rief laute, unverständliche Worte mit einer Äiesenstimme; dann warf er sich vom Almemor hinunter und kreiste dreimal um denselben herum in rasender Eile, immer fechtend, immer schreiend — aler zum dritte» Male vor der heiligen Lade angelangt war — da brach plötzlich «ine ganz weiße Flamme aus der Decke herab, gerade auf Wust herunter, ein Krach, und drei Mauern der Synagoge und der ganze Dachstuhl brach zusammen und bedeckten den Unglücklichen — aber da- Feuer war wie verschüttet, kaum daß hie und da rin Flämmchen herausschlug auder Unmasse von Staub und Gepolttr, davom Boden mir heradgefallea — die heilige Lade, die Thorahrollen, der Schmuck waren gerettet, selbst der uralte sammtne Vorhang war unversehrt — die Feuersbrunst hatte ihr Ende erreicht. Man hatte eine ganze Reihe Häuser niedergerissen. In dem ungeheuren Trümmer» und Aschmhaufen fand man von Wust nichts weiter aldie StahLkliyge seines Degens und einigezusammengeronneae Geld und Silber der. Tressen. Man konnte von seinen Geheinen nichtunterscheiden, so sehr war Alles zu Asche verbrannt. Man setzte ihm aber dennoch einen Denkstein auf dem Friedhofe, denn Juden und Christen verehrten ihn als den, der „das Feuer besprochen" und' die Stadt vßm Untergänge gerettet. Sein Nachlaß wurde , von einem fürstlichen Eonimiffarius versiegelt und weggefchafft. Wohin, erfuhr man nicht. Berwandtt hatte ft nicht Hinterlagen. Friede leche» Seele!

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