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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 2 (1861) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
2 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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über das Thor hinaus zu geben, während die Schuhmacher-- Tochter in Krämpfen darnieder lag. Die Zeit mildert Alles — wie könnte sonst der Mensch herben Verlust tragen und lebend Ekamen Briefe an, und wieder Briefe,, und die Bewohner deS Hauses konnten den stolzen HeereSzug deübermüthigen Kaiserimmer weiter und weiter verfolgen, bis tief m; die Marken Polen-, in die einförmigen Wälder Rußland-. Plötzlich horten die Briefe auf eiuzutreffen. Die Communication wurde unsicher, abgeschnitten. Lange Zeit war man sogar über da- Schicksal der ganzen großen französischen Armee in Ungewißheit. Dann wälzten sich nach und nach schlimme Gerüchte heran, erst über einzelne, dann über alle Theile des Heere-. Man zischelte sich heimlich in die Ohren, man -flüsterte eeinander zu, endlich wußten di« Steine auf den Straßen davon zu reden. Düster blickten die wenigen Franzosen drein, die zurückgeblieben. Die Deutschen durften nicht jubeln, denn die bisherigen Sieger waren sehr empfindlich geworden; aber der Triumph leuchtete au-ihren Augen, und Blicken kann man nicht befehlen und sie nichtanklagen. Ader die Herzen der beiden Mädchen waren voll tiefer Trauer. Ze länger da« Stillschweigen dauerte, desto mehr schwand ihre Hoffnung; je ausführlicher die Nachrichten über den Untergang der französischen Armee anlangren, desto großer ward ihre Berzweifelung, denn sie zweifelten nicht mehr an dem Verluste ihrer Geliebten. Welche Tage de- Wehkamen über danette, reinliche Haudes Hoffiallschuhmachers — breiten wir einen Schleier darüber; nur Jakob behielt die Fasiung und sagte: „Mein Kind, es ist ein alter Spruch unserer heiligen Schrift: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gepriesen ewiglich." Die Eltern konnten nicht verhindern, daß di« beiden Mädchen Trauer anlegten, und selbst Jakob schickte sich an, Schiwa und^Hlauschim um den jungen Offizier wie um einen geliebten Sohn zu halten. Doch schdb er eimmer wieder auf, er wollte seiner tief gebeugten Tochter den letzten Schimmer der Hoffnung nicht verhüllen. Der Frühling de- Jahre- 1813 nahete, neue Heersäulen, oft ausechzehnjährigen Rekruten bestehend, rückten au- Frankreich zum Flußgebiet der Elbe heran. Es war Mieder Peßach — wie verschieden aber von dem vorjährigen-! Der Festschmuck war derselbe, die Gebete, der Bortrag, die Eeremonien dieselben, Rebekka hatte sogar auf Verlangen ihres Vater« de- Feiertages wegen die Trauerkleiber abgethan — ach daweiße Gewand stand ihrem verblaßten und verweinten Angesichte holdselig. Aber von der Freude deS Festes, von seinen Hochgefühlen und HerzenSgenüffen war nichtvorhanden. Erinnerte doch Alleum so mehr an den, der daS vorjährige Fest so beseelt und belebt hatte. Sieh, in. dem Augenblicke, wo der Vater den Herrn prie-, der feine Zusage treu vollführe und immer da- Ende bedenke — klopfte eS an die Stubenlhür, herein trat der Postbote und überreichte mit der diesen Leuten gewöhnlichen Freundlichkeit einen dicken Brief, der noch dazu frankitt war. Rebekka erbebte und zuckte zusammen. Schnell aber hatte der Vater den Brief umgewendet, und rief mit erhobener Stimme: „Hier ein rothe- Siegel mit der bekanntm Inschrift, dorr die Ausschrift von der Hand unsretheueren Berr! Er lebt, er lebt — gepriesen sei