Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 52 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 meisten auf sie selbst gewirkt, und ihnen eine heilsame Mitgabe war, daß sie sich selbst nicht verlören, da sie anfingen Andere zu werden, und wahrend sie glaubten, die Christen bekamen eine bessere Meinung vom Judenrhume, waren sie es selbst, die eine andere bekamen, was sehr gut und nochwendig war schon str die nächste Zeit. Ich gestehe offen, daß ich Tags zuvor mir vorgenommen, daS Haus deS Herrn S. nickt wieder zu betreten und die Einladung auf irgend eine Weise abzusagen. Jetzt, nach dem Eindrücke, den die Predigt aus mich gemacht, änderte ich meinen Vorsatz, und ging mit Vergnügen dahin; ich wollte auf Nichts achten, was mich dort erwarten konnte, und nur den Mann, den armen, würdigen Mann berücksichtigen. Dennoch fand ich mich angenehm getäuscht, als ich in das Wohnzimmer trar. Weit entfernt von aller Eleganz, ja selbst von aller sorgfältigen Sauberkeit, war es heute doch hier reinlich und aufgeräumt, und eine klare Luft im Gemach. Vor einem ältlichen Sopha stand ein großer runder Tisch, auf welchem eine Lampe hell brannte. In der Ecke des Sopha's saß Herr S.- und ein grüner Schirm verdeckte siinem zwar scharfen, aber geschwächten Auge das Lickt- Um den Tisch standen Stühle, welche, bereits von den Mitgliedern der Familie und einigen Besuchern eingenommen waren. Was ich sofort mir großem Vergnügen wahrnahm, war, daß sich die größte Sorgfalt der Familie auf. die Bequemlichkeit und Pflege ihres verehren Hauptes bezog. Man harre ihn ein Leverkissen hinter den Rücken gelegt, einen Schemel unter die Füße gestellt; und die lange hagere braune Frau stand immer neben dem Sitz des kleinen Mannes, um ihm das geringste Bedürfniß abzulauschen. Es wurde später Thee und Backwerk herumgereicht — beides freilich von sehr mittelmäßiger Qualität und der erster? in sehr gewöhnlichen Tasscn — aber dem Manne wurde immer zuerst, selbst vor den Fremden, darj geboren. Die Blicke der Binder dingen an dem Barer, um den sich ohne Zwang und ohne Glue alles zu drehen schien. ' Dies rührte mich tief, und es ward mir klar, daß mitten in dieser unverständigen Wirrhschasl und nachlässigen Er-j Ziehung dennoch daS lauterste, edelste Gefühl der Lebens-> hoben, war, die Liebe und Achtung vor dem Geiste. Herr S. bmpfing mich aus'S Artigste, und nahm meinen | Dank und mein Lob für feine Predigt mit feinem Lächeln und ruhiger Haltung, weder abwehrend, noch auffordernb, entgegen. Ich weiß nicht, wie es kam, aberunvermutbet "waren wir bald in die Geschichte feines Bildungsganges geraden, und er ließ einige Streiflichter auf feine Jugend! fallen.! Herr S. hatte nicht studirt, kein Gymnasium besucht,! überhaupt kein Schulzimmer betreten, und doch war er ein Gelehrter und ein tüchtiger Lehrer. Ec hatte keine Profefforen und keine Prediger gehört, sondern nur eine klejne Anzahl gedruckter Predigten durchstudirt, und war dennoch ern guter Redner. Das konnte nur aus dem Boden der Judenheil vor sechszig Jahren erwachsen. Jetzt, glaube ich, auch da nicht mehr, es sei denn in Polen und Rußland, wo gegenwärtig das anzuheben beginnt, was unter unS vor sechs dis sieben Decennien geschah. Es will mich so debünken, und ist mir erklärlich, da die Erfahrung lehtt, daß es allerdings von Zeit zu Zeit eine Epoche der größeren Productivktät giebt, und weil eine entwickeltere Zeit eine tiefere Bildung verlangt, die nur durch regelmäßige