Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 52 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Bolksblatt. L»r Belehrung und Anlerhattung auf jüdischem Hebiele. Herausgegebm voll (No. 52. 1860.1 Rabbiner Dr. Ludwig Philippso» in Magdeburg. :!:S 9on bicfn ArtNckritt «>|Mat W«ch«tt0ch (iu Strafte*. Prew M 3*&r* gang» X Hu. Vuneljähriü l’X «gr. BUt Buchb-odluogca. Postämter und ZeiNurgSexpedittmtr, oehme» Bestell,»,«, an. 17. ZaKrg. 4. ÖjuintiL] An die Abonnenten. Mit der nächsten Mummer beginnt das ^jüdische Volksblatt" seinen achtem Jahrgang. Die bisherigen Leistungen desselben bürgen dafür, daß das Versprechen der Redaction, sich auch fernerhin einen gediegenen Inhalt angelegen sein zu lassen, kein leeres ist. So begleite die regste Tbeilnahm» des resp. Publikums dieses Blatt auch auf seiner weitern Bahn! Die NedactigK, Scenen und Gestalten aus meinem-Leben. (Schluß von 1.) Ich ging rief betrübt aus dem Hause des Herrn S... Diewar der vieldeiobte Mann, auf welchen die Blicke aller wohlgesinnten Israeliten gerichtet waren? Und wenn auch seine Persönlichkeit durchaus nicht unvortheilhafr auf mich gewirkt hatte — wenn ich Geist und Würdigkeit mitten aus den tiefen Zügen der Sorge, der Entbehrung, de» Gram« auf dem mager« und durchfurchten Antlitz hrrausla- — welche Umgebung! welche Armuth! welche Erniedrigung i- Aus solchem Boden sollte die ueue^Herclichkeit Israel'« er» sprießen, die neue Aera aufgehen? .. . Doch verfehlte ich nicht am andern Morgen rechtzeitig in der Synagoge zu fein. Sie war gedrängt voll. Man konnte sehr viele christliche Besucher unterscheiden, auch vornehme, wie sich an der geräuschvollen Aengstlichkeit gewahren ließ, mit welcher ihnen Seitender Schulvorsteher Platz gemacht und eine Stelle in den Vorderreihen angewiesen wurde. Der Saddathgottesdienst ward mir großer Eilfertigkeit und Nonchalance adgethan, erst als der Vorsänger an das Gebet für den Fürsten, Hanotlieu ibeschua, gelangte, kehrte die Weihe de- Festes ein; eine Anzahl junger Leute trat um das »wewor heran, und Phrase um Phrase wurde vom Vorderer recitirt »der mit dem Lhore gesungen. Hierauf folgten noch einige hebräische Psalmen — denn an deutsche Lieder wagte sich damals noch Niemand heran — in ähnlicher Weise, und der Prediger bestieg die Kanzel. Der Gesang war allerdings mehr als Ankündigung wirksam, daß jetzt etwas Besonderes kommen werde, denn als ergrei» sende Vorbereitung; der Dorbettr figurirte viel zu viel, und der Lhor gab nur ei« mujones Gekreisch von fich. Ja, die Gesangesknnde hatte sich damals hereits bei den Juden verloren, wie sie sich auch jetzt — noch nicht wiedergefunden. Die Predigt entzückte mich dagegen gar sehe. Es war das erste Mal, daß ich eine solche hörte. Den» «ine Kirche selbst nur aus Neugierde z» dekrete», war ein« uns fremd« Sache, es lag so viel Unheimliches für uns darin, daß wir es durchaus vermieden. ,S. hatte ein schwaches, ader sehr angenehmes Organs er sprach nicht sowohl audem Herzen, ader aus voller Würdigkeit und Weisheit, was seine« Dart.n großen Nachdruck verlieh. Jetzt freilich! würde ich jagrn, di« Predigt war etwas kahl und sehr steif. Der jüdische Prediger nahm. sich den protestantischen gar zu sehr zu n Muster. Ein Text auder h. Schrift, und nun dt« ganz adstracre Exegese iu so und so vielen Uvterabtheilungen. Noch dachte man nicht, Talmud, Midrasch, Raschi und Aden-Esra wieder auf die Karmel zu dringen. Geschichte und Allegorie auf sie zu verpflanzen. Darum fehlte di« Phantasie, und der Schwung der Rede war nur durch die Klarheit und Einfachheit, ersetzt. Davon wußte man ader eben noch nichts. Di« Neuheit der Erscheinung, die in den jüdische» Gotteshäusern damals ganz unbekannte Weihe und Salbung ttzaren ihre volle Wirkung, der man sich völlig hingad. Dazu das Wort, das jedem jüdischen Hörer deutlich auf dem Antlitz stand: „Sehet Ihr, wir können das auch!" — Das Einzige, was mich etwas störte, war, daß der Redner ablas. Es dämmerte in mir, das soll» nicht sein. Doch wußte ich es nicht klar, und mochte meinen, er müßte doch am besten wissen, wie es zu machen fei, und bade! hatte der gme Mann «in scharfes Auge und eine gewandte Hand. — Das Amen der Predigt erscholl; der Redner erfaßte eine Thoraroll«, und hielt — ohne Blatt — 1 «in warmes, innige« Gebet für den Fürste« und fein Haus. Wieder Amen, noch ein hebräischer Psalm in der frühem Weist, und — die Masse strömte zum Haufe hinaus. Das Muffaphgebet war in einigen Minuten weggeplärrt. Als ich die Synagoge verließ, staadm Beste in Gruppe« auf dem Dorhofe, im Durchgänge, auf der Straße. Es wurde viel debattirr und gesticulirt. Man sah, das Wort war noch nicht, wie jetzt, vergessen,- sobald e« gesprochen war. Die Gesichter warm geröthet, voll Freud«. Jedermann wünschte sich Glück; das müsse auf die Christm gewirkt haben; nun dächten sie wohl anders von dm Jude« und dem Jubemhu««z»eine bessere Zeit wurde vorausgefühtt. Das ahnte» die guten Leutchm nicht, daß es dach am