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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 3 (1861) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
3 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 Züge mir also zu deuten;'aber bei dem tiefen Eindrücke, den diese Erscheinung auf mich machte, steht das Bild des Manne« so lebhaft vor der Phantasie des GreifeS, wie wenn er soeben wieder hinter der Gartenthür verschwunden wäre. Hatten wir Kinder den ersten Schreck überwunden, so ergötzte uns zunächst der eigenrhümliche Gang, den er stet- und streng beobachtete: immer drei Schritte vorwärts und zwei zurück. So ging ec den Garten auf der linken- Seite, hinunter, dann in der Diagonale nach der rechten Seite, diese wieder hinunter, und dann in der Diagonale nach der! linken zurück, nach d-m Punkte, von wo er ausgegangm. [ Hatte er diese Tour einige zehn Male zurückgelegk, so kehtteI er bei schlechtem Wetter in da- Haus zurück, bei,gutem i , setzte er sich auf eine Bank -unter dem Baume, der in der! Mitte stand und .las einige Stunden meist in Büchern von großem Umfange, was uns nicht wenig Respect einflößte.— Niemals wagten wir übrigens seine Ruhe zu stören; denn als einst ein vorwitziger Knabe ihn verhöhnend bei seinem Namen rief, und wir Uns eilends auf die Flucht begaben, erschien fast in demselben Augenblicke die lange Gestalt auf dem Quecdrete des Stackets und rief uns nach: „Thut das noch einmal, böse Buben, und den anderen Tag seid Ihr rodt!" Wir glaubten dies buchstäblich und Niemand von uns wagte cs je wieder ihn zu rufen. — j Wie er es zu Hause triebe, blieb ein völliges Geheimnis denn die alte Magd, die ihn bediente, war ebenso schweigsam j und düster wie ihr Gebieter, und man erzählte sich, daß. ' als er sie in seinen Dienst^genommen, er sie in eine dunkle i Kammer geführt, wo auf einem schwarzbehängten Tische hinter einer bannenden Kerze ein Todtenkopf stand, vor welchem zwei gekreuzte Dolche lagen und-daß die Magd hierauf einen Eid leisten mußte, niemals Jemandem Etwas! von dem zu sagen, was sie bei ihm sehe und höre. Im Uebrigen erschien er niemals mehr auf der Straße, ebenso« , wenig in der Synagoge; doch ließ er sich sein bescheidenes Mahl aus einer jüdischen Kirche^ holen, so daß man daraus schloß, daß er an seiner Religiös festhielte. Ich sagte oben, daß der Mann im Gerüche geheimer Künste stand; vor Allem flüsterte nian sich zu, daß er es verstehe „ das Feuer zu besprechen." Sobald nämlich eine solche Feuersbcunst entstehe, daß die Menschen ihrer'nicht mehr Herr werden könnten, so, ging« er muthig in das Feuer hinein, und vor den Zauberformeln und den geheimen Cermonien, die er da mache, Lehe das Feuer urplötzlich still und könnte leicht gelöscht werden. Diese Kunst habe der frühere Landesfürst verstanden, in dessen Hause sie sich - von Regent zu Regent fortgepflanzt, indem Jeder sie in seiner Todesstunde seinem Nachfolger überlieferte. Bei dem Tode des^vorigen Fürsten war aber unglücklicher Weise der Thronfolger abwesend gewesen, und so die Kunst, das Feuer zu besprechen, mir Jenem ausgestorben. Es sei daher eia Glück, daß man jetzt einen Ersatz habe. Freilich war seit Menschengedenken kein solches Feuer vorgekommen, das die Kunst des Mannes auf die Probe gestellt hätte, aber von einem Ereigniß vor langen, langen Jahren wollte man-es ' mit Bestimmtheit wissen, und es war wohl Niemand in unserm Städtchen, der es in Zweifel zog. Aber man wird neugierig sein, Einiges über di« LebenS« fchickfale dieses sonderbaren Menschen zu erfahren, durch welche er. also geworden. Es stehen mir nur spärliche