Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 3 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. iZur^ ' Retehrung und Unterhaltung aus jüdischem ZeKietkj. * HerauSgrgebeu von .. | Rabbiner vr. Ludwig Philippso« in Magdeburg.! Mo. 3. 1861.1 Bon dieser Zeitschrift erscheint wSchenUich eine Stamms. Preis des Jahr» gang« 1 Thir. Bierteljührig 7 # Rgr. «Ue Bllchhandlnage», Potzämter und Zeitungsexpedittouev nehmen Beftednvgen an. ^8: IMrg. 1. Quartal.] Scenen und Gestalten aus meinem Leben. 3. Der wirre Wust. In der Stadt, die ich seit langer Zeit bewohne, war <S vor Kurzem an der Tagesordnung, daß Feuersbrünste entstanden und einen ungewöhnlichen Umfang annahmen. Sie wurden so häufig, daß man sich zuletzt nicht mehr über Nacht aus der Stadt wagte, um nicht bei der*Rückkehr seine Wohnung in Asche zu finden. Polizei» und Criminal- Gericht thaten das Ihrige, inquirirten, arretirten, klagte^ an und urtheilten ab, ohne daß Jemand der Schuld über» führt wurde. Das war nun nicht angethan, das Uebel zu mindern. Endlich brach in einer Nacht in einem alten, großen Gebäude, worin eine Anzahl sogenannter kleiner Leute wohnte, ein Feuer aus, das, unter der hölzemen Treppe beginnend, sich schnell durch alle Stockwerke verbreitete, Bielen dm AuSgang unmöglich machte, fo daß — ich übertreibe es nicht — dreiundzwanzig Personen ihr Leben in den Flammen verloren. Mit diesem schrecklichen Vorfall hatten die Feuersbrünste auf ein Mal ihr Ende, und es vergingen Jahre, ehe wieder ein Feuer vorkam.v Man kann sich denken, daß in jener Zeit die Gemüthrr außerordentlich ergriffen waren, und man an nichts. Anderes dachte, von nichts Anderem sprach. So war es natürlich, daß auch in.mir Bilder aus meiner Kindheit und Jugend, die mit jenen schreckhaften Vorgängen in Verbindung standm, der Dunkelheit der Erinnerung entstiegen. Längst mtschwundene Schatten gingen an meiner Seele vorüber, und gewannen wieder Fleisch und Leben. Eine Gestalt beschäftigte mich, vor allen viel, bis sie alle Farbm wieder aufgefrifcht, mit welchen 'fr sich dem kindlichem Gemüthe eingeprägt, alle Umstände wieder um sich gesammelt hatte, unter welchen ich sie als zehn- bis zwölfjähriger Knabe kennen grlemt. Der Garten hinter unserm Hause stieß mit seiner linken Seite an die hintere eines andern, der mit einem hohen Stackete umgeben war, durch dessen Stangen man dennoch den Blick in das Innere jenes NachdargartmS gehabt hätte, wenn sie nicht durch GeiSblatt und andere Rankengewächse umwachsen gewesen wären. Dieser gehörte zu einem Haufe, welches auf der breiten Hauptstraße stand, in die man von der Msrigen, einer Seitengasse, rechts um die Ecke einbog. Wir Kinder hatten eine heilige Schm vor diesem Garten, wovon man die Ursache gleich erfahren wird. Nur wenn etwas größere Knaben bei uns warm, welche mit kleinen Stäben die Blätter der Gebüsche zwischm dm Stangm auseinander drängten, wagten wir es in jmea verrufmen Garten hinein zu schauen — wo es aber dann doch bisweilm vorkam, daß diese Operation jenseits bemerkt upd die Fortsetzung derselben durch einen plötzlichen Wurf oder Schlag verhindert ward. Verrufen sagte ich, denn 3« dem Gerten hauste ein Mann, der durch seine Sonderbarkeiten sich den Ruf eines Geistesverwirrtrn zugezogrn, zugleich von der tiefsten Gelehrsamkeit, und, wie man sich heimlich zuflüsterte, nicht unerfahren in allerlei Zauberkünsten sein solle. Man erinnere sich, daß gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bei einer großen, frivolen Aufklärung noch vjel Aberglauben vorhanden, war, und namentlich in der »jüdischen Masse, besonder« in kleinen Städten noch eine ungetheilte Herrschaft übte. Dieser Mann, der in , dem oberen, von Niemandem als einer alten Magd betretenen Stockwerk jenes Vorderhauses wohnte, erschien nur am Sadbath und an Festtagm in dem Garten, da aber sfcherlich, welche- Wetter auch sein mochte. Außerhalb de« Hauses oder Gartenwurde er aber niemals gesehen. S übstverständlich legtm wir uns daher gerade an. solchen Tagen auf die Lauer, den Mann zu schauen, dessm Anblick doch wieder unsere kindliche Einbildungskraft mit allen Schauem d«S Wunderbaren, mjt^allm Grauen de- Gcheimnißvollrn durchrieselte. Stundenlang konntm wir auS unserm Versteck in den Gartm spähm und er blieb leer, und die von g!elden Sandwegen durchschnittene Grasfläche mit dm altstämmigm Odstbäumen — etwas Anderebefand sich in ihm nicht — lag vor unda, still, träumerisch, unverändert. Plötzlich sprang die Garteupfotte auf, und herein trat di« lang erwartete und doch gefürchtete Gestalt d«S Sonderlings^-/ Sie erschien stetin einer und derselben prächtigm KleiiMg, . die aurinem ganz andern Leben-kreise stammen mußii und undaher gar fürchterlich dünkte. Besonderist mir noch der blansammtne, große Frack mit breiten Schößen ii der Erinnerung, der mit goldenen TrsAsn heßcht und über un6'"> über mt< silbernen Sternen brßkWr war. Emußte ein Hofkleid aüS der besten Zeit der französischen König gewesen sein, dazu rmg er «in dreieckig Hütchen mit Ti sssra besetzt und «inm Hofdegm an der Seite. Merkwür >iger Weise verschmähte er aber Puder und Perrücke, und tmg sein eigneflach-gelbe- Haar in einer ungeheuem 9 kaffe und Verwirrung, wadem stiere» grauen Auge jene Anzo chm^^ der Geistesverwirrung gab, in der» Rufe es stand. 1 hagere-, graue- Gesicht mit der Zroßen, gekrümmten \ käse, von einem beständigen Mu-kelspiel belebt, strafte dem »icht Lügm, obschon sein Mund von einer selten« Freiheit »nd von einem Lächeln der Güte und Harmlosl-kritu» piril war. freilich verstand ich Damals nicht, di« «MallmdM