Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 52 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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207 komme« tonale, wenn fie ein selbstständige« nationales Lebe« als Pflanzstätte besäße. Er hott« selbst di« Sehire thiferelh von Wessely herbei, welche ich, zu meiner Schande gestand ich e«, damals noch nicht kannte, und las mit der ange» nehmsteo und eindringlichsten Declamation «ine längere Stelle vor. Der Student wie vir Commis und selbst der lustige Schneidergeselle lauschten den fußen und doch grandiosen Tönen, baren aber, um bas Vergnügen zu erhöhen, um die Uebersetzung, da sie kein Wort davon verständen. Hier zeigte sich das Talent des Herm S. in glänzender Weise. Denn so fließend, wie er das Original las, fügte er jeder Stanze in der Ursprache ohne Stocken und fast metrisch die klingendste und schwungreichste Uebersetzung hinzu. Wir waren entzückt und begeistert, und der Student trug darauf an, diesen hohen Genuß mit einer Bowle Punsch krönen zu dürfen. Ohne Complimente wurde es angenommen, wir schossen bas^eld zusammen, und der Schneidergeselle bot feinen Ankheil mrtzurch an, daß er die Ingredienzen holen wolle. Schnell war die Frau Prebigenn in der Küche, denn sie wußte, daß ein GlaS Punsch ein Lieblingsgetränt ihre« Mannes war, und daS helllodernde Feuer schaffte in eben so kurzer Zeit heißes Wasser, als der Schneidergeselle die andem drei Elemente, die zu dem Tranke gemischt werden sollten. Ungesehen hatte ich dem lustigen Boten die Mittel gegeben, um eine gute Flasche Wein mitzudringen, und so konnte der Student ein Gebräu zurechte machen, dessen Dust schon die Herzen Aller erfreute. Zu benr Trank gehörte Gesang, nach dem Pathos der Humor, und Herr S. zeigte sich dem letztem durchaus nicht abhold, wahrend seine Gegenwart doch von aller Unmäßigkeit und Uedertreidung[ zurückhielt. Nachdem der Studiosus einige Studentenlieder | zum Besten gegeben, kam mdlich auch der Schneidergeselle; an Die Reihe, uich empfing die Erlaudniß zu einigen beliebigen Production«». Er ging zum Zimmer binauS, und kehrte zurück mit einer ganz andern Gestalt und ganz anderem Gang,, die in der Mischung de- Pathos und der Carricatur «ine große Erwartung erregten. Plötzlich stand er still, sammelte sich und hob an: „Lein oder nicht sein, das ist die Frage." Er sprach dies mit so hohler Stimme, die aber bei dem dritten Worte in daschärfste Fiß überschlug, daß ein unauslöschliches Gelächter dem komischen Deklamator den günstigsten Erfolg sicherte. Nach Beendigung de« Monologs verschwand er wieder, kehrte meramorphosirt zurück, schnurrte durch das Zimmer, und sang: „Ich bin der Schneider Kakadu Gereist durch alle Welt". So wechselte, nicht ohne Geist und Geschick, der lustige Patron und bereitet« uns eine fröhlich« Stunde. Späterhin wandte sich die Unterhaltung wieder auf das Emste, und es war fast Mirremachr als die Gesellschaft auseinanbergiag. Es war ein sehr genußreicher Abmd gewesen, und altch bei mildem Schimmer des Mondes durch die stillm Ätraßrn nach meinem Gasthofe ging, sagte ich zu mir: Wo Geist und Liebe sind, da kann der stolz« Palast die armfelige Hütte beneiden. In der Thar malte ich mir au«, wie es mir ergangen wäre, wenn ich einer' Einladung zu einem magnifiquen Souper bei einem reichen I Geschäftsfreunde hätte folgen müssen. Alles steif und I geistlos und die emztg« Zuflucht der Spieltisch. Dennoch sollte auch die Kehrseite nicht fehlen. Im Laufe des Vormittags degegnele ich dem lustigen Schneider» gesellen, und er erzählte mir mit trauriger, Miene, baß in der Nacht die zweite Tochter des Herrn S. in Folge der Aufregung, und weil sie vielleicht von dem Wunsche genippt, an ihrem Herzkrampfe sehr heftig erkrankt sti, so daß man den Arzt hätte holen müssen und bi, Familie dis zum Morgen, wo sich der Zustand etwas gebessert, auf den Beinen und in großer Unruh« gewesen. Fünf Jahre später, gerade als der große Corse nach der Insel im fernen Weltmeer verbannt worden, kam ich abermals nach jener süddeutschen Stadt. ' Das ärmliche Haus in der schmutzigen Nebenstraße hatte, seine Bewohner gänzlich geändert. Der Prediger S. war erst in eine langwierig« Kranfhett verfallen, und hatte da- Augenlicht fast gänzlich verloren. Dann war die lang«, hagere braune Kran, fein Quälgeist durch ihre schlechte Wirtschaft, und sein Schutzengel durch ihre unermüdliche Fürsorge, an einem Nerveaschlage plötzlich verstorben. Harr bettoffea, senkte auch er bald sein gramdeladenes Haupt in hie Gruft. Bor der Geißel der Armurh waren die Kinder nach allen Seiten hin entflohen. Jetzt sind viele Iahrzehende darüber hinwegg,gangen. Der Name des Mannes lebt an seine« Wirkungsorte selbst, nachdem zwei Geschlechter auf. einander gefolgt sind, nur noch im Munde weniger Greise; der. Grabstein, der ihm unansehnlich genug von der Gemrinds gesetzt war, ist verwittert und umgefallen,, seine Schriften außer ihren Titeln in den bibliographischen Lexicis, aus den Händen des Volkes, verschwunden. So ist Alles dahin. Dahin? Nein, doch nicht. DaS lebendige Wort, da« er gesprochen, zündete damals in den Geister» Vieler, und an diesen entflammten sich Andere; und seine Schrift belehrte und forderte nickt Wenige, und diese belehrten und forderten Andere?— im Reiche des. Geistes ist Nichts dahin und geht Nichtverloren. Eine Auslegung. (64Iug ttut tt«. si.) Der Lehrer wandte sich uun zum folgenden Segensspruche, und, nachdem er einen anderen Schüler aufgeruftn, sagte er: Bei dieser Benedicrion wollen wir damit beginnen, womit wir bei der vorheraehenden angesaagcn. Wir wollen zusehen, ob nicht in derselben uns ein Fingerzeig zum richtigen Derständniß gegeben worden. Sie heißt also? Schüler. „Der Israel mit HeMtchftir krönr.'^ Fr. Welches Wort scheint hier einen Nachdruck'zu besitzen? , •, A. Das Wort „feint*', das dem Wörtchen „gurket" im vorhergehende« Eegensspmche gemäß, «inen besonderen Sinn haben muß. , Fr. Gut. Was wird gefetznt? A. Da« Haupt. Fr. Was debeutet wohl das Haupt? A. Gewöhnlich Anführer, Fürst. Fr. %Da aber Israel ohne Aofihrer und Fürst ist, so muß hier Haupt «ine andere und zwar eine inner» Veden» tung haben; welche wohl? t