und langwierige Studien erreicht werden kann, wahrend die Zeit des Werdens sich mit jedem hervorstechenden Kopfe begnügt. Dazu Die Spannkraft des erwachten Geistes gerechnet, wird man mich nicht ungerecht gegen die Jetztzeit schelten können. Herr S. hatte das Brot der Armuth von Kindesbeinen an gegeffen, und wo es ihm voller gereicht worden, wie als Hauslehrer, wurde es ihm durch die Thränen der Hintenansrtzung und schlechten Behandlung verdorben. Aber je schmäler die leidliche Kost, desto reichere bor er seinem Geiste. So hatte ich denn auch Gelegenheit zu bemerken, baß er der französischen Sprache vollkommen mächtig und der lateinischen in etwas kundig war. Außer der hebräischen Muße, der er mit Glück opferte, galt aber seine höchste Verehrung dem deutschen Genius, und kannte er die Erzeugnisse desselben im ganzen Umfange. Doch werfen wir noch einen raschen Blick auf seine Umgebung. Hier saß ein rothwangigeS Mädchen mir schwarzen, glühenden Augen und weißen Perlenzahncn, viel Schwärmerei in Blick, Wort und Gederde. Es war gewiß die Sängerin und Lautenschlägerin von gestern. Neben ihr eine jüngere Tochter, sehr bleich und adgemagert: man konnte ihr Schicksal vom Angesichte lesen. Die Herren Jungen waren nicht da und wurden wahrscheinlich mit Vergnügen vermißt. .Dafür noch eine dunre Reihe junger Männer und Damen, die sammrlich in der Welt draußen eine gewisse gesellschaftliche Linie, welche die Reichen und Bemittelten von den Unbemittelten und Armen scheidet, nickt überschritten. Ein Student und einige Putzmacherinnen, einige gebildete Commis, auch rin Schneidergeselle aus der Verwandtschaft waren darunter. Als ich im Laufe der Unterhaltung mit Herr» S. njich verwunderte, daß er nur von der Jugend umgeben fc£ antwortete er mir, baß ec in seinen Erholungsstunben sich'am liebsten mit dieser beschäftige, venu sie sei frisch und lebendig, er brauche keine Rücksichten zu nehmen, und verlange keine von ihr. Aber, fügte «c lächelnd hinzu, wenn ich es auch anders wollte, so könnt' ich's nicht. Die achtbaren Allen meiner Gemeinden haben schon Sabbakh Nachmittag ihre pflichtschuldige Visite gemacht, und es wurde sehr ernstlich und weise über die Predigt, Schrift- und Talmudstellen disculirr, Bonmors und Anekdoten erzählt u. dergl. Am Aden» haben die Herren keine Zeit dazu, da ist cs der Spieltisch allein, der sie zu beschäftigen und zu fesseln vermag. Das Gespräch wurde allgemeiner und gerieth bald auf die Kunst. Nachdem einige Allgemeine Bemerkungen gewechselt waren, holte aus unser Bitten die älteste Tochter ihre Laute Herdei und produeirre uns ein ganz artiges Lied. Hierauf mußte der Student heran, und trug mir großem Pathos eine SchiUer'sche Ballade vor. Dies ergriff uns ganz und gar. Es wurde ein vergleichender -Blick auf die hebräische Poesie geworfen, und als ich es bedauerte, daß wir eigentlich doch nur Ueberreste der religiösen Dichtung unserer ehrwürdigen Nation besäßen, und selbst die hebräischen Dichter deS Mittelalters mit geringfügigen Ausnahmen nur dieselbe Richtung verfolgten, wurde Herr S. warm. Mil großem Nachdruck behauptete er, daß schon im Allerthum unser Volk auch andere Dichtungsweisen cultioicr hätte, wie das herrliche Hochzeirslied, der fünfundvierzigste Psalm, und daS Wehelied bewiesen, zählte eine Menge außerreligiöser Gedichte spanischer und italienischer Juden Über Liebe, Wein, bas Schach u. s. w her und glaubte, daß die neuhebräische Poesie sicherlich allen modernen gleich