der Herr, der seine Zusage treu vollführt!" — Rebekka vermochte nichtzu sprechen, sie fiel an^ dm Halihrer Mutter, wo endlich ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft schaffte. Der Baker laS den Brief vor. Ich erhielt damals eine Abschrift deffelben, die ich hier mittheile, jedoch die zahllofm Liedesversicherungen und die Bescheidung Mannigfacher Abenteuer auSlassend, da sie uns zu lange ln Anspruch nehmen würden. i ° „Ja, meine theur» Rebekka, ich lebe, mein Herz schlägt, und zwar nur für Dich — aber ich muß dich! dittm, den Brief zu Ende zu lesen, bevor Du pich enlscheidest, ob ich für Dich allein leben dürfe. Datf grausige Geschick, die unerhörten Schrecknisse, die üdtt mich!ergangeq,! hadm zwar nicht meine Gefühle für Dich, aber! mein ganzes Wesen sehr verändert, und efragt sich, oh Pu diesen Mann noch lieben könnest, noch lieben werdest."! „Wer könnte die graufenhaften Erlebnisse, hie zahllosen Unfälle, den Hunger, den Frost,'den grausames Feind, den Verrath und die Unmensthlichkeit mit Worten schildem, welche unfern Rückzug aujenem La^»de der Fichtenwälder und Eisfluren auf immer bezeichnen j werden! | Wenn ich und Brandon (dies war der Name de-!katholifch0n Offizier-) nicht unter den unbeschreiblichen Strapazen und Entbehrungen erlagen, so geschah e-, weil wir uNS beide! gleich beim Antritt de- RükkzugeS bei dem Gott? aller Mtnschenföhne und bei der Lieh« zu unfern Mädchen in d^m schönen, reinlichen, deutschen HäuSchen unverbrüchliche Tret» schwuren, und diese mir der größten Selbstaufopferung übten. Der kärgliche Bissen des Einen, erhielt den Andern!zur Hälfte, der armselige Lumpen, den der Eine eroberte, wärmte auch den Anderen.; immer wachte der Eine, damit der Andere dem Tode de- Erfrieren« nicht in die Arme faste, und oft genug warf sich der Eine von uns dem Feinde entgegen, um die Flucht de- Anderen zu decken. Wir gehörten beide zu den Wenigen, die glücklich über die Bereffna kamen; aber unweit von Wilna überraschte unS ein Kofackenpulk. Wir wehrten uns tapfer, mit Aufwendung unserer letzttn Kräfte, alS ein Hermann mit seinem Säbel nzir fast den ganzen linken Arm vom Körper trennte. Ich sank nieder, aber Brandon war noch unverwundec, und dahieß, er vertheidigre mich mit seinem Leben. Zu unstrm Glück« zeigte sich ein Haufen Franzosen von ferne, unedle Kofacken eilten von dannen. Brandon verband mich so iWt er konnte, schaffte mich mit einigen -Lvneradm nach Witnq, bestürmte, «inen ansehnlichen Juden, mich bei sich aufzunchmen .. Ich sah diesen Helden der Treue nicht wieder. Während ich bewußtlos an meinen Wunden lag, ergriff ihn her Typhus, und raffte den Kraftlosen und von den.Mühseligkeiten gänzlich Erschöpften binnen vier und zwanzig Stunden hin... Die Russen rückten in Wilna eia. Da-! schrecklichste Schicksal kam über die verwundeten und krankeü Franzosen, die in Wilna lagen, da die Einwohner ihren Patriotismus, d. h. ihre Furcht vor den Russen dadurch kundgeßen wsltteu, daß sie die Unglücklichen aus ihren Häusern warfen. Mich rettete mein Glaube. Da ich eS niemals über mich hatte gewinnen, können, jmeS religiös« Symbol von Mir zu entfernen, weichemeine geliebte Mutte» beim Abschiede mit ihren zittrrnd,^Händen mir umg,hängt hatte I und mein Wirth diesebei mir auf dem bloßen Leide ßeftmdm, so regte sich sein Gewissen, er verbarg «nichts» einem Hinrerkämmerchen, bi« ich genesen war und brachte mich heimlich auder Stadt und durch andere Gjlauben-gerioffe» über

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