Nachrichten zu Gebote, und was ich weiß, will ich mittheilen. Man nannte ihn in der Stadt: „Wust, der wirre Wust." Od dies sein eigentlicher Name, ober nur ein Spitzname war wegen seines HaarwusteS ober feines sonderbaren Benehmens,-habe ich nie erfahren können. Ec war das einzige Kind armer, aber redlicher'jüdischer Leute, und zeigte schon in der frühsten Kindheit eine seltene Begabung und einen außerordentlichen Wissensdrang, welcher ihm alle Bücher verschlingen ließ, die ihm in die Hände fielen. Man erzählte, baß er in dem Städtchen, bei seinen Großeltern ein dort gedrucktes hebräisches Buch über Mathematik — wahrscheinlich Nechmod wrnaim — gefunden, und seitdem habe er sich mit Nichts weiter als mit mathematischen Figuren beschäftigt, zu denen er sich selbst aus Holz die Instrumente schnitzle. Sobald er von Jemandem gehört, daß er etwas Besonderes wisse, so lief er ihm so lange nach, bis er sich herbeiließ, es ihn zu lehren, sei es nun eine Sprache oder eine Wissenschaft. Dahingegen hielt er sich von aller Gesellschaft fern, redete Niemanden an, antwortete nur kurz und ungern, und brütete stets vor sich hin. Als er vielleicht achtzehn Jahre erreicht hatte, starben seine Eltern bald hintereinander weg, und Wust war plötzlich verschwunden. Man kann sich denken, daß man ihn wenig vermißte. Es mögen rsohl weit über 20 Jahre vörübergegangen sein, und .große erschütternde Ereignisse hatten die Gestalt derMenschett« welt vielfach verändert, als plötzlich Wust in seiner Vaterstadt wieder erschien. Wie eS ihm ergangen, erfuhr man natürlich nicht; aber aus einzelnen absichtslosen Kundgebungen setzte man sich zusammen, baß er die mannigfachsten Schicksale erfahren, stets und überall aber seinen Wissensdrang zu befriedigen gesucht, endlich —sonderbare Comdination, die nur in der französischen Aufklärungsepoche kurz vor der Revolution von 1780 möglich.war — trotzdem er Jude und Deutscher war, in einem gräflichen Hause kn Paris Erzieher und Hauslehrer wurde. Die Revolution'brach auS, und da sollte er, der sich zu den conservaliven Grundsätzen bekannte, dem unglücklichen König Ludwig XVI., der die Sünden seiner Barer so schwer zu büßen gehabt, einen großen Dienst erwiesen haben, weshalb er auch dem Könige vorgestellt und von ihm in irgend einer Weife ausgezeichnet worden. Die Wogen der Revolution schwollen höher, und die gräfliche Familie mußte sammt ihrem Hofmeister in einer Nacht mit Zurücklassung aller ihrer Habe aus Paris und Frankreich fliehen. So kam er, nachdem er Schiffbcuch gelitten am Leben, arm und gebrochen nach seiner Hejmath zurück. Und wie fand ec hier Alles verändert! Die mit ihm Knaben gewesen, waren zerstreut durch die Welt, oder alt und grau geworden, während die Eltern in das Grab gegangen oder unter der Wucht des Alters einherschlichen. Wenige erinnerten sich seiner und nicht zum Guten. ,Wust machte wirklich Anstrengungen, um sich den Menschen zu nähern. Auch fing er, um feinen Unterhalt zu gewinnen, 'einen kleinen Hausirhandel an. Aber beides glückte wenig. Wenn er mit Jemandem sprach, so waren seine Gedanken stets abwesend, er stierte ihn an und mußte sich mit Gewalt sammeln, um herauszustottern, was er sagen gewollt. Dies machte ihn unheimlich und. lächerlich zugleich, und nach den unangenehmsten Auftritten, sah er sich^genöthlgt, seinen Handel wieder aufzugeden. Plötzlich sahen die Leute eine- Morgens Wust in jener Gallakleidung, die wir oben beschrieben, über die Straßen gehen, geradezu nach dem fürstlichen Schlosse. Cr erhielt eine Audienz bei Serenissimus